Donnerstag, 30. März 2017

Welcome to the machine - Balaton Szupermarathon 2017

It's just one loop! - Dieser Satz ist so ungefähr der einzige, den ich aus der vielminütigen, engagierten Ansage des Event-Sprechers unmittelbar vor dem Start zur 1. Etappe des Balaton Szupermaraton, die natürlich zu 95% auf Ungarisch gehalten wird, herausfiltern kann. Da hat er wohl recht: It's just one loop! Wenn auch eine recht lange Runde. 193km um den Plattensee, allerdings verträglich verteilt auf 4 Tagesetappen von 43 bis 53km Länge. Damit steht die Veranstaltung im krassen Gegensatz zu der ansonsten ähnlich gelagerten Unternehmung exakt vor einem Jahr im Ostfriesischen. Nur die Höhenmeter bewegen sich in ähnlichem Rahmen, denn sie fehlen hier wie da fast vollständig.


It's just one loop!
Das erinnert mich spontan an diesen bekannten Ausruf von Neil Young bei einem seiner Konzerte: It's all one song. It all sounds the same! Und tatsächlich wird es für mich ein Lauf wie aus einem Guß werden - the water always to your right! - die Kilometer werden sich voneinander kaum unterscheiden, jede Etappe kaum von der vorherigen. Aber das alles kann ich in diesem Moment natürlich noch nicht wissen.

Vielmehr registriere ich erst einmal meine spontane Zuneigung zur Melodie dieser doch recht exotischen Sprache, die einen als West-Europäer ähnlich hilflos dastehen lässt wie das Türkische. Rechts, links, Mann, Frau - wenn es keine Piktogramme gibt, sondern nur Text, ist man komplett verloren. Nein, nicht ganz. Immerhin sind vier wichtige Wörter sofort erlern- und sogar nachsprechbar: Ja. Nein. Wein. Bier. Jó. Nem. Bor. Sör. Bei Danke fängt es aber - genau wie im Türkischen - bereits an, recht kompliziert zu werden - und ich arrangiere mich für die Tage mit der etwas legeren Kurzform köszi.

Eine ehrliche Reise liegt hinter mir. Nicht 2 Stunden Flug, die jede Entfernung eindampfen lassen und jeden sich unterwegs allmählich vollziehenden Wandel kaschieren. Per rumpeligem Nachtzug in die Puszta (oder jedenfalls an ihren Rand). Das summierte sich (mit großzügigen und auch tatsächlich erforderlich werdenden Umstiegs-Pausen in den Metropolen Wien und Budapest) auf letztlich genau 16 Stunden Wegzeit, allerdings wirklich von Haus zu Haus gemessen. Die Hälfte davon war Leidenszeit auf der mit 1,80m deutlich zu kurzen Pritsche im immerhin gut klimatisierten 6er-Abteil. Und es gibt sie noch, die verschrobenen Schlafwagenschaffner, die abends dein Ticket einsammeln, zum Abschließen der Abteiltür raten und dir morgens ungekämmt 2 absolut indiskutable Pappbrötchen mit einem immerhin heißen Instant-Kaffee servieren. Die Geste zählt. Du hattest also ein Frühstück. Die Sonne geht auf und wir fahren hinein. Ungarn - hier bin ich (zum ersten Mal) !

In Kelenföld, einem der zentralen Umsteige-Bahnhöfe von Budapest, gerät man in eine Zeitmaschine: Die Epochen vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (auch wenn wir jetzt eigentlich bereits wieder vor der Phase eines neuen Zaunes stehen) existieren - nicht nur hier - zeitlich parallel und sind oft von einem Punkt aus zu betrachten. Schaue ich von meinem Bahnsteig nach Westen, sehe ich einen hypermodernen Retorten-Bahnhof im Stile von Kassel-Wilhelmshöhe. Drehe ich mich auf der Stelle um 180° nach Osten, wandert mein Blick über die ruinenhafte Fassade des alten Bahnhofsgebäudes, von der quadratmeterweise der Putz abgeblättert ist und die hölzernen Verzierungen weggammeln. Oder ist das hier ein Freilichtmuseum? - Nein, das Klo-Häuschen ist in Betrieb und eben 'das' Klo von Kelenföld. Das Männerklo ist geschlossen. Aber das Frauenklo, wenn auch nicht in einem besonders guten, aber immerhin benutzbaren Zustand. Das in dem Schuppen hausende Männchen hat einen Zahn, hört Klassik und kassiert 150 Forinth. Ja, wir sind jetzt im Monopoly-Land und könnten ziemlich ungehemmt mit Tausendern um uns werfen.

Budapest-Kelenföld, alt & neu
besser als nichts


Nur noch eine gute Stunde und gute 100km in einem Sechziger-Jahre-Style-D-Zug trennen mich vom Start- und Endpunkt der läuferischen Expedition rund um den Balaton am nordöstlichen Seeufer in Siófok (s wird immer wie sch ausgesprochen, außer sz = s, daher auch Szupermaraton). Dafür sind gerade mal 7.60 Euro zu berappen (oder eben 2340 Forinth). Im Taxi vom Bahnhof zum Hotel gelten dann deutsche Preise (3km = 3000ft). Dafür erhält man aber vom freundlichen, fast fließend Deutsch sprechenden Fahrer eine Stadtrundfahrt mit allerlei Erläuterungen. Erster Eindruck: Diese Stadt ist geschlossen, zumindest in diesem ufernahen Bereich. Eine reine Sommerferien-Oase im ausgehenden Winterschlaf. Kein Restaurant, kein Hotel, keine Bude - und von all diesen gibt es reichlich! - hat geöffnet. Außer eben das Hotel Magistern, gleichzeitig Veranstaltungszentrum, wie der Bahnhof Kelenföld ein (teilweise) aus der alten in die neue Zeit hinübergeretteter (Platten-)Dinosaurier mit 10 Stockwerken, aber zweifellos in traumhafter Lage 50m neben dem Seeufer. Ich bekomme ein Zimmer im 6. Stock - mit Balkon. Wow - dieser See ist definitiv riesig, was soll das geben? Der Teppichboden im Zimmer - bzw. die Stellen, an denen er noch existiert - stammt definitiv aus der alten und das schicke Badezimmer definitiv aus der neuen Epoche (Uli erzählt mir später, dass das letztes Jahr noch anders war und bedauert die jetzt fehlende Badewanne).

Wir werden die ganze Veranstaltung über immer an diesen Typus Hotel gefesselt sein - große, objektiv häßliche, merkwürdigerweise völlig überheizte Betonburgen, nachträglich versuchsweise etwas aufgehübscht mit Spa- und Wellness-Gedöns, gleichwohl die einzigen Möglichkeiten, zu dieser Jahreszeit die Hunderte Teilnehmer und Begleiter aufzunehmen. Aber hier ist ja auch kein Urlaub i.e.S. zu verbringen, sondern es sind eher lebenserhaltene Maßnahmen wie Ernährung und Schlaf gefragt. Und diese Anforderungen erfüllen sie uneingeschränkt.

Nach einem erfreulich auswahl- und umfangreichen und nicht in allen Komponenten durch tierische Komponenten verunreinigten Abend-Buffet und dem Zusammentreffen mit den ersten deutschen Teilnehmern (mit denen man auch in der Heimat schon manch Runde geschlurft ist) geht es trotz des späten Starts zur 1. Etappe (10.45h) recht früh auf's Zimmer. Poldi gibt seinen Abschied, auf einem echten Röhren-TV. Sein Jahrhundert-Tor hab ich aber bis heute nicht gesehen...

Blick abends vom Hotel-Balkon in Siófok auf die markante Halbinsel im See


Nach den Vorhersagen stehen uns mindestens 3 trockene, frühlingshafte Tage bevor, wobei gleich der erste der wärmste werden soll. Insofern bin ich für die morgige Hauptwindrichtung SW recht dankbar, denn das bedeutet Gegenwind, also Kühlung. Ansonsten zeichnet sich die erste Etappe neben ihren gut 48km durch eine unglaublich geringe Komplexität aus: Es geht fast wirklich schnurgerade und topfeben am Seeufer entlang bis nach Fonyód. Das bedeutet (zunächst) Gefahr einer äußerst uneinheitlichen, einseitigen Bräunung. Etappenorte unterwegs sind Balatonföldvár, Balatonszárszó, Balatonszemes, Balatonöszöd, Balatonlelle, Balatonboglár. Alles klar? In diesem Stil geht es um den ganzen See. Aber wird das als Ablenkung ausreichen? Und jeder, der schon mal einen wirklich flachen Ultra gelaufen ist, weiß, dass sich das mit der Dauer anstrengender darstellen kann als ein leicht welliges Profil, bei dem man abschnittsweise mal etwas mehr tun muss, sich dann aber auch zum Ausgleich kurz eher passiv rollen lassen kann. Auf einer flachen Strecke muss aber jeder Meter aktiv erlaufen werden.

Was kennzeichnet die Strecke grundsätzlich sonst noch? - Nun, sie geht zu 80% durch besiedeltes (aber wie gesagt aktuell nicht unbedingt bewohntes) Gebiet (Ferienhäuser jedweden Baustils und -zustands). Das bedeutet, dass spontane Klogänge relativ schnell zu einem Problem werden können und der Abwicklung dieses Themenbereichs vorab im Hotel besonders große Bedeutung zukommt. Allerdings gibt es bei einigen VPs auch Dixies. Aber erfahrungsgemäß muss/kann man an diesen Stellen dann ja nicht. - Der Balaton wird insgesamt so ufernah wie möglich von einer Bahnstrecke umrundet. Logisch, dass wir uns immer in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Gleise befinden werden. Sie definieren einerseits die größtmögliche Flachheit der Strecke und andererseits irrsinnig lange Geraden (die ich ja inzwischen innig liebe, vor allem, weil die Konkurrenz dort meist mit dem Fluchen anfängt, was sie primär schwächt). Und machen natürlich mehrere Bahnübergänge pro Tag erforderlich. Es gibt eine offizielle Regelung, dass man sich ggf. bei Wartezeiten "ausstempeln" kann. Wir haben recht ungewohnte Zeiterfassungs-Chips (allerdings von der vom TU oder Mauerweg bekannten, sehr zuverlässigen Fa. SportIdent), die man am Start und Ziel in kleine Pseudo-Steckdosen halten muss, also keine Funkerfassung im Vorbeilaufen. Solche Kästchen soll es auch an den Bahnübergängen geben. Ich sehe keine, habe aber auch GsD nicht ein einziges Mal eine Wartezeit und sehe das sowieso ganz entspannt. Dass es am Ende nach 193km tatsächlich um Sekunden gehen könnte, hätte mir vorher keiner erzählen dürfen. Aber: Hinterher ist man immer schlauer und hätte ich mir meinen einzigen Pinkelstopp in den 4 Tagen verkniffen, wäre der AK-Sieg meiner gewesen. Wirklich verrückt!

Tag 1
Wir traben also los. Unmittelbar auf der sonnigen Ufer-Promenade. Das grünblaue, klare Wasser kühlend neben uns geht der Blick hinüber zum von Hügeln gerahmten Nordwest-Ufer, wo wir übermorgen unterwegs sein werden. Kaum vorstellbar, dass dieser See, der etwas größer als der Bodensee ist, nirgends über 3m und im Mittel weniger als einen Meter tief ist. Insgesamt gehört dann das Laufen direkt am Wasser leider eher zur Ausnahme, meist geht es auf ruhigen Sträßchen durch die Ferienhaus-Siedlungen oder auf Radwegen durch die Uferwälder oder Schilfgürtel. Die Karawane der Begleitfahrzeuge - etliche Fahrräder, aber noch mehr Autos - folgen uns, insgesamt aber weniger störend als eine willkommene Abwechslung bietend. Täglich sind einige Hundert Läufer auf den Beinen, neben dem eigentlichen 4-Tage-Solo-Etappenlauf gibt es auch noch Wertungen von Lauf-Paaren, 3er-Staffeln, Einzeletappenläufern, und einem getrennten Halbmarathon am 2. und einem getrennten Marathon am 3. Tag. Zum größten Teil handelt es sich bei den Teilnehmern um Einheimische. Von den lt. Startliste 312 in meiner Wertung Gemeldeten sind nur 44 Ausländer, und von diesen 17 Deutsche, und von diesen fast alle  in meiner AK (hier gibt es nur 10-Jahres-Klassenwertungen, also für mich 50-59). Wie immer.


Nach wenigen Kilometern beginne ich mir leichte Sorgen zu machen: Die Uhr zeigt eine kumulative pace von 5:15min/km an. Beim Baltic Run letztes Jahr (5 * 65km) war ich in 5:45 bis 6:00 unterwegs, bei der Ostfriesen-Serie (4mal Marathon) in 5:20 bis 5:30. Das soll hier ja kein Geballer werden, sondern ein "ruhiger Aufbau-Wettkampf". Schwupps, während ich so grübele, zeigt die Uhr schon 5:12. Und so geht es weiter. Ich atme kaum, bleibe bei den VPs (alle 5-8km) sogar kurz stehen, und trotzdem fällt die pace weiter bis auf 5:09. Kann das gutgehen? Für heute wohl schon, aber was ist mit den Folgetagen? -  Nicht mal die Rauchschwaden von den zahlreichen Gartenfeuern, die über die Strecke wehen, können mich ausbremsen. Ich halte einfach die Luft an, wirklich!

jetzt muss der Öppel noch in die Dose!
Im Ziel in Fonyód nach 48.3km in 4:10:00h fühle ich mich ziemlich surreal - völlig entspannt und unangestrengt. Es gibt beruhigenderweise, wie bei SportIdent gewohnt, sofort einen Quittungs-Bon über die Zeiterfassung in die Hand und (wie an den Folgetagen auch) eine dicke Versorgungstüte mit Süßem (Original Balaton-Riegel!), Salzstangen, Frischem (Apfel, Banane) und sogar einem echten Bier. Das ist mal 'ne Ansage!


Ich setze mich in die Sonne auf eine Parkbank und finde einfach nichts, was in diesem Moment besser sein könnte. Wenn jetzt noch der Rücktransfer nach Siófok (wir übernachten nochmal im selben Hotel, also auch kein Stress mit dem Einchecken etc.) einigermaßen zügig klappt, bliebe nichts zu wünschen übrig. Zwei äußerst nette Dispatcher (Namen leider nicht erfragt) kümmern sich heute und an den Folgetagen professionell und individuell um die Verteilung der Finisher auf die Busse, trotzdem dauert es doch fast eine Stunde, bis der erste 50-Sitzer seine Fahrt aufnehmen kann. War ich so weit vorne im Feld oder haben die Schnellen keinen Bus gebucht? So sind wir erst um 17:30h wieder in Siófok, also alles in allem doch ein recht langer Tag für die vergleichsweise kurze Laufzeit.

Beim Abendessen, das sich GsD nahtlos an die Dusche bereits ab 18h anschließt, findet sich dann der "deutsche Tisch" um Uwe, Uli, Beate, Sandor & seine Radbegleiter (aus dem kältesten Dorf Deutschlands) und mich allgemein gut gelaunt zusammen. Das Bier ist zu preiswert, um es auszuschlagen, das Buffet lässt wie gesagt auch für Ernährungsspezialisten wie mich keine Wünsche offen. Die aushängenden Ergebnislisten werden studiert: Platz 5 für mich in der AK, wobei der Erste genau 10min Vorsprung herausgeholt hat und die anderen wesentlich enger vor mir liegen. Aber hinter mir klaffen auch nicht gerade große zeitliche Lücken und so wird es morgen Abend mit einiger Wahrscheinlichkeit ein neues Tabellenbild geben. So gemütlich es auch ist - dies hier ist ein Wettkampf und kein Trainingslager, also ab in die Koje - oder zumindest in die Horizontale darauf.

Tag 2
Es ist immer wieder spannend, welchen Fehler man sich als nächsten bei einem Ultra, und sei er noch so kurz, leistet. Ich habe heute bei den Wetterdaten geschlampt, irgendwie vorausgesetzt, dass alles so wie gestern sein würde, also schulterfrei / Spaß dabei. Im Prinzip stimmt das auch, und wir starten ja auch erst wieder um 10:30h, nur der Wind, der Wind, das himmlische Kind, der hat gedreht und weht heute sehr frisch aus Norden, also direkt über das Wasser, und noch vor wenigen Wochen war der Balaton komplett zugefroren... Man hat zwar neben dem Hauptgepäck, das heute nunmehr mit uns nach vorne wandert (allerdings auch nicht direkt in den Zielort Szigliget, sondern nach Keszthely am äußersten Westende des Sees, dass wir nach 33km passieren werden - wir müssen am Ende also wieder Bus fahren...), noch einen gesonderten Start-/Ziel-Beutel. Aber in dem steckt heute bei mir keine Windjacke und so schlottere ich die gute Stunde von der Busankunft am Start (Zielort von gestern) bis zum Startschuß ganz gehörig. Mehr oder weniger in letzter Minute entscheide ich mich, trotz Sonne doch nicht wieder das Singlet zu wagen. Als Alternative hab ich dummerweise nur ein schwarzes Langärmelteil dabei (und keine Armlinge), das könnte natürlich zu warm werden, aber im Zweifelsfall besser schwitzen als frieren.
Im Gegensatz zu gestern, als es noch einen initialen Massenstart ohne Chip-Aktivierung gab (also gleiche Startzeit für alle), wird ab jetzt grob in der Reihenfolge der bisherigen Wertung gestartet und dabei in mehreren Startgassen der Chip im Vorübergehen aktiviert, so dass das Feld schön entzerrt auf den Weg kommt. Von der Distanz her steht heute die Königsetappe an, mit knapp 53km immerhin wirklich ein kleiner Ultra, noch zudem mit einer ausgewachsenen Bergankunft unterhalb der riesigen Festung von Szigliget.

Ich bin froh, als es endlich losgeht und Aussicht auf's Warmwerden besteht. An der Charakteristik des Laufens ändert sich zunächst nicht viel: flach, lange Geraden, Bahnübergänge. Das verleitet zur Unachtsamkeit oder gar zum Einschlafen. Dabei ist der Asphalt des teilweise recht maroden Balaton-Rundradwegs, dem wir wann immer möglich folgen, häufig durch unterquerende Baumwurzeln aufgewölbt. Perfekte Stolperfallen! Einen Schweden erwischt es leider heftig und er darf Tag 3 und 4 mit eingegipstem Handgelenk vom Streckenrand aus verfolgen. - Aber ich halte die Konzentration bewusst hoch, auch was die Ernährung unterwegs angeht. Ich habe einen groben Plan, an welchen VPs (die grundsätzlich Abstände zwischen 5 und 8km einhalten und alles Erforderliche anbieten) ich meine 3 mitgenommenen Gels einwerfe. Ansonsten fülle ich dies giftig-blaue Powerade (was mir offenbar gut bekommt!) in meine kleine Handflasche (und verzichte fast vollständig auf Cola), und nehme an jeder Station ein paar Salzstangen, that's it. Hat gestern funktioniert, und funktioniert heute wieder.

Ziemlich genau nach der Hälfte der Distanz nimmt der Streckenverlauf am südwestlichen 'Ende' des Sees eine scharfe Wendung aus der westlichen auf eine nördliche Richtung. Und wir stehen damit plötzlich direkt im Wind und mit dem bisherigen geruhsamen Dahintraben ist es schlagartig vorbei, zumal das Gelände nun auch erstmalig leicht wellig wird. Blick zur Uhr: Kann ich die bisherige Durchschnittspace halten? - Stimmt, das habe ich ja noch gar nicht erwähnt, da steht seit km10 heute eine doch recht erstaunliche 5:06 auf dem Display! - Seit vielen Kilometern ist ein Läufer in Sichtweite um mich rum, mal bin ich 20m vorn, mal er. Nach der Gesichtsfurchentiefe durchaus ein Kandidat für meine AK. Läuft wie ein Uhrwerk. Typ HB-Männchen: Klein, leicht, kein Gramm Fett, eigentlich auch keine sichtbaren Muskeln. In diesem Moment weiß ich noch nicht, dass es Zoltán, einer meiner 2 Konkurrenten für das AK-Podium ist, aber ab dem nächsten Morgen kennen wir uns dann... Jedenfalls ist er heute und auch noch mal am letzten Tag der Garant dafür, dass ich nicht ins Bummeln komme. Trotz Gegenwind und Wellen bleibt die pace bis ins Ziel also bei 5:08.
Meine heutigen 5km-Splits:
25:44 - 25:22 - 25:27 - 25:15 - 25:30 - 25:48 - 25:50 - 25:33 - 25:32 - 26:05
Welcome to the Machine.

Zoltán zufällig gerade mal hinter mir, oft war es auch umgekehrt

Im Ziel unterhalb der Burgruine hat sich die Sonne leider hinter einer dünnen Wolkendecke verkrochen und der nach wie vor recht frisch wehende Wind sorgt dafür, dass man schnell zu frösteln beginnt. Ich orientiere mich also zügig Richtung Transfer-Bus. Das erwähnte Team mit den Bus-Listen erwartet mich schon und man gibt mir zu verstehen, dass man bemüht sein wird, einen 9-Sitzer-Van so schnell wie möglich zu füllen und vor den großen Reisebussen auf den Weg zu schicken. Das ist natürlich doppelt genial, denn 1. dauert es nicht so lang und 2. geht das Check-In im Hotel auf diese Weise natürlich ebenfalls deutlich schneller über die Bühne. Diesmal lande ich zwar nur im 1. Stock, genieße aber dennoch wieder einen ziemlich großartigen, ungestörten Blick auf den See. Und hier hat man sich löblicherweise bei der Grundsanierung des Etablissements dazu entschieden, auch die Badewanne zu erhalten, so dass es ein sehr wohltuender Vor-Feierabend wird.
Von deutschen Kollegen daheim an den Geräten erfahre ich dann bald, dass ich nunmehr um 40sec vor dem 3. in der AK (Zoltán) liege, aber inzwischen um 14min hinter dem nach wie vor führenden László. Positive Interpretation: Ich war heute nur noch 4min langsamer als er und nicht mehr 10 wie gestern. Ist mir aber auch ehrlich gesagt ziemlich egal, so lange es weiter so läuft wie bisher, nämlich super. Keinerlei muskuläre oder orthopädische Handicaps, maximal 2 Zehennägel sehen nicht wirklich gut aus, aber das taten sie auch bereits zu Beginn der Unternehmung nicht.


Tag 3
Ohnehin als kürzeste Etappe mit 45,2km angesetzt, muss die Distanz am 3. Tag um weitere 3km reduziert werden. Grund dafür sind umfassende Bauarbeiten im Zielort Balatonfüred. Also genau "nur" ein Marathon. Aber Vorsicht: Falle! -
Der Startpunkt liegt heute nicht am Ziel von gestern, sondern einige Kilometer weiter Richtung Osten in Badacsony. Auf der Fahrt dorthin erkenne ich auch den Grund dafür: Hier zieht sich eine sumpfige, schilfüberwucherte Bucht des Sees weit landeinwärts, und die ufernächste Trasse ist die der Hauptstrasse, die hier noch nicht einmal von einem Radweg flankiert wird. Eine gute Entscheidung der Veranstalter, uns diesen kurzen Abschnitt zu ersparen, auch wenn dadurch die lückenlose Umrundung des Sees verhindert wird. - Am Startpunkt neben einer Tankstelle ist die Hölle los, denn heute ist Samstag und es findet ein gut besuchter, begleitender Solo-Marathon statt (der sich logischerweise nun die komplette Strecke mit uns See-Umrundern teilt). Die unverbrauchten Recken gehen aber eine halbe Stunde vor uns auf die Piste, so dass es zu keinen besonderen Stockungen unterwegs kommen dürfte. Nach der Verabschiedung der täglichen Frühstarter (Teilnehmer, die am Vortag erst innerhalb von 15min vor dem cut off ankamen) begebe ich mich auf einige lockere Einrenk-Runden auf dem Parkplatz und treffe dabei auf Zoltán, der sehr offen und sympathisch ist und gut englisch spricht. Intuitiv schätze ich ihn als den Stärkeren von uns beiden ein, auch wenn er 3 Jahre älter ist (und damit eigentlich in die M60 gehört, aber wir haben hier internationale, also am Geburtstag orientierte AKs). Mann wird sehen. Den AK-führenden László kenne ich bis dato noch nicht (nur seine Start-Nr. 305, evtl. taucht die heute ja irgendwann mal auf ...).
Erneut bin ich ehrlich ziemlich überrascht, als ich nach 2, 3km eine pace von unter 5 auf der Uhr sehe, die dann auch auf den folgenden Kilometern Bestand hat. Ich ergebe mich wie an den Vortagen ansatzweise mutig meinem Schicksal und bremse mich nicht künstlich aus. Ich bin vor Zoltán gestartet und sehe ihn nicht, laufe also einfach mein Ding runter. Ich nehme die hübschen, angenehm - weil klein und bescheiden - daherkommenden Kirchlein in den Dörfern wahr, schaue nach links hinauf in die bewaldeten Hügel, auf denen es mehrere verlockende Aussichtstürme in offener Holzbauweise gibt, die bestimmt eine überragende Aussicht bieten, und passe auf, dass ich nicht in eine spontan aufgerissene Beifahrertür eines der heute wegen des Marathons noch zahlreicheren Begleitfahrzeuge donnere.

"Hast Du die Raketen und Panzer heute gesehen?", werde ich abends gefragt.
"Nein!", antworte ich wahrheitsgemäß.

Es dauert nicht lang, bis man auf die Langsamsten des Solo-Marathons aufläuft. Bekanntermaßen macht einen so etwas auch nicht langsamer. Und dann sehe ich vorne plötzlich diesen Läufer, der ein aussichtsreicher Kandidat für die Nr. 305 ist. Er trägt seine Startnummer ordnungsgemäß vorne und so bleibt mir, um letzte Gewissheit zu erhalten, nichts übrig als ihn zu überholen, was bestimmt 3km in Anspruch nimmt. Tatsächlich - er ist es! - Ich ziehe bei km27 vorbei und stelle triumphierend fest, dass ich jetzt 1. AK in der Tageswertung bin. Denn Zoltán (#236) muss hinter mir sein. Dies ist so eine Art 'point of no return' für mich: Wenn Du vorbei gegangen bist, solltest du auch vorne bleiben, wenn du dir nicht eine arge Blöße geben willst. - Und vielleicht liegt in der Konzentration auf diese Gedanken um Positionen und mögliche Rennausgänge auch der Grund, dass ich eigentlich wichtigere Aspekte, wie z.B. die Ernährung, heute etwas vernachlässige. Insbesondere fehlt mir wohl das Salz (kaum Salzstangen gefuttert). Jedenfalls fühle ich ab km35 doch merklich den Mann mit dem Hammer sein Werkzeug über mir schwingen, muss also erstmals kämpfen, die pace annährernd zu halten. Und dann rauscht ohne jede Vorankündigung Zoltán bei km38 an mir vorbei. Ich bin völlig überrascht und habe keine Chance, ihm zu folgen. Ultra-Fehler Nr. II: Ich war davon ausgegangen, dass ich ihn heute nicht (mehr) sehen würde, und hatte nur 'Angst' gehabt, dass die 305 mich noch einmal einholt. Ich hatte mich an einem Szenario ausgerichtet, dessen Eintreten in keinster Weise gesichert war. Eigentlich peinlicher Anfängerfehler, schadet aber nicht, wenn er ab und zu mal wieder passiert.

Im sonnigen Ziel wird immerhin noch eine glatte 3:31h für mich verbucht, eine Marathon-Zeit, die ich in letzter Zeit auch nicht jeden Tag gelaufen bin, und erst recht nicht mit 100km aus den Vortagen in den Beinen. Die Marathon-Durchgangszeiten am 1. und 2. Tag waren 3:38h und 3:35h, und so platt, wie ich jetzt hier auf der Wiese liege, ist eines klar: Die wird morgen, wenn es noch einmal über 50km gehen wird, nicht noch einmal gesteigert werden können.

Diesmal liegt das Hotel 15km voraus in Balatonmádi. Ich sitze wieder im 1. Shuttle und darf mich dann fast im Himmel wähnen - 10. Stock! - geniale Aussicht. Wieder völlig überheizte Bude, allerdings auch direkte Südseite. Ich tanze splitternackt vor dem Fenster rum, blicke auf den modellbahnmässig unter mir liegenden Bahnhof und freue mich auf ein wirklich entspanntes Bad in einer dieser seltenen Wannen, in denen auch ich meine Gräten mal komplett ausstrecken kann, als es klopft. "What's your name, Sir?" - "aschu." - "Ok, here is your passport!" Augenscheinlich leicht unterzuckert hatte ich den wohl auf dem Weg vom Check-in zum Zimmer verloren...

die 3 Lauftage haben bereits Spuren hinterlassen
Per SMS trudeln ungefragt die neugierig erwarteten Infos ein: Zoltán liegt wieder 3:39min vor mir und hat mir heute somit auf den wenigen Kilometern noch über 4min abgenommen! Auf László konnte ich nur gut 2min gutmachen und er liegt immer noch 11:39min vor mir. Später entnehme ich der ausgehängten Liste, dass mein Vorsprung auf den AK-Vierten 25min beträgt. Das legt für mich nahe, mich morgen nicht mehr allzusehr zu schinden und den 3. Platz entspannt zu verteidigen. Auch dafür soll es bereits einen Freistart für den nächsten Balaton-Lauf geben! Ich könnte mir locker pace 5:25 erlauben, falls der 4. im selben Tempo wie bisher weiterläuft! - Als ich diese Gedanken mit H. aus Bad K. in Deutschland kommuniziere, bekomme ich böse eins auf's Dach und die Devise "ANGRIFF!!" ausgegeben. Der hat gut reden! Immerhin ist der Start morgen bereits um 8 Uhr (und nicht wie bisher immer erst nach 10) und heute Nacht auch noch Zeitumstellung (in die 'falsche' Richtung)! Wecker auf 5 Uhr (also gefühlt 4), Bus geht um 6:40h!


Tag 4
Die spannendste Frage für mich am frühen Morgen: Wie wird mein Verdauungstrakt mit dem geänderten Zeitregime heute umgehen? Ich möchte angesichts der Tabellensituation nicht unbedingt ein oder zwei Minuten unterwegs in den Büschen verbringen müssen. Hoffentlich gibt es im Startbereich etwas Grünland und Auslauf... Ja, Glück gehabt, den gibt es. Wir starten vom östlichen Ortsrand von Balatonfüred, wo gestern eigentlich auch das Ziel hätte sein sollen. Novum in der pre-race-Prozedur heute ist, dass die bisherigen drei Schnellsten der AKs vom Ansager aufgerufen werden (das kriege ich natürlich nur darüber mit, dass irgendwann auch mein Name fällt). Mein durchaus ernstgemeinter Plan, hier heute die Position nur noch zu verwalten, wird damit arg torpediert, denn nun stehen die "schnellen" Hunde (und Hündinnen!) alle ganz vorne vor dem Feld und als die Startfanfare ertönt, bleibt mir nichts übrig, als mich mit ihnen in Bewegung zu setzen. Es weht ein eiskalter Wind (wir haben ca. 5°) aus Nordost. Das bedeutet Gegenwind auf den ersten 20km, Seitenwind entlang der nordöstlichen Schmalseite des Sees zwischen Balatonfüzfö und Balatonakarattya (hübsche Namen, oder?) und Rückenwind im Endspurt auf den letzten 15km heim nach Siófok, wo exakt am Startpunkt des ersten Tages der Zielbogen stehen wird. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und Ärmlinge und die TGC-Weste dabei. Ich lasse alle vor: Zoltán, László, und die führenden zwei Damen, wobei ich mich frage, wie die zweite, Éva, in ihrem Spaghettiträger-Singlet und den nicht nur tighten, sondern grenzwertig kurzen pinken Shorts (kann sie aber durchaus tragen!) in dieser Kälte überleben will.

Ich laufe 'auf Sicht', also die 236 und die 305 immer in Reichweite. Solange das so bleibt, ist der 3. Platz nicht in Gefahr. Ich mache mich dabei nicht tot, aber es läuft auch nicht gerade von alleine und schon wieder muss ich diese erschreckende pace auf meiner Uhr sehen: 5:05 (hat das was mit meiner Startnummer zu tun? 4:65 ist ja immerhin auch 5:05!) - "Aschu, komm, lass sein, was soll der Unfug?" - "Aber H. hat doch gesagt ..." - "Ach, lass den doch, der hat gut reden und schlürft gerade seinen 2. Kaffee." - So geht das ein paar Kilometer lang, was nichts daran ändert, dass die 236 und die 305 immer noch 50m vor mir hergurken. Nur das rosa Höschen ist längst nach vorne enteilt (hatte ich die ganzen Tage zuvor ja auch nie gesehen). Rennleiter (versenyigazgató) Árpád kommt wie jeden Tag mehrmals auf seinem Motorroller vorbeigetuckert und schaut nach dem Rechten.

Bei km8 ist die 236 plötzlich ziemlich weit vor der 305, und ob ich will oder nicht, auch ich komme László kontinuierlich näher und überhole ihn schließlich. Seine Gesamterscheinung transportiert nur eines: Das dürfte heute hart für ihn werden, sehr hart. - Und ich sollte mir daher überlegen, ob ich anfangen möchte, an seinen 11:39min-Vorsprung ernsthaft zu knabbern. Was ist mit Zoltán, der 236? Hat er gestern bei seinem fulminanten Finish überzogen? Nicht unbedingt auszuschließen, denn ich bin ziemlich konstant durchgekommen, und vorher ist er auch die ganze 2. Etappe sehr gleichmäßig mit mir gelaufen. Kann er das auffangen? Aber auch er muss erstmal noch ca. 8min auf László gutmachen...  Zoltán hat Support durch seine Frau, die mit dem Auto unterwegs ist. Dieser Support beschränkt sich aber absolut auf das Reichen von Getränken und Gels an den VPs. Zoltán bleibt keine Sekunde stehen, und wenn ich über zähe Kilometer 50m auf ihn gut gemacht habe, sind die an den VPs wieder futsch, weil ich bei meiner Ernährungsstrategie bleibe, die u.a. das Auffüllen der Handflasche umfasst. Vom km13 bis 20 stehen wir voll im Wind, zudem geht es oft leicht bergauf. Er bleibt hinter mir, sehr nahe, will er meinen Windschatten saugen? Soll ich anfangen, mich darüber zu ärgern? Nein, nein, ich verbiete es mir. Das Ding hier wird bestimmt anders entschieden.

Ab km 22, als wir die äußerste nördliche Bucht des Sees hinter uns haben, ist endlich etwas Erholung angesagt. Seitenwind. Erstmals Sonne heute, eine Wohltat. Weste aus. Handschuhe aus. Es rollt leicht bergab. Sammeln. Essen. Trinken. Dann bald ein erster vergleichsweise scharfer Stich bei Balatonkenese hinauf auf die Uferterrasse, gefolgt von einem kaum laufbaren Steilstück bergab zurück zum See. Zoltán ist wieder hinter mir, nachdem er bei km25 schon endgültig nach vorn entschwunden zu sein schien. Dann der längste, steilste Hügel des ganzen Rennens hinauf zum VP bei km35 in Balatonakarattya (wir reden von albernen 50 Höhenmetern auf 500m Distanz, also immerhin 10% Steigung, die nach 170km mit durchschnittlich unter 1% wie eine Wand wirken). Ich laufe durch, aber im Schongang, sodass sich der Puls so wenig wie möglich erhöht. Ich höre nichts mehr von hinten. Ich dreh mich nicht um. Ich verpflege mich 'in Ruhe', nun doch ein flüchtiger Blick über die Schulter: keine Spur von Zoltán! Keine Euphorie jetzt hier bitte! Es sind noch 15km, auf denen kannst du 15mal sterben!

Was ist das da vorne? Ein rosa Höschen. Wird größer. Kommt näher. Bei km39 hole ich Éva ein und sie fragt mich freundlich auf Englisch, ob ich was dagegen hätte, wenn wir zusammen weiterlaufen würden. Nee, natürlich nicht, auf keinen Fall! Bloß: Warum hab ich sie eingeholt? Genau, weil ich (heute) schneller bin als sie. Und so bleibt das auch. Und nach einem gemeinsamen Kilometer, während dem ich ihr wohl gehörig Energie abgesaugt haben dürfte (so ist das meinem Gefühl nach wirklich oft, wenn zwei nebeneinander herlaufen: Einer gewinnt Energie auf Kosten des Anderen!), fällt sie endgültig zurück. Mein Marathon-Durchgang heute: 3:35h.


Ich renne jetzt wieder fast konstant unter 5er pace, teilweise sogar 4:45, ich segle mit Rückenwind! Es ist nicht mehr weit! Es ist eine spektaktuläre Szenerie: Ein weiter, gleichmässig geschwungener Uferbogen, wohl der schönste Abschnitt des ganzen Rennens. Wir laufen ca. 30 Höhenmeter oberhalb des Wassers, und ja, ich kann es schon sehen, das Ziel, das durch den wuchtigen Klotz des Hotels markiert wird. Der Rest ist jetzt überschaubar. Ich kann es jetzt laufen lassen. Gebe 90%. Den Rest brauche ich noch für die Rückreise (diesmal kein Liegewagen)!

Welcome to the machine - reloaded!


Ich komme unglaublicherweise in einer ähnlich guten Verfassung an wie nach der ersten Etappe. Ich bleibe diesmal einfach im Zielbereich stehen und schaue auf die digitale Rennuhr. Mindestens, allermindestens 3:30min müssen jetzt verstreichen, bevor die 236 in die Zielgasse einbiegen darf. Dann wäre ich mindestens Zweiter. Was mit László ist, steht in den Sternen. Ich kann jetzt Erster sein, Zweiter oder Dritter. Ich freu mir einen Ast über diese Spannung und Ungewissheit. Los, blöde Uhr, tick schneller!! - Da kommt Zoltán. Nach 3:30min. Ich fasse es nicht! Wir umarmen uns. Keiner weiß, wer jetzt hier um wieviele Sekunden vorne liegt. - Die Info kommt wieder prompt aus Bad K.: "Gratuliere, Platz 2! 28sek fehlen!" Mein erster Gedanke: Ich werde lieber auf diese Weise Zweiter als andersrum Erster. 28 Sekunden Differenz auf die Distanz von 193.3km in meiner Geschwindigkeit: Das entspricht nach meinen Berechnungen 91 Metern. - Und wenn wir schon aus diesem Anlass notgedrungen auf die Gesamtzeit schauen: Da stehen 16h27min - 18 Stunden hatte ich mir vor dem Lauf als Optimum ausgemalt (und Uli wiederholte während der Tage seine Forderung, dass ich 'baden gehen' müsse, sollte ich diese Marke unterbieten [dieser Plan {und somit nicht ich} ging am Ende dann doch 'leider' unter...]). Zufriedener kann man also kaum sein. In der Gesamtwertung bedeutet das den 16. Platz (von 202 Finishern) bei den Männern und (wie gewohnt) die '3. Frau'. - Nur ein klitzekleiner Zweifel bleibt: Musste diese 29sek-Pinkelpause am ersten Tag wirklich sein?

Eine ganze Etage im Hotel ist für die Läufer für's Umziehen und Duschen freigegeben, und ich zelebriere das ausgiebig. Wow, der ganze Aufriss, der letztlich auch finanziell nicht ganz unerheblich war, hat sich also gelohnt! Die Wartezeit bis zur Siegerehrung verbringe ich neben der Verabschiedung von Uli, Sandor und den radelnden Sachsen, die sich bereits auf die Rückreise machen, nicht zuletzt mit wirklich herzlichen Erörterungen zum Rennverlauf mit László und Zoltán. Einfach nette Typen! Bei der Zeremonie wird vernünftigerweise mit den Einzel-Komplettrunden-Läufern angefangen. Der Saal ist voll und es gibt viel Applaus. Neben einem hübschen, handlichen Pokal (der noch irgendwie in den Koffer passt) gibt es für mich tatsächlich Freikarten für den nächsten Balaton UND den Budapest-Marathon im Oktober (schon gebucht!).

das M/W50-59-Podest. Doch noch auf gleicher Höhe mit Zoltán

Ich gönne mir wieder ein Taxi zum Bahnhof. Und noch ein wohlverdientes Bier beim Warten auf den Express nach Kelenföld - in der freundlichen ungarischen Frühlingssonne. Gut, dass ich letztes Jahr nach dem vergleichbar erfolgreich verlaufenen Mauerweglauf nicht wirklich aufgehört habe - ich hätte was verpasst!

 

Sonntag, 12. Februar 2017

BC 2017 - meine letzte

Viele halten das ja für einen mittelmäßigen Scherz.
Ich nicht. (Eigentlich.)

Dass wir vom ASFM "es" (Orga) können, haben wir unter Beweis gestellt. Dass ich "es" (BC laufen) kann, steht auch in den Akten. Wozu das Ganze also überhaupt nochmal, immer wieder? Gibt es noch eine Entwicklung? Entwicklung ist notwendig, Stillstand langfristig tödlich. Ein Naturgesetz. Deswegen habe ich das Briefing abgegeben. Wie gut!! Ich wäre nie mit dem neuen touch screen panel zur Steuerung der Beleuchtung und Beamer im Hörsaal klargekommen. Will es auch nicht! - Das ist keine Entwicklung in meinem Verständnis, das ist nur hinderlicher Ballast. Alles Gute ist einfach.

Dann fängt die Musik an. Dazu die Bilder aus 13 Jahren. Ich lasse sie nur einmal im Jahr an mir vorüberziehen - eben dann, wenn am nächsten Tag die BC bevorsteht. Für mich ist es diesmal die bisher beste Performance von Markus, begleitet von seinen Söhnen, alle blasen, der eine in Holz, die anderen in Blech. Improvisieren. Der Ton schwillt an, die Spannung steigt und wird greifbar. Das harmoniert perfekt mit der absolvierten Streckenlänge  und der zunehmenden Höhe des Schnees auf den durchlaufenden Fotos. Es wird vermeintlich immer lauter, prägnanter, der Hörsaal müsste eigentlich irgendwann bersten!? - Ich bin nicht der einzige, der sehr beeindruckt ist. Am nächsten Tag wird mir im Ziel im Goethesaal auf dem Brocken eine Spende zugesagt, die ihre Motivation allein aus diesem Intro des Briefings bezieht. Das ist wahre, wertvolle Entwicklung.

Die vollzieht sich auch anderenorts. Es gibt zum ersten Mal Supporter-Startnummern. Die wurden quasi eingefordert: "Ich will nicht mitlaufen, mich aber offiziell vollfuttern dürfen, und spende den Starterbetrag!" - Es gibt Leute, denen es schlicht egal ist, ob sie einen Startplatz bekommen oder nicht. "Ich komme sowieso, ich will dabei sein!" - Zu den Gruppen der VP-Teams gehören Personen, die 500km anreisen, um sich einige Stunden in die Kälte stellen zu dürfen. Wichtige Funktionen wie z.B. die Strecken-Endkontrolle werden durch Externe übernommen, sie melden sich eigenständig, man muss niemanden bitten. Solche Menschen gibt es, nicht nur einen. In dieser heutigen Welt. Das macht wirklich Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Es gibt auch andere Facetten. Da laufen welche ohne Startnummern mit, nutzen die gesamte Infrastruktur und "rechtfertigen" das damit, zweimal nicht gelost worden zu sein. Recht erbärmlich. Sie haben die BC noch nicht verstanden. Vielleicht kommt es ja noch (und die beiden Helden überweisen nachträglich ihren Beitrag und erkennen, dass sie sonst letztlich Hilfsbedürftige beraubt haben). Sie hätten sich ein Beispiel an denjenigen nehmen sollen, die jahrelang nicht gelost werden, ruhig bleiben, und dann unter die Regel fallen, die ihnen einen Startplatz garantiert. Übt Euch in Geduld - eine der wichtigsten Tugenden eines Ultras, der sich wirklich so nennen darf!

Zurück zum Thema: Entwickle ich mich noch? Ja. Auch beim 10. Mal. Alles, was ich hier gesagt hatte, gilt. Jede BC ist anders. Auch die 10. Jede BC tut weh. Und jede BC tut gut. Diesmal mit Jan zusammen. Vermeintlich zufällig, auf jeden Fall ungeplant. Aus jeder BC kann man etwas ziehen. Es gibt keinen Stillstand, auch wenn die Strecke unverändert bleibt. Es werden Startnummern mit auf den Gipfel getragen und somit "geweiht", für Läufer, die liebend gern teilgenommen hätten, aber verhindert waren. Sie wurden vermisst, aber sie waren dabei.

Rekorde sind unwichtig, vor allem bei der BC (postulierte mal ein schmächtiger Berliner).
Aber sie können dennoch das Zünglein an der Waage sein, wenn es gilt, immer wieder neue Motivation aufzubauen für diesen (Höllen)-Ritt. Motivation ist unabdingbar für die BC. Wir haben neue Melde-, Starter- und Finisher- und Spenden-Rekorde. Entwicklung!
Und ich habe jetzt 5 Ergebnisse in einem 4-Minuten-Zeitfenster (10:22 - 10:26) auf dem Kerbholz.
Damit habe ich Werners Stetigkeitsrekord (5x 11:35 - 11:39) zumindest schon mal eingestellt.
Er hat aber 6 Ergebnisse in einem 8-Minuten-Zeitfenster.
Das werde ich 2018 angreifen.

 aschu






Montag, 22. August 2016

Neuland - Mauerweglauf 2016

Dass der Titel meines Blogs mal so gut passen würde, konnte ich ja nicht ahnen ...

Wie das Blut in unseren Adern strömen wir keineswegs kontinuierlich durch diese Stadt. Eine ungreifbare Macht scheint die 300 Läufer in Grüppchen von 20 bis 30 Leuten durch die Straßen von Mitte und Kreuzberg zu pumpen. Sind es 5 beats per 10 min, die der Pulsschlag der Ampel-Taktung vorgibt? - Jedenfalls sind die Ampelintervalle in Berlin länger als gewohnt. Sozusagen ein echter Ruhepuls, hier auf den ersten paar Kilometern. Das passt also prinzipiell zum Vorhaben, aber schrill ist es schon, wenn sich alle paar hundert Meter eine Horde vermeintlich Erwachsener vor einer morgendlich verwaisten Metropolenkreuzung aufstaut, sich gegenseitig argwöhnisch bis ratlos beäugend. Hier traut sich (noch) keiner, der erste Lemming zu sein. Ein DSQ will keiner riskieren, und wer weiß - vielleicht meinen die Veranstalter es ja wirklich ernst damit, dass das Überqueren roter Ampeln ein no go [sic!] sei ...

Mir bleibt nur die Besinnung auf den Umstand, dass es völlig egal sein muss, was hier auf den ersten 5 von insgesamt 100 Meilen passiert. Und es wäre wohl auch noch egal, befänden wir uns bereits bei Meile 20 oder 30. Aber dort wird der Ampel-Spuk schon lange vorbei sein, bzw. der Mut der Kandidaten inzwischen gewachsen, nach einem absichernden Rundumblick (irgendwelche gelben Westen in Sicht?) den gesunden Menschenverstand zu seinem Recht zu verhelfen. Am Ende wird aber bei keinem einzigen Läufer ein DSQ in der Ergebnisliste stehen.

100 Meilen, 161km - für mich gleich 60km mehr als jemals zuvor am Stück. Es sollte ein besonderer Lauf sein, bei dem ich mich dieser selbst auferlegten Aufgabe stellen wollte. Und ein laufbarer Lauf, bei dem ich meinen Rhythmus finden kann. Ohne den würde es kaum gelingen können. Damit fällt die Entscheidung für den Mauerweg-Lauf quasi zwangsläufig. Eine große, geschlossene Runde auf der ehemaligen Grenzlinie um West-Berlin. Nur dort, wo diese Linie durch Wasser verläuft, werden wir abweichen. Auf keinen Fall ist der Mauerweg ein reiner Asphalt-Lauf. Nicht gänzlich flach, aber alles andere als hügelig. Obwohl, man sammelt über den Tag immerhin auch knapp 1000 Höhenmeter, wobei höchster und tiefster Punkt nur ca. 35m bzgl. der Höhe auseinanderliegen. Wir werden unsere Füße fast ausschließlich auf einen wenige Meter breiten Streifen setzen, auf den man 28 Jahre lang gerade keinen Fuß setzen konnte, ohne unmittelbar Gefahr zu laufen, erschossen zu werden. Bizarr. Wie kann es zu solchem menschengemachten Irrsinn kommen, und wodurch wird er wieder beendet? Auf den Tag genau 55 Jahre nach dem Beginn des Mauerbaus werde ich solchen Fragen ausreichend lange nachgehen bzw. -laufen können (aber wohl kaum Antworten erhalten).

Am Brandenburger Tor haben die Veranstalter eine symbolische Mauer aus Holzquadern errichtet. Die vorbeikommenden Läufer tragen sie Stein für Stein ab, reißen sie also ein. Ein zentraler Gedanke des Mauerweg-Laufes: Erinnerung an die Errichtung und das Bestehen der Mauer, und an die Menschenopfer, die sie (indirekt) kostete. Aber auch Feiern ihres Niedergangs und den "Sieg der Freiheit". Nach dem Lauf bekommen die Teilnehmer diese tollen Erinnerungsstücke, neben einem echten Mauerstein-Splitter, mit nach Hause.


Ich laufe bei km72 durch Griebnitzsee. Mir fällt das Straßenschild einer Nebenstraße auf: "via tilia", in exakt dieser Schreibweise. Ungewöhnlich. Ich schaue hinein in diese Straße: Nach 30m versperrt ein mannshohes massives Metalltor den weiteren Zugang zu den Häusern, ganz im Stil z.B. von mittleren Wohnquartieren in Nizza, wo ich gerade war, und wo man sich durch mindestens 5 Tore/Türen schließen muss, um in seine Wohnung zu gelangen. Warum wird so etwas nötig? Häuser? Eher Villen, Anwesen, mit rückseitig angrenzendem Seeufer. 2 Porsche Minimum im Carport. Auf Marmor geparkt. Was passiert hier? Von den Auswüchsen einer Diktatur befreites Terrain wird der vermeintlichen Freiheit sogleich wieder entrissen, und nicht mehr öffentlicher Bereich mitten in einer Siedlung geschaffen? Ganz anders motivierte Zäune und Mauern wieder hochgezogen, an denen zugegebenermaßen wohl nicht geschossen werden wird? Auch diese Zäune werden keinen Bestand haben, so viel steht für mich fest. Bis dahin wünsche ich den Menschen, die sich und ihren übermässigen Reichtum dort einigeln müssen, gutes Wohlbefinden und ruhigen, nur selten durch Fehlalarme gestörten Schlaf. Und dass die Torschließautomatik nie den schönen Porsche zerquetscht. Die nächsten Plattenbauten stehen fast in Sichtweite. Die via tilia verläuft auf dem ehemaligen Todesstreifen.

Eine Beobachtung zieht sich als Muster über den gesamten Verlauf der Strecke: Der ehemals freie Streifen erscheint (im besiedelten Bereich) als Großbaustelle, wobei die neuen Gebäude oft wie Fremdkörper in der Umgebung rechts und links davon wirken. Aber die Grenze verlief auch durch Felder und Wälder, und hier darf sich abschnittsweise (noch) die Natur zurückerobern, was ihr temporär entrissen war. Wahre Idyllen wenige Kilometer vom Hauptstadtbrausen entfernt.

161km - das bin ich vorher ein paar Mal mit dem Rennrad gefahren, also vor -zig Jahren. Hat jedes Mal gereicht! Fast 4 Marathons am Stück. Oder 5 sogenannte "lange Läufe". Was wird es bedeuten, ca. 20 Stunden lang ununterbrochen dasselbe zu tun? Man kann nicht 20 Stunden schlafen, man kann auch nicht 20 Stunden arbeiten (ich jedenfalls nicht), wieso sollte man 20 Stunden laufen können?
Wie teile ich mir diese Distanz ein? Gängige Strategien sind: Von VP zu VP "leben". 27 VPs!! - Bei meinem ersten Halbmarathon (auch das war einmal eine "neue" Distanz, und ist keine 10 Jahre her) bin ich von Kilometerschild zu Kilometerschild gelaufen, habe sie sozusagen "eingesammelt". Das hatte gut funktioniert, entwickelte sich sogar recht kurzweilig. Soll ich hier jetzt "VPs sammeln", ein paar mehr als Kilometer beim Halbmarathon? Und in Abständen, die fünf bis sieben Mal länger sind? - Eine andere Praxis ist es, sich unterwegs darüber zu freuen, schon ein Achtel, ein Viertel, die Hälfte, zwei Drittel, drei Viertel der Gesamtstrecke geschafft zu haben. Was ist ein Achtel von 161km? Und was bedeutet das einerseits für den bewältigten Anteil vom Ganzen (wohl nicht besonders viel!) und andererseits für das Körpergefühl (für mich sind 20km immer noch eine überdurchschnittliche Trainingsdistanz, nach der man ruhig merken darf, dass man gelaufen ist). Wird man sich über das Erreichen der Hälfte freuen dürfen, wohl wissend, dass man damit zwar sinnbildlich von Göttingen auf den Brocken gekommen ist, aber jetzt leider in Abweichung vom sonstigen Verfahren auch noch wieder zurücklaufen muss? - Oh je!!
Ich erinnere mich an meine erste BC, 2008, meinen ersten Ultra. 80km nach bis dato einem (!) gelaufenen Marathon. Da kannte ich all die erwähnten Möglichkeiten, sich die unüberschaubare Strecke in handhabbare Häppchen zu zergliedern, noch nicht. Rein intuitiv legte ich mir damals folgendes Konzept zurecht: "Du wirst 10 bis 12 Stunden unterwegs sein. Bevor nicht mindestens diese Zeit verstrichen ist, wirst du nicht am Ziel sein. Du musst einfach 10 bis 12 Stunden in Bewegung bleiben. Wann du unterwegs wo sein wirst, ist völlig egal, du musst einfach einen kompletten Tag laufen (und gehen)." Das funktionierte dann ausgezeichnet (ich kam nach 10:24h an) und trotz einer lächerlich geringen Zahl von Trainings-Kilometern konnte ich diesen Lauf einfacher finishen als viele andere danach. Diese Methode schien mir daher recht geeignet, jetzt wieder bei dem 100Meilen-Versuch zur Anwendung zu kommen. Natürlich in leichter Abwandlung. "Bevor nicht mindestens 20 Stunden verstrichen sind, wirst Du nicht am Ziel sein. Du wirst den kühlen Morgen genießen, den wärmer werdenden Vormittag, während des heißen Nachmittags hoffentlich genug Schatten finden, dich im beginnenden warmen Licht des Abends auf die bevorstehende Kühle der einbrechenden Nacht freuen können. Du wirst mehrere Stunden im Dunklen laufen. Du wirst vielleicht warten müssen, bis es wieder dämmert. Du wirst ganz sicher ankommen, es wird nur lange dauern. Bleib einfach immer in Bewegung!"

Das kann hier kein Laufbericht werden. Soll es auch nicht. Aber dass dieser Lauf gelang, sogar besser gelang als je ernsthaft für möglich gehalten, lag neben einer wohl einigermaßen sachgerechten Vorbereitung (allerdings wurde keinerlei Trainingsplan verfolgt) vor allem auch am Erscheinen hilfreicher Geister zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Zunächst schon lange vor dem Rennen. Andere 100Meilen-Novizen, mit denen man die eigene Unsicherheit teilen konnte. Dann 100Meilen-Profis, auf die man etliche Male im Verlauf des Jahres bei anderen Veranstaltungen traf und die einem über den Leistungsabgleich und die Saison-Planung ungefragt Sicherheit vermittelten, nicht gänzlich auf dem falschen Dampfer zu sein. Gute Wünsche im Vorfeld von vielen nah- und nicht so nah Stehenden. Leute an der Strecke. "Was machst Du denn hier?" - "Ich will sehen, wie es Dir geht!" - Falk, Martin, Silvio und Sabrina - Danke! - für wie immer gelungene Fotos und die kältesten Weizen des Mauerwegs! Und das Ziel-Bier. Danke an alle, die mir vom Lauf vorgeschwärmt haben (am eindringlichsten tat das Frank während der 24h in Rüningen 2014 [während derer ich längst keine 100mi zusammen bekam, der nächtliche Schlaf war mir wichtiger]). Auch ich empfehle ihn weiter. Und sage und denke nicht mal direkt nach dem Ziel-Einlauf: "Nie wieder!" Bin viel zu neugierig auf die andere Laufrichtung. Den hügeligen Reinickendorfer Wald gleich zu Beginn. Mit wenig Ampeln. Überfüllte nächtliche Bürgersteige gegen Ende in Kreuzberg. Kreuzungen, an denen man froh sein wird, dass es eine Ampel gibt. Hoffentlich wird die nächste "rot" sein, damit man endlich wieder stehen bleiben darf. 

[Hier sollte eigentlich Schluß sein. Dann sind mir doch noch paar Sachen eingefallen]

Der Beginn des Mauerweg-Laufes im Uhrzeigersinn, also zunächst über Mitte mit Reichstag und Brandenburger Tor nach Kreuzberg mit Checkpoint Charlie, und dann entlang der East Side Gallery nach Treptow, ist mehr noch als der Berlin-Marathon zunächst ein wahrhaftiges Berlin-Sightseeing. Und man hat am frühen Morgen selbst diese Stadt noch fast vollständig für sich. Lediglich ein paar gejetlaggte Asiaten streunen schon herum.
Spätestens auf der 6km-Geraden entlang des Teltow-Kanals (km23-29) merkt man, ob es läuft. Es läuft! Die kumulative Pace sinkt kontinuierlich. Ich weiß, dass ich zu schnell bin. Der neben mir laufende Thomas auch. Aber was soll ich machen? Ich atme ja kaum! Spätestens ab km35 bin ich ziemlich im flow. Da steht Michael (guitar, vocals bei der Baltic Run-Abschlussfeier) am VP in Buckow und strahlt und ich strahle zurück, da kommt mir Falk entgegen, der will später noch den 2. Teil einer 2er-Staffel laufen und wartet auf "seinen" Startläufer. Ich überhole ununterbrochen. Ich höre mich laut sagen: "Dies wird dein geilster Lauf!" Km40, km50. Alle splits incl. VP-Zeiten (ich bin hoch konzentriert!) um die 5:30/km. I am just a running thing.

Dann der erste Dropbag-Punkt, VP10 bei km59 am Sportplatz Teltow. Und plötzlich ist der Bruch da: es geht nichts mehr, jedenfalls nicht mehr leicht, von einem Kilometer auf den anderen. Oft erlebt. Nie erklärbar. Oder ist der Körper während der 5 Tage des Baltic Runs doch zu sehr auf die ca. 60km/Tag geeicht worden? Will jetzt seinen gewohnten Feierabend haben? - Es muss mir egal sein. Es geht weiter, deutlich langsamer und schwerer als zuvor. Es wird wärmer, in der Sonne sogar heiß. Liegt es daran? Mit Sicherheit auch. Ruhig bleiben, sich mit den neuen Wahrheiten arrangieren. VP12 Griebnitzsee 72km, wieder mit Falk, der mir bestätigt, dass ich vorhin doch munterer ausgesehen habe. Danke, war nicht nötig! Aber besser als "du siehst gut aus!", wenn man weiss, dass es gelogen ist.

VP Griebnitzsee, Foto: Falk

In Glienicke fährt auf einmal Martin auf dem Rennrad neben mir her. Seine Frau hat heute Geburtstagsnachfeier. Und hat ihn sozusagen an die Strecke geschickt, weil alles andere ja eh Blödsinn wäre. Ich nutze dieses Glück, einen ungeplanten Supporter zu haben, hemmungslos aus und schicke ihn los, ein kaltes (und nur darauf kommt es an! - ich bin ja trotz der engen VP-Abstände mit einer Handflasche unterwegs) Weizen o.ä. an die Strecke zu schaffen. Wir haben jetzt ca. 28° im Schatten. Kein Problem, vorne steht ein Kumpel von ihm mit gefüllten Kühltaschen im Kofferraum. Danke Euch! - Hinter der Meierei schicke ich Martin erneut rein eigennützig wieder weg - auf dem Rad rollt er zwangsläufig oft etwas vor mir und ich merke, dass ich dadurch Gefahr laufe, zu überpacen. Und das ist hier -  bei Strecken-Halbzeit [juchhu - ich bin auf dem Brocken!] - absolut verboten.

Die lange Schleife um Krampnitz- und Jungfernsee. Gut 11km "Umweg", weil dies hier kein Öttilö-Wettkampf ist. Sonst wären es nur 200m durch's Wasser gewesen. - Aber da! Das ist ja Silvio, der mir entgegengelaufen kommt! Wow! - Ich liege weit vorne im Feld? - Kann doch gar nicht sein bei diesem Schneckentempo. Ja, wir sehen uns nachher bei 130km! - Ich muss mich auf den bevorstehenden 2. Dropbag-Punkt am Schloß Sacrow bei km91 konzentrieren. Dorthin habe ich die Nacht-Pflichtausrüstung (Lampe, Reflexweste) beordert. Sicherheitshalber. Jetzt ist zwar erst 15 Uhr und ich muss den Kram stundenlang umsonst mitschleppen, aber der nächste Punkt bei km128 war mir etwas zu planungs-unsicher. Ab 21Uhr muss man den Krempel am Mann haben (und tatsächlich wird es dann recht schnell dunkel und die Wälder da oben im Norden von Berlin sind stockfinster). 10 Minuten verbringe ich am Schloß. Klingt nach Pause, ist aber gefühlt das Gegenteil. Schuhe wechsle ich dann auch noch. Bisher Pure Connect, dann Pure Flow. Essen und Trinken geht ein bißchen unter. Ich bin objektiv ziemlich fertig. Und jetzt noch einmal die Rennsteig-Distanz! Nein, dieser Gedanke wird sofort wieder eliminiert. Jetzt ist es 15 Uhr. Und Du musst noch bis nach Mitternacht laufen. So sieht das aus. Wird gehen!

Was folgt, ist das große Sterben zwischen km90 und 130. Eben mal einen Marathon lang richtig leiden. Genau 5 Stunden brauche ich dafür. Immer wieder Geh-Einlagen. Das Handy (Pflicht, sonst hätte ich es nicht dabei und eingeschaltet) piept und klingelt. Daheim sitzen sie vor dem Live-Tracker, der jeden VP-Split zeigt. "Was ist los, warum bist du plötzlich so langsam?" - "Ich bin hier bei km104, und es ist heiß. Noch Fragen?" - Viel Wald, wieder edle Villen-Viertel, ein VP im Privat-Garten, dann Spandau und von Süd nach Nord durch die Abflug-Schneise von TXL. Ich hasse diesen Fluglärm im 30sec-Takt und bedaure die Menschen, die ihn hier in ihren Nicht-Villen täglich ertragen müssen. Ich kämpfe mich durch die eigentlich wunderschöne Strecke zwischen Falkenhagen und Henningsdorf. An den VPs kann ich fast nichts mehr essen. Schlecht! Es ist noch ein Marathon! Meine Zungenspitze hängt in Fetzen, wahrscheinlich zerfressen von der Cola. Über so viele Stunden mute ich ja auch sonst dieses Gift meinem Körper nicht zu. Du kannst verrostete Chrom-Stoßstangen und 10 Jahre nicht geputzte Klos damit wieder sauber kriegen! - Ich steige um auf Malzbier, das ich allerdings bei 30° Flaschentemperatur auch kaum noch runterkriege.

Endlich der 3. Dropbag-Punkt. Nur noch 34km. Dort wird mir Silvio wieder entgegen kommen. Mit einem kalten Weizen im Glas (!) in der Hand. Allein dieser Anblick - etwas Zivilisation in dieser Plastikbecher-Welt - motiviert mich. Wir wandern und laufen wieder ein Stück zusammen, bis er auf der Brücke über die A111 umdreht. "Wir sehen uns im Ziel!" - "Ja, das tun wir!" - Plötzlich laufe ich wieder, keine Gehpausen mehr. Ich laufe sogar wirklich, also nicht nur 8er pace. Ich laufe sogar die gar nicht so flachen Steigungen durch. Wow, das erlebe ich tatsächlich zum ersten Mal, ein come back während eines Laufs. Normal komm ich entweder gut durch oder das Sterben hält bis zum Schluß an. Bin ich bisher einfach immer nur zu kurz gelaufen? Nein, es ist wieder deutlich kühler geworden! Das muss es sein! Die Luft, die man atmet, hat dadurch eine ganz andere Dichte, ist mein Gefühl, kann ganz anders verwertet werden. Oh, ist das geil, nicht den Rest der Strecke wandern zu müssen, was ich lange befürchtet hatte.

Die Dunkelheit legt sich schneller und kompletter als erwartet über die Strecke. Es geht durch dichte Wälder, und ohne Lampe würde man nicht die Hand vor Augen sehen. Dazu alte, unebene Kopfstein-Pflasterung durchsetzt mit Wurzeln. Äußerst sturz-anfällig. Ich bin froh über meine Lupine, kenne die Akku-Laufzeit und gönne mir 2W-Flutlicht. Alles andere, was sie sonst noch könnte, ist Umweltzerstörung. - Die Kühle, der Mond, jagende Fledermäuse, ein OpenAir-Konzert eines deutsch-singenden Schlager-Sternchens, dessen Lieder phasenweise klar verständlich fast eine Stunde lang zu mir herübergetragen werden, die von der Stadt (wo versteckt die sich eigentlich, kaum 10km vor dem Ziel?) von unten schwach orange angeleuchteten Wolken, und dann - endlich! - Falk von hinten, nicht ganz so flott wie beim Trans Gran Canaria, aber doch wie immer beeindruckend - ich genieße tatsächlich diese Lauf-Nacht, nach über 140km. Weil sie kurz sein wird. Weil ich noch vor 1 Uhr im Ziel sein werde. Weil ich um 2 Uhr im Bett liegen werde. Weil der Plan aufgegangen ist. Weil auf den letzten paar Kilometern alles egal ist und ich nicht mehr um Minuten und Plätze kämpfe. Ich werde unter 19 Stunden bleiben, deutlich. Damit hätte ich nie gerechnet. Was wäre drin gewesen, wenn es kühler gewesen wäre? Egal. Mein Maximal-Ziel war sub20h (was bedeutet hätte, dass alles optimal läuft, was es ja gar nicht tat), mein Zufriedenheits-Ziel war sub24h (um den 100mi-buckle zu bekommen), das Minimal-Ziel war finishen, wozu ich 30 Stunden gehabt hätte. Jetzt bin ich fast da, und ich bin leer, und ich bin zufrieden mit mir.

(c) Catharina Linkenbach
Die Ziel-Runde durch's Stadion ist phantastisch. Alle 10m liegt eine andersfarbige Leuchtkugel auf der Tartanbahn. Wie eine Art spezielles Lande-Licht nach einem langen Flug, bei dem die Gefahr besteht, dass der Pilot eingeschlafen ist und wieder geweckt werden muss. Ich bekomme den Chip abgenommen und den ellenlangen Ergebnis-Zettel mit allen 27 splits in die Hand gedrückt. Das gibt es nur bei SportIdent! - 18:41h, 14. Mann, 2. AK, 4. Frau - was soll ich sagen? Das Finisher-Shirt ist einfach klasse, mit Motiven des Mauer-Künstlers Noir. Die Medaille gibt es erst morgen - nein, nachher! - bei der Siegerehrung am Nachmittag. Ich bin so froh, es geschafft zu haben, ohne dabei wirklich an die Grenzen gehen zu müssen und es am Ende nur noch zu erzwingen. Es tat natürlich weh, aber es hat funktioniert. Ich kann tatsächlich 19 Stunden laufen! - Silvio und Sabrina sind wieder da, haben ein Bier ohne und ein Bier mit dabei - unabgesprochen meine Lieblingssorte, beide kalt. Ich darf es mitnehmen, für unter der Dusche.

Ja, und auch die Siegerehrung ist noch mal ein richtiger Höhepunkt, und es stört mich kein bißchen, dass sie fast 3 Stunden dauert, und ich wundere mich diesbzgl. ein wenig über mich selbst. Aber die Art und Weise, wie uns hier durch mehrere Grußworte namhafter Menschen noch einmal in Erinnerung gerufen wird (als ob dies nötig wäre!), dass der Mauerweg-Lauf mehr ist als eine Lauf-Veranstaltung, ist sehr berührend. Und die Moderation von Hajo und vor allem Alex, die alle ca. 250 Finisher namentlich auf die Bühne bitten, nachdem sie zuvor schon die Staffeln "abgefertigt" haben, ist vor dem Hintergrund, dass die beiden keine Minute geschlafen haben, eine Meisterleistung. Am Ende steht Hajo kurz in dieser typischen Haltung da, die Erschöpfung und Zufriedenheit gleichzeitig ausdrückt - sich nach vorne übergebeugend mit beiden Händen über den Knien auf die Beine abstützend - so wie ich vorhin im Ziel stand. Auch er ist jetzt am Ziel.

(c) Claudia Tetzlaff

Ich danke allen Beteiligten sehr herzlich für die Verwirklichung dieser großartigen Veranstaltung, die als ein (100)Meilenstein in meine Lebenslaufgeschichte eingehen wird.


Sonntag, 3. Juli 2016

ThüringenUltra 2016 - Was hat die Zeit mit uns gemacht?

Drei "Laufberichte" zum selben Event? Gab's noch nie, muss aber sein.
(eher technische Details für tU-Ahnungslose gibt es in Episode I und Episode II)

Schon 300m vor dem VP95 (der dieses Jahr eher bei km97 stand, weil wohl Holzfäller hinter Sondra am machen waren und uns Gunter später noch etwas mehr von dem glatten Asphalt der alten Bahnstrecke runter nach Floh-Seligenthal gönnen wollte - durch diesen tiefen schluchtartigen Einschnitt mit der verwegenen Brücke drüber [können wir da nächstes Jahr nicht vorher auch noch drüberlaufen?]) wummerten die Bässe zum Intro meines Wunschliedes los. Es war ein so unglaublich perfektes Timing: Exakt zum ersten Refrain erreichte ich die hübschesten Damen Thüringens und konnte heftig(st) gerührt mitschmettern: 
"Was hat die Zeit mit uns gemacht?"

Wahrscheinlich eher ein atypischer Song für diese Stelle, wo die meisten irgendwas mit 180bpm auswählen, um sich für den schmerzhaften Rest der Strecke zu pushen. Mein Gefühl dort ist aber "oft" (wenn ich das als 3-Sterne-tU-Youngster mal so sagen darf) eher etwas melancholisch (die restlichen km schafft man von hier auf jeden Fall auch auf den Brustwarzen [oder im äußersten Notfall mit Haralds Hilfe]): "Schade, der tU ist schon wieder so gut wie vorbei! - Schon wieder ein Jahr warten!" Warten auf dieses unglaublich wohltuend-entspannende Ambiente der Gesamtveranstaltung, auf die mit Zelten zugepflasterte Streuobstwiese im Sonnenschein, keinen Krach, auf die kleinen Klönrunden beim Bier (mit und ohne), die sich dort schnell und zwangsläufig bilden (Tach Udo, tach Falk, tach Andreas, tach Harald, tach Carlos, tach alle, die auch endlich mal die BC mitlaufen wollen, moin Hermann, moin Axel, hi Martin & Leo, nix hi Dude - we all did miss you a lot! - Micha, Roman, Hubertus - kommt doch mal früher, ihr könnt doch auch mal hier nicht schlafen!), auf dieses seltene "Ferien-auf-Saltkrokan-Alles-Ist-In-Ordnung"-Gefühl (zugegeben, dieses Gefühl wird unter Umständen später kurzfristig auch mal unterbrochen, wenn man im Rennen schon wieder einen "letzten" Hügel nicht mehr auf dem Schirm hatte).

"Was hat die Zeit mit uns gemacht?"
Mit mir an diesem Lauftag, mit uns in unserem Läufer-Leben?
Der Song ist ja nun zweifelsohne ein (besseres) Liebeslied, aber Liebe ist Leben und Leben ist Laufen und Laufen ist Liebe, und deswegen passt zwangsläufig (wie in vielen Liedern) viel Text zum Laufen (auch wenn er dafür manchmal ein ganz klein Wenig aus dem Zusammenhang gerissen werden muss ...).

An diesem Tag haben mich die knapp 11 Stunden seit dem Startschuss von pace 5:30 auf pace 6:30 entschleunigt. Die abends gegenüber dem Morgen tieferen Gesichtsfalten rühren neben der unvermeidlichen leichten Dehydrierung (nein - liegt nicht an den VPs!) eher vom häufigen Grinsen, das einem die vielen Kilometer, VP-Gespräche, Meilen-Läufer-Überholungen usw. ins Gesicht schnitzen (sieht man auf keinem Bild? Ist ja bekanntlich auch eher innerlich, mein Grinsen ...). Und natürlich: Der alte Ultra-Spruch, wonach einem am Ende was anderes weh tut als am Anfang, bewahrheitete sich einmal mehr.
Was die Zeit mit mir in den letzten Jahren gemacht hat - nee, das wird dann wohl besser mal ein separater post (z.B. zum 10jährigen Jubiläum des Beginns meines Laufens am 1.10.2016). Nur so viel: Ich hab inzwischen gelernt, wo ich läuferisch "hingehöre", und das ist nicht Biel (zu groß, zu dunkel, zu flach) und nicht der ZUT (zu groß, zu laut, zu steil). Und ich weiss, dass es nach einem 100er-DNF auch immer wieder ein 100er-Finish gibt (und dafür muss inzwischen fast "traditionell" der tU herhalten).

"Wir sind doch nicht so wie die andern"
Nee, sind wir nicht! Wir stehen um 3 auf, um um 4 loszulaufen, so ca. 10-15 Stunden lang. Oder gleich gar nicht zu schlafen und uns schon am Abend an die 100 Meilen zu machen. Einige starten da wirklich im Tiefstart. Schlafentzug soll eine gute Verhütung posttraumatischer Komplikationen sein. Lebt Ihr denn alle so gefährlich? Um 6:15h wird der schlafende Wald um das schlafende Ruhla per Mikrofon und Verstärker über die Einlaufreihenfolge am dritten VP informiert. Unterwegs trinken wir Brüh-Cola und futtern Schokoriegel mit Salami. Nach dem Lauf fallen wir beim Hose ausziehen einfach um und nehmen zur Getränkeausgabe die Rollstuhlrampe statt der zwei Stufen. Und dann hängt auch noch die Medaille in die Suppe. I love you all!

"Der Himmel über uns, früher war der blau."
Ja, nachts beim Klogang glänzten noch die Sterne. Dann wurde es grau und grauer. Bis auf diesen irren Moment auf der Wiesenquerung vor VP2, als die Flanken des Inselsberges durch irgendein unsichtbares Wolkenloch von der aufgehenden Sonne in einer Weise krass beleuchtet wurden, dass man mit offenem Mund hätte stehen bleiben und mal in Ruhe staunen müssen, hätte man sich nicht in einem Rennen und auf einer wichtigen Mission befunden - sub11h (aber so wichtig war das letztlich auch wieder nicht - was hab ich gestaunt!).

"Der kalte Wind treibt uns nach Norden." 
Man glaubt es kaum: Während wir hier in den Vorjahren buchstäblich gegrillt wurden, sinkt (!) bemerkenswerter-, aber genau so angekündigterweise die Temperatur über den Tagesverlauf von ca. 18° auf ca. 14°. Die Privat-VPs im nordwestlichen Randbereich von Tabarz und dann in Hörsel (vgl. Episode I) machen diesmal wohl eher bescheidenen Umsatz, können aber als sicheres Indiz dafür genommen werden, dass diese Metropolen weiterhin bewohnt sind (denn leere Freibäder gibt es hier bekanntlich ja auch bei 38° und nicht nur heute, vgl. Episode II). - Die 100Meiler schwärmen von der "lauesten und geilsten Nacht ever", die 100km-Leute freuen sich wieder über das Nicht-Frieren am Start. Ganz mutig - nein, vermutlich doch etwas unvernünftig - stelle ich mich trotz instabiler Wetterlage mit genau 4 Kleidungsstücken an den Start (Kurzarm-Shirt, Short-Tight, linker Socken, rechter Socken, na gut, und Schuhe [Brooks Pure Flow4]). 2 Riegel noch. Klopapier - klar! - Kein Rucksack, keine Flasche, keine Regenjacke. Zur Sicherheit gibt es ein dropbag mit allen diesen Sachen bei km55 [aber ich habe nichts davon angerührt]. Dieses Gefühl, einen 100er ohne Gepäck zu laufen, ist einfach nur geil. Und nur möglich, weil der tU 18 bestmotivierte VPs auf die Beine stellt und nur am Anfang (egal) und einmal in der Mitte (aber mit viel bergab, kann sein, dass man da sogar mal Falk [temporär] überholt) mehr als 6km zu überbrücken sind. Finsterbergen macht zwar seinem Namen alle Ehre und schickt die dunkelsten Regenwolken auf uns los (und halt wieder Falk), aber die Balance zwischen Regenkühlung von außen und Schweißnachschub von innen bleibt immer erhalten, sodass ich (Frostköttel vor dem Herrn) dieses Schmalspurequipment-Experiment unbeschadet überstehe. Mein Klopapier ist irgendwann alle (diesmal keine Wadenkrämpfe im Splittergrund, sondern ...). Aber die Damen am nächsten VP haben Küchenrolle. Verstehen freilich nicht, wieso ich nicht lieber ein Schmalzbrot nehme.

"Da ist die letzte Bar, ist der letzte Drink"
(c) feierspion.chayns.net
Klar, das ist VP95, und wer ihn nicht erlebt hat, hat ein langweiliges, bedauernswertes Leben geführt. Nicht nur, dass die das da überhaupt mit den Wunschliedern hinbekommen, was bedeutet, dass stundenlang irgendwelche fernglas-bewaffneten Späher nach den oft nicht vorne getragenen Startnummern Ausschau halten müssen - ich höre mir auf den letzten Metern auch noch meine ganze tU-Geschichte an und dass ich letztes Jahr ja wohl erst eine Stunde später hier war. Stimmt - woher wissen die das? tU-Läufer: Benutzt Sicherheitsnadeln, vorne! (Dann kommt man auch nicht auf zeit-raubende Gedanken wie Hemdwechsel usw.)

"Wir sind doch beide vom selben Stern!"
Hier irrt Udo erstmalig. Hier ist keiner vom selben Stern (oder das Universum ist doch ein einziger großer). Jedenfalls nicht, wenn er das Ziel erreicht hat. Dann hat er nämlich einen mehr auf dem Trikot. Und Stern ist nicht gleich Stern. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich 2016 mit 2015 vergleiche. Das eine war ein höllenrittnaher Glutstern, der jetzige fand auf einem sehr erdähnlichen Trabanten mit menschenfreundlichen Umweltbedingungen statt. Nur die 100 Kilometer waren auf beiden (fast) gleich lang.

tU 2016 vs. tU 2015


"Aller guten Dinge sind drei." Das wäre normalerweise jetzt hier wohl der passende Schlusssatz.
Aber nicht beim tU!
Nächstes Jahr wird es vielmehr wieder heißen:

"Auf dieser Autobahn, lass uns nicht weiterfahrn.
Die nächste Ausfahrt hier - ey komm die nehmen wir."


Klar - Waltershausen (bei Fröttstädt)!

Danke an alle!
Es war ein Ultra-Fest.

beim Baltic Run ist es dann die 67. Reiner Zufall.

Montag, 2. Mai 2016

WHEW - Wunderschöne Hundert, etwas wässrig

Was kommen wird, scheint wenig utopisch:
In nicht allzu ferner Zukunft wird es einen Lauf auf der Trasse der ehemaligen Wuppertaler Schwebebahn geben (die im Jahr 2027 wegen zu hohen Aufwands beim Entrosten der Millionen Eisenstreben stillgelegt werden wird). Dann, spätestens dann, wird Wuppertal über das endgültige Alleinstellungsmerkmal in der Laufszene verfügen. Bis es soweit ist, müssen wir notgedrungen mit der aktuellen, keinesfalls weniger spektakulären Alternative leben: dem WHEW 100km-Lauf über die bereits abgewickelten normalen (Neben-)Bahnstrecken in und um Wuppertal (obwohl: wenn man sich den aktuellen Zustand des sog. Wuppertaler Hauptbahnhofs ansieht, könnte man meinen, auch die Aufgabe der Haupttrasse stehe unmittelbar bevor. Ein ICE-Bahnhof, an dem du Sonntag morgens nicht mal einen schlechten Automaten-Kaffee bekommst - einzigartig!) und zwischendurch auf alten Leinpfaden die Ruhr zwischen Hattingen und Essen entlang. Insgesamt: Malerisch! Selbst bei diesem Mistwetter.


Was müssen die Leute stolz gewesen sein, als sie 1883 den Tunnel "Schee" eröffneten. Ein Bauwerk für die gefühlte Ewigkeit! Jetzt, keine 150 Jahre später, kann er von Glück sagen, dass es weitblickende, vielleicht sogar visionäre Menschen gab, die die Umwidmung der Nordbahn in ein Paradies für Radler, Läufer, Inlineskater und Spaziergänger betrieben und den Erhalt der Gesamttrasse gegen neuzeitliche Interessen wie z. B. ausufernde Gewerbegebiete durchgesetzt haben. Ich bin also schon ziemlich geflasht, als ich nach 13km durch sein Südportal laufe. Bis dahin liegen bereits mehrere Brücken, Tunnel und ehemalige Stadtteil-Bahnhöfe (praktisch: VP direkt an der Bahnsteigkante!) im Starkregen bei 5°C hinter mir. Und ein wenig Steigung. Steigung, die (noch) nicht weh tut, denn hier verkehrten ja keine Zahnradbahnen, und so dürften es nie mehr als 3% oder 4% Neigung sein, auf denen wir unsere Höhenmeter heute sammeln. Ein wahrhaft laufbarer Lauf. Der aber auch gerade deshalb richtig weh tut. Steile Rampen, die als willkommene Entschuldigung für Wanderpassagen herhalten können, sind Fehlanzeige (vllt. mit Ausnahme der 50m hinter dem Viadukt vor dem "Einstieg" auf die Panoramaweg-Trasse der ehemaligen Niederbergbahn bei km 64). Also laufen, laufen, laufen. Ohne Gnade.

Es beginnt in der Utopia-Stadt. Schon wieder Visionäre! Das etwas heruntergekommene, aber reichlich spröden Charme verströmende Bahnhofsgebäude Mirke ist das Veranstaltungszentrum mit Start und Ziel. Keine 200m entfernt das Massenlager in einer sanierten Altbau-Schulturnhalle, zu der uns RaceDirector Guido höchstpersönlich rüberführt. Massenlager ist relativ: 12 Leute in der Nacht vor dem Lauf, 3 in der Nacht danach. Die meisten scheinen hier (noch!) aus der Region zu stammen und kurze Anfahrtwege zu haben. Kurzum: Es ist schon fast zu ruhig in der Halle (ich muss an die hunderte Schnarcher denken, die sich parallel gerade wieder in Wernigerode rumwälzen werden). Die Bewegungsmelder, die das Deckenlicht steuern, sind auch schnell stillgelegt. Ich wache tatsächlich erst um 5.30h vom Wecker auf.

Mein 5. Finish beim 7. Hunderter soll es heute geben. Offensichtlich ist diese Distanz für mich also weder mit nennenswerter Erfahrung unterfüttert noch ein Selbstläufer. Und diesmal trotzdem nicht viel mehr als sozusagen "another brick in the wall", nein, genauer: "for The Wall", den Mauerweglauf im August in Berlin, nach aktueller Planung mein erster und letzter Hundert-Meiler (denn danach höre ich ja auf).

Kein Selbstläufer also. Daraus folgt: Gute Vorbereitung ist angeraten! Im Allgemeinen und Speziellen. Im Allgemeinen bedeutet, ausschließlich auf bewährtes Equipment, das man sozusagen im Schlaf bedienen kann, zurückzugreifen. Aber es muss auch die an dem konkreten Tag für die konkrete Strecke passende Ausrüstung sein. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Temperatur, Niederschlag, Wind - diese 3 Komponenten analysiere ich die ganze Vorwoche auf verschiedenen Portalen - mit zunehmend grauen Haaren. Und letztlich wurde nirgends auch nur annähernd die Regendichte vorhergesagt, die dann tatsächlich über uns hereinbrach, aber immerhin stimmten Temperatur (6°-9°C) und Wind (fast windstill). Jedes unter den gegebenen Umständen überflüssige Gramm bleibt zu Hause, was einfach ist, wenn man nur mit einem Rucksack mit der Bahn unterwegs ist. Zur zielorientierten Vorbereitung zähle ich inzwischen auch ausschließliche Eigenverpflegung am Abend und Morgen vor dem Lauf. Der kleine Wasserkocher für den Yogi-Ingwer-Tee ist Pflicht. Und frühzeitiges Beinehochlegen, so gegen 19h. Egal, wie lange man dann noch wachliegt, Hauptsache liegen. Merkwürdige Vorstellung, "nachher" evtl. so lange unterwegs zu sein, wie man jetzt noch zu schlafen hat.

Dann kommt das Spezielle, der Lauf im eigentlichen Sinn. Markierung oder GPS-Navigation? Wieviele Höhenmeter wann wo und wie steil? Wo liegen die VPs, was gibt es da? Gibt es Dropbag-Punkte? Will ich mir unterwegs wirklich klitschnasse Klamotten runterzerren, mindestens 5 Minuten verlieren, nur um 10min später wieder in klitschnassen Klamotten zu laufen? Nein, das spar ich mir. Lieber mit Rucksack laufen und völlig autark sein. Geht ja sogar bei der BC. Meine beste Eingebung war, vor der Abreise noch mal etwas im Netz zu stöbern. Bei Udo findet man in seinem gewohnt lesenswerten Bericht von 2015 einige elementare Aspekte, z. B. die nicht enden wollende Steigung zu Beginn des letzten Streckendrittels, in Christophs Video sieht man die Flatterbänder, die es im Auge zu behalten gilt und wie man aus der Wäsche guckt, wenn man doch eine Ehrenrunde über 6km absolviert hat. Also hämmere ich mir ein: Längster VP-Abstand 11km (zwischen 50 und 61 [oder 58?]), 14k hoch, 14k runter, 35k flach, 17k(!) hoch bis km81, erst dann bist du oben, erst dann!, und wellig weiter bis ins Ziel. Und immer an den Ruhr-Brücken aufpassen, da muss man manchmal die Seite wechseln und manchmal nicht.

Wenn ich nicht letztes Jahr im Juni beim ZUT bei noch etwas irreren Verhältnissen in den gleichen (wenigen) Klamotten am Start zu einem 10 bis 12stündigen Abenteuer gestanden hätte, welches ich dann wohlbehalten überlebte - mir wäre wohl etwas mulmig geworden kurz vor 7Uhr am Mirker Bahnhof. Alles verkriecht sich unter die aufgebauten Zeltdächer oder gleich ganz in die warmen Bahnhofs-Hallen. Bis 2min vor dem Start steht niemand auf der Strecke. Stimmt - beim APUT 2014 war das auch so. Wann bin ich eigentlich zum letzten Mal in Sonne und Wärme gelaufen? Ach ja, beim TU 2015 haben wir nicht gefroren ...

An dieser Stelle, wo wir die letzten Minuten vor dem Start eh nur unnütz rumstehen, mal ein Wort in eigener Sache: Wieder passiert es einige Male vor, während und nach dem Lauf, dass der eine oder die andere freudestrahlend auf mich zukommt und wohl zurecht erwartet, zumindest mit dem Namen angesprochen zu werden, aber mich nur ratlos bzw. leicht verschämt nach dem Namen auf der Startnummer schielen sieht. Müsst ihr euch nichts draus machen, ist auf keinen Fall persönlich zu nehmen. Ist so bei mir. Im Zweifelsfall erkenne ich Menschen eher am Auto (von daher war klar, dass Olli vor Ort sein musste) bzw. noch eher an dessen Nummernschild. Und auch wenn mir jemand noch vor 2 Wochen beim Nudelnfuttern gegenüber saß, ist das keine Garantie für spontane Wiedererkennung. Ist einfach so. Nach dem 4. oder 5. Mal besteht allmählich eine Chance auf dauerhafte Verankerung in den unergründlichen, bestimmt schon leicht verplaqueten Gehirnwindungen. Raimund, Steffen und Fraggle haben offenbar ausreichend Geduld aufgebracht, Olli steht kurz vor dem Aufstieg und bei Sascha wird das auch schon noch werden. Guido würde ich glaub ich wiedererkennen, Ausnahmen bestätigen eben immer die Regel.

Ich glaube, der WHEW ist seine Idee und sein Werk. Wenn's nicht stimmt, sorry. Und wenn's stimmt: Glückwunsch! Und: Na klar helfen da auch noch ein "paar" Andere mit (der Ratio Läufer vs. Helfer dürfte aktuell noch ungefähr bei 1:1 liegen)! - Auf jeden Fall verströmt die Veranstaltung eine äußerst sympathische Gesamtatmosphäre und nicht zuletzt fällt das durchgängige, ansprechende Corporate Design ins Auge. Da waren Profis am Werk. Das verbreitete Grau des (erweiterten) Ruhrpotts, durchzogen von schmalen grünen Pfaden? Oder andersrum: Die grünen Grasränder rechts und links des hellgrauen, babypopoglatten Superasphalts der Nordbahnstrecke!? Ich verkneife mir das T-Shirt noch, für nach dem Finish. Bin geringfügig abergläubig. Deswegen leihe ich mir auch keinen Tracker, der den Daheimgebliebenen "an den Geräten" meinen potentiellen Niedergang ungeschminkt zum Kaffeetrinken servieren könnte.

Foto: Wolf Birke

Und los! Puls: Ganz unten. Darmfüllung: Am Anschlag. Mein ganz privates Thermofensterproblem.
Nach 3km weiß ich, mit wem ich heute nicht tauschen möchte: Den Run&Bike-Teams! Einigermaßen warm gelaufen irgendwann auf's Rad wechseln wollen und dann bei 5° in der Schüttung ein leichtes Gefälle runterrollen müssen - dem sicheren Gefriertod entgegen. Ich beobachte einige Wechsel (natürlich im Trocknen in Tunneln oder unter Brücken) und sehe, dass die sich da fast alle jeweils komplett umziehen. Nicht mein Ding. Lieber laufen! Nur Laufen - das ist hier so einfach wie selten. Das Gelände kann hügelig sein wie es will - du schwebst drüber und drunter durch! Kilometerlang nicht die kleinste Stolpermöglichkeit, du kannst (endlich mal) beruhigt rechts und links und von den vielen Brücken runterschauen, du findest deinen Rhythmus. Wenn nicht hier, dann nirgends. Schnell fühle ich mich selbst als Vorortbahn, die diese unzähligen Wuppertaler Ortsteile mit ihren Haltepunkten abklappert und insgesamt wohl durch 7 oder 8 Tunnels (teilweise mehrere hundert Meter lang) und über unzählige Viadukte tuckert. Da, wo es mal Bahnübergänge gegeben haben mag, stehen hilfreiche orange Männchen mit weißen Helmen, die natürlich sofort an Playmobil-Figuren erinnern und das aufkommende innere Bild, hier als Zwerg auf einer Modelleisenbahnanlage unterwegs zu sein, nur noch weiter verfestigen, und halten die Autos an. Dann immer wieder tiefe Geländeeinschnitte, die einen komplett von der doch recht stark bebauten Landschaft abschirmen und den Blick auf die Kleinigkeiten wie die moosüberwucherten Stützmauern oder alte Kilometersteine schweifen lassen.

Gutes Stichwort. Kilometerstein. Was sagt denn das GPS? Bei km 10 herrscht noch totale Einigkeit mit der Streckenfahne, obwohl wir schon durch 2 Tunnel sind und da drin Satellitenempfang natürlich ein Fremdwort ist. Wenn man wieder rauskommt, malt "das System" in Gedanken wohl eine gerade Linie zwischen die beiden Tunnelportale, was sonst. Aber es gibt eben auch kurvige Tunnelverläufe. So kommt es wohl im Laufe der Zeit bzw. absolvierten Strecke zu leichten Abweichungen zwischen meiner Uhr und den Markierungen. Am Ende genau 1km (ein Prozent, was ist das schon?), wobei noch eine Mini-Ehrenrunde und ein Ausflug in die Büsche abzuziehen sind. Neben der Streckenmessung ist aber vor allem die Ermittlung der Höhendifferenzen auf dieser Route, die ja immer wieder nicht auf der eigentlichen Erdoberfläche verläuft (Tunnel und Brücken und sehr schmale Geländeeinschnitte, die in einem gerasterten Geländemodell evtl. auch untergehen), nicht gerade trivial. Eigentlich macht da nur ein Barometer Sinn (aber wie ist das mit dem Luftdruck im Tunnel, die Temperaturen weichen jedenfalls ziemlich ab). Der Veranstalter postuliert knappe 500 Höhenmeter. Mein korrigierter Track kommt auf das Doppelte. Nicht überraschend: Ein Tunnel geht gemeinhin durch einen Berg. Der Track der Verbindungslinie zwischen Einfahrt und Ausfahrt somit oben drüber. Und bei den Brücken ist es umgekehrt. Da sammelt sich einiges (nicht tatsächlich Gelaufenes) an.

Eine Einschätzung in diesem Zusammenhang, die ich mir schon vorher (siehe Vorbereitung) ausgemalt hatte, bewahrheitet sich: Nicht die gleichmässigen, sehr moderaten Uphills werden die alleinige Herausforderung, auch die 35 topfebenen Kilometer ab km 30 die Ruhr entlang wollen erstmal gelaufen sein. Schritt für Schritt - keiner geht von alleine. Und das nach der Distanz, nach der man sonst meist die Laufschuhe wieder auszieht. Was mich am Leben hält: Wir haben 30k in den Beinen, die TorTouristen kriechen hier in 2 Wochen nach 170k lang, auf ihrem 230km langen Nonstop-Weg der Ruhr von ihrer Quelle bei Winterberg bis zur Mündung in den Rhein bei Duisburg folgend. Mein Beileid und meine Bewunderung ist ihnen bereits jetzt sicher.

Topfeben? Nicht ganz. Da sind zum einen enorme Berge von (glitschigen) Gänseschissen, über die man drüber muss. Wir laufen wirklich nur 50cm neben dem Wasser (das über weite Strecken nur wenige Zentimeter unter dem Niveau des Weges steht) und die Viecher sitzen in Rudeln auf den Wiesen nebenan und grasen. Aber da machen sie wohl schlauerweise nicht hin, und ins Wasser auch nicht, bleibt also nur der Uferweg. Der ist dann zusätzlich zunehmend von riesigen Pfützen bedeckt, die man teilweise über die völlig durchweichten Bankette umgehen muss - mit profillosen Straßenschluffen nicht ganz ungefährlich, wie ich merke. Bloß keine ruckartigen, ungewohnten Ausweich-Bewegungen - akute Krampfgefahr!

Zum anderen müssen wir ein paar Mal die Talseite wechseln. Dazu geht es meist spiralmäßig über Rampen auf die Brücken hoch. Das sind die prädestinierten Stellen, um sich beim WHEW zu verlaufen: Geradeaus weiter geht immer! - Ich hatte mich so auf den späteren Punkt bei km 62, wo man das Ruhrtal insgesamt wieder verlässt, und wo es Christoph letztes Jahr erwischte, konzentriert, dass ich von Glück sagen kann, dass jemand bei km 40 hinter mir herbrüllt, als ich gleich die erste Brücke als Richtungsänderungsmöglichkeit ignoriere. Immerhin habe ich nicht einfach nur geträumt, vor mir läuft ja noch einer (auch falsch) und ich habe nach Markierungen Ausschau gehalten (und keine gesehen, was einen an solch einer Stelle immer erstmal zum Anhalten zwingen sollte). Aber die Flatterbänder machen witterungsbedingt ihrem Namen teilweise gar keine Ehre und kleben nass an ihrem Pfahl oder Geländerpfosten. Die zusätzlichen Bodenmarkierungen sind auf der ersten Streckenhälfte komplett Opfer des Regens geworden und nichts mehr als neckische grüne (!) Flecken auf dem grauen (!) Teer: "Na, was meinst Du, in welche Richtung hab ich mal gezeigt?" - Es geht alles gut, ich bin jetzt wach und rette meinerseits noch ein paar [angeblich ortskundige] Teilnehmer vor dem buchstäblichen Weg zurück - ins sichere Verderben.

Pünktlich zur Halbzeit muss ich einen innerlichen Systemumschwung feststellen. Von "alles gut" auf "komisches Gefühl im Magen" innerhalb weniger Minuten - nicht ganz neu! Zu viel gegessen? Eher zu wenig. Also nach den bisherigen (Frucht)-Riegeln mal auf Gel wechseln. Hat beim TAR gut funktioniert. Heute aber gar nicht. Innerhalb von einer Minute wird mir (kotz)übel. Sofort läuft der Negativ-Film ab: Den Rest wandern, zermürbendes Durchquälen über den verbliebenen Marathon, wie schon öfters, nie muskel- oder kraftbedingt, immer wieder nur ernährungstechnisch, wie auch bei den zwei 100er-DNFs in Biel? Oh, das bitte nicht noch mal! - Stop! Das läuft heute anders! - Ich gehe. - Bei km55 auf ebener Strecke. Puls runter holen. Atmen. Die Minute, die du hier verlierst, wird dich nicht umbringen. Die neue PB war zur Halbzeit möglich, ist hier aber nie das Ziel gewesen. Das einzige Ziel ist hier, "gut" durchzukommen, optimalerweise im Laufschritt. Sub10 im Auge behalten, maximal, ok, so lange es Sinn macht. Spartathlon-Quali! (Was ist das jetzt wieder für ein Spuk?) - Ich trabe ganz langsam an, 500m weiter kommt doch noch der "etwas" überfällige VP58k. Ich steige um, von Cola auf Malzbier. Ruhig weiter. Es geht, nein, läuft wieder.

Ein paar unangenehme Meter auf Straßen durch die Bebauung, dann durch ein enges Viadukt, die Rampe dahinter hoch - und auf kann es gehen, zur final attac! - Gut 17km sanft, aber unerbittlich bergauf. Endlose Geraden, endlose Kurven, Udo hat es wirklich perfekt beschrieben. Die Wahrnehmung, dass es nicht mehr höher gehen kann, weil: da ist ja nichts anderes mehr als Himmel am Horizont!! - Aber es geht weiter rauf, weiter rauf. Na klar, ich bin ja auch noch nicht bei 81k! Wusste ich doch, weiss ich doch, es stimmt eben einfach, Blödmann! Hör' auf, zum Horizont zu starren! Höre das Konzert der Vögel (ich meine jetzt nicht die metallenen im Anflug auf Düsseldorf, die leider etwas nerven). Lausche dem Konzert einer der SoundBikes, die sich alle paar Kilometer nach einem Pläuschchen am VP wieder von hinten nähern. SoundBike? Diese Art Lastenfahrrad mit dem abgesenkten Lastenabteil vor dem Fahrer. Da steht dann ein ca. ein Kubikmeter großer Wummerkasten drauf, natürlich drahtlos mit irgendwelchen Servern vernetzt, von denen lauffähige Mucke gestreamt wird (war das jetzt richtig?). Die wird real am Mirker Bahnhof live vom Vinyl in den Äther geschickt, sehe ich später im Ziel. So Reggae-Dub-Style etc., es wummert eben verhalten vor sich hin und hat damit den für einen 100er passenden Rhythmus. Bin aber doch froh, das nicht 10 Stunden am Stück hören zu müssen.

Jenseits von km 65 nehme ich außer 3 Blaubeeren, 1 Erdbeere und 5 Salzstangen nichts Festes mehr zu mir. Ich trinke abwechselnd Cola und Malzbier. Links Malzbier, rechts Cola. Malzbier ist süß im normalen Leben. Aber direkt nach einem Schluck Cola schmeckt es herb wie ein Pils. Die rechte Cola-Flasche hat nach dem Lauf die Getränkefarbe angenommen, die linke Malzbier-Flasche nicht. Überleg mal, was das für deinen Magen bedeutet, wenn sich das Zeug offenbar in das bestimmt nicht sehr minderwertige Plastik der UD-Flaschen frisst!! - Ich steig um auf Malzbier!! - Die Erkenntnisse während eines Ultras sind immer wieder umwerfend lebensrelevant.

Die Pace geht kontinuierlich in den Keller. Ich versuche, zu rechnen, Richtung Zielzeit sub10. Geht nicht. Ein gutes Zeichen! Es werden offenbar keine Energien mehr nicht für's Weiterkommen (kann man das noch Laufen nennen?) eingesetzt. Ein paar unruhige Kilometer zwischen 90 und 95km, mit den insgesamt steilsten Abschnitten, weil wir hier nicht mehr auf der Bahntrasse sind, sondern an normalen Straßen langlaufen. Bergauf kurze Geheinlagen. Macht nichts. Wird funktionieren. Bei km 94 betreten wir endlich wieder die rettende Trasse. Letzter VP. Home Run! Babypoposchlurfasphalt! Gegenwind. Keep going! 2 Tunnel noch. Gleichnamiger Blick, nicht nur da drin. Der rote Zielbogen. Ich bin wirklich wieder da, 9:51h - das Ding ist im Sack. Und ich lebe noch einigermaßen.

Foto: Alexander Maus, VP 94km
161km? - Ja, halte ich irgendwie für möglich. Da muss ich ja keine Zeiten jagen. Gar nicht viel langsamer laufen (das kommt von alleine), nur mehr Zeit mit Futtern an den Stationen verbringen. Die Schmerzen werden ja so ab 55/60k eigentlich nicht mehr schlimmer. Ich hoffe mal, dass das jenseits von 100k auch noch eine Weile gilt. Werden wir sehen.



Screenshot: whew100.de