Montag, 22. August 2016

Neuland - Mauerweglauf 2016

Dass der Titel meines Blogs mal so gut passen würde, konnte ich ja nicht ahnen ...

Wie das Blut in unseren Adern strömen wir keineswegs kontinuierlich durch diese Stadt. Eine ungreifbare Macht scheint die 300 Läufer in Grüppchen von 20 bis 30 Leuten durch die Straßen von Mitte und Kreuzberg zu pumpen. Sind es 5 beats per 10 min, die der Pulsschlag der Ampel-Taktung vorgibt? - Jedenfalls sind die Ampelintervalle in Berlin länger als gewohnt. Sozusagen ein echter Ruhepuls, hier auf den ersten paar Kilometern. Das passt also prinzipiell zum Vorhaben, aber schrill ist es schon, wenn sich alle paar hundert Meter eine Horde vermeintlich Erwachsener vor einer morgendlich verwaisten Metropolenkreuzung aufstaut, sich gegenseitig argwöhnisch bis ratlos beäugend. Hier traut sich (noch) keiner, der erste Lemming zu sein. Ein DSQ will keiner riskieren, und wer weiß - vielleicht meinen die Veranstalter es ja wirklich ernst damit, dass das Überqueren roter Ampeln ein no go [sic!] sei ...

Mir bleibt nur die Besinnung auf den Umstand, dass es völlig egal sein muss, was hier auf den ersten 5 von insgesamt 100 Meilen passiert. Und es wäre wohl auch noch egal, befänden wir uns bereits bei Meile 20 oder 30. Aber dort wird der Ampel-Spuk schon lange vorbei sein, bzw. der Mut der Kandidaten inzwischen gewachsen, nach einem absichernden Rundumblick (irgendwelche gelben Westen in Sicht?) den gesunden Menschenverstand zu seinem Recht zu verhelfen. Am Ende wird aber bei keinem einzigen Läufer ein DSQ in der Ergebnisliste stehen.

100 Meilen, 161km - für mich gleich 60km mehr als jemals zuvor am Stück. Es sollte ein besonderer Lauf sein, bei dem ich mich dieser selbst auferlegten Aufgabe stellen wollte. Und ein laufbarer Lauf, bei dem ich meinen Rhythmus finden kann. Ohne den würde es kaum gelingen können. Damit fällt die Entscheidung für den Mauerweg-Lauf quasi zwangsläufig. Eine große, geschlossene Runde auf der ehemaligen Grenzlinie um West-Berlin. Nur dort, wo diese Linie durch Wasser verläuft, werden wir abweichen. Auf keinen Fall ist der Mauerweg ein reiner Asphalt-Lauf. Nicht gänzlich flach, aber alles andere als hügelig. Obwohl, man sammelt über den Tag immerhin auch knapp 1000 Höhenmeter, wobei höchster und tiefster Punkt nur ca. 35m bzgl. der Höhe auseinanderliegen. Wir werden unsere Füße fast ausschließlich auf einen wenige Meter breiten Streifen setzen, auf den man 28 Jahre lang gerade keinen Fuß setzen konnte, ohne unmittelbar Gefahr zu laufen, erschossen zu werden. Bizarr. Wie kann es zu solchem menschengemachten Irrsinn kommen, und wodurch wird er wieder beendet? Auf den Tag genau 55 Jahre nach dem Beginn des Mauerbaus werde ich solchen Fragen ausreichend lange nachgehen bzw. -laufen können (aber wohl kaum Antworten erhalten).

Am Brandenburger Tor haben die Veranstalter eine symbolische Mauer aus Holzquadern errichtet. Die vorbeikommenden Läufer tragen sie Stein für Stein ab, reißen sie also ein. Ein zentraler Gedanke des Mauerweg-Laufes: Erinnerung an die Errichtung und das Bestehen der Mauer, und an die Menschenopfer, die sie (indirekt) kostete. Aber auch Feiern ihres Niedergangs und den "Sieg der Freiheit". Nach dem Lauf bekommen die Teilnehmer diese tollen Erinnerungsstücke, neben einem echten Mauerstein-Splitter, mit nach Hause.


Ich laufe bei km72 durch Griebnitzsee. Mir fällt das Straßenschild einer Nebenstraße auf: "via tilia", in exakt dieser Schreibweise. Ungewöhnlich. Ich schaue hinein in diese Straße: Nach 30m versperrt ein mannshohes massives Metalltor den weiteren Zugang zu den Häusern, ganz im Stil z.B. von mittleren Wohnquartieren in Nizza, wo ich gerade war, und wo man sich durch mindestens 5 Tore/Türen schließen muss, um in seine Wohnung zu gelangen. Warum wird so etwas nötig? Häuser? Eher Villen, Anwesen, mit rückseitig angrenzendem Seeufer. 2 Porsche Minimum im Carport. Auf Marmor geparkt. Was passiert hier? Von den Auswüchsen einer Diktatur befreites Terrain wird der vermeintlichen Freiheit sogleich wieder entrissen, und nicht mehr öffentlicher Bereich mitten in einer Siedlung geschaffen? Ganz anders motivierte Zäune und Mauern wieder hochgezogen, an denen zugegebenermaßen wohl nicht geschossen werden wird? Auch diese Zäune werden keinen Bestand haben, so viel steht für mich fest. Bis dahin wünsche ich den Menschen, die sich und ihren übermässigen Reichtum dort einigeln müssen, gutes Wohlbefinden und ruhigen, nur selten durch Fehlalarme gestörten Schlaf. Und dass die Torschließautomatik nie den schönen Porsche zerquetscht. Die nächsten Plattenbauten stehen fast in Sichtweite. Die via tilia verläuft auf dem ehemaligen Todesstreifen.

Eine Beobachtung zieht sich als Muster über den gesamten Verlauf der Strecke: Der ehemals freie Streifen erscheint (im besiedelten Bereich) als Großbaustelle, wobei die neuen Gebäude oft wie Fremdkörper in der Umgebung rechts und links davon wirken. Aber die Grenze verlief auch durch Felder und Wälder, und hier darf sich abschnittsweise (noch) die Natur zurückerobern, was ihr temporär entrissen war. Wahre Idyllen wenige Kilometer vom Hauptstadtbrausen entfernt.

161km - das bin ich vorher ein paar Mal mit dem Rennrad gefahren, also vor -zig Jahren. Hat jedes Mal gereicht! Fast 4 Marathons am Stück. Oder 5 sogenannte "lange Läufe". Was wird es bedeuten, ca. 20 Stunden lang ununterbrochen dasselbe zu tun? Man kann nicht 20 Stunden schlafen, man kann auch nicht 20 Stunden arbeiten (ich jedenfalls nicht), wieso sollte man 20 Stunden laufen können?
Wie teile ich mir diese Distanz ein? Gängige Strategien sind: Von VP zu VP "leben". 27 VPs!! - Bei meinem ersten Halbmarathon (auch das war einmal eine "neue" Distanz, und ist keine 10 Jahre her) bin ich von Kilometerschild zu Kilometerschild gelaufen, habe sie sozusagen "eingesammelt". Das hatte gut funktioniert, entwickelte sich sogar recht kurzweilig. Soll ich hier jetzt "VPs sammeln", ein paar mehr als Kilometer beim Halbmarathon? Und in Abständen, die fünf bis sieben Mal länger sind? - Eine andere Praxis ist es, sich unterwegs darüber zu freuen, schon ein Achtel, ein Viertel, die Hälfte, zwei Drittel, drei Viertel der Gesamtstrecke geschafft zu haben. Was ist ein Achtel von 161km? Und was bedeutet das einerseits für den bewältigten Anteil vom Ganzen (wohl nicht besonders viel!) und andererseits für das Körpergefühl (für mich sind 20km immer noch eine überdurchschnittliche Trainingsdistanz, nach der man ruhig merken darf, dass man gelaufen ist). Wird man sich über das Erreichen der Hälfte freuen dürfen, wohl wissend, dass man damit zwar sinnbildlich von Göttingen auf den Brocken gekommen ist, aber jetzt leider in Abweichung vom sonstigen Verfahren auch noch wieder zurücklaufen muss? - Oh je!!
Ich erinnere mich an meine erste BC, 2008, meinen ersten Ultra. 80km nach bis dato einem (!) gelaufenen Marathon. Da kannte ich all die erwähnten Möglichkeiten, sich die unüberschaubare Strecke in handhabbare Häppchen zu zergliedern, noch nicht. Rein intuitiv legte ich mir damals folgendes Konzept zurecht: "Du wirst 10 bis 12 Stunden unterwegs sein. Bevor nicht mindestens diese Zeit verstrichen ist, wirst du nicht am Ziel sein. Du musst einfach 10 bis 12 Stunden in Bewegung bleiben. Wann du unterwegs wo sein wirst, ist völlig egal, du musst einfach einen kompletten Tag laufen (und gehen)." Das funktionierte dann ausgezeichnet (ich kam nach 10:24h an) und trotz einer lächerlich geringen Zahl von Trainings-Kilometern konnte ich diesen Lauf einfacher finishen als viele andere danach. Diese Methode schien mir daher recht geeignet, jetzt wieder bei dem 100Meilen-Versuch zur Anwendung zu kommen. Natürlich in leichter Abwandlung. "Bevor nicht mindestens 20 Stunden verstrichen sind, wirst Du nicht am Ziel sein. Du wirst den kühlen Morgen genießen, den wärmer werdenden Vormittag, während des heißen Nachmittags hoffentlich genug Schatten finden, dich im beginnenden warmen Licht des Abends auf die bevorstehende Kühle der einbrechenden Nacht freuen können. Du wirst mehrere Stunden im Dunklen laufen. Du wirst vielleicht warten müssen, bis es wieder dämmert. Du wirst ganz sicher ankommen, es wird nur lange dauern. Bleib einfach immer in Bewegung!"

Das kann hier kein Laufbericht werden. Soll es auch nicht. Aber dass dieser Lauf gelang, sogar besser gelang als je ernsthaft für möglich gehalten, lag neben einer wohl einigermaßen sachgerechten Vorbereitung (allerdings wurde keinerlei Trainingsplan verfolgt) vor allem auch am Erscheinen hilfreicher Geister zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Zunächst schon lange vor dem Rennen. Andere 100Meilen-Novizen, mit denen man die eigene Unsicherheit teilen konnte. Dann 100Meilen-Profis, auf die man etliche Male im Verlauf des Jahres bei anderen Veranstaltungen traf und die einem über den Leistungsabgleich und die Saison-Planung ungefragt Sicherheit vermittelten, nicht gänzlich im falschen Film zu sein. Gute Wünsche im Vorfeld von vielen nah- und nicht so nah Stehenden. Leute an der Strecke. "Was machst Du denn hier?" - "Ich will sehen, wie es Dir geht!" - Falk, Martin, Silvio und Sabrina - Danke! - für wie immer gelungene Fotos und die kältesten Weizen des Mauerwegs! Und das Ziel-Bier. Danke an alle, die mir vom Lauf vorgeschwärmt haben (am eindringlichsten tat das Frank während der 24h in Rüningen 2014 [während derer ich längst keine 100mi zusammen bekam, der nächtliche Schlaf war mir wichtiger]). Auch ich empfehle ihn weiter. Und sage und denke nicht mal direkt nach dem Ziel-Einlauf: "Nie wieder!" Bin viel zu neugierig auf die andere Laufrichtung. Den hügeligen Reinickendorfer Wald gleich zu Beginn. Mit wenig Ampeln. Überfüllte nächtliche Bürgersteige gegen Ende in Kreuzberg. Kreuzungen, an denen man froh sein wird, dass es eine Ampel gibt. Hoffentlich wird die nächste "rot" sein, damit man endlich wieder stehen bleiben darf. 

[Hier sollte eigentlich Schluß sein. Dann sind mir doch noch paar Sachen eingefallen]

Der Beginn des Mauerweg-Laufes im Uhrzeigersinn, also zunächst über Mitte mit Reichstag und Brandenburger Tor nach Kreuzberg mit Checkpoint Charlie, und dann entlang der East Side Gallery nach Treptow, ist mehr noch als der Berlin-Marathon zunächst ein wahrhaftiges Berlin-Sightseeing. Und man hat am frühen Morgen selbst diese Stadt noch fast vollständig für sich. Lediglich ein paar gejetlaggte Asiaten streunen schon herum.
Spätestens auf der 6km-Geraden entlang des Teltow-Kanals (km23-29) merkt man, ob es läuft. Es läuft! Die kumulative Pace sinkt kontinuierlich. Ich weiß, dass ich zu schnell bin. Der neben mir laufende Thomas auch. Aber was soll ich machen? Ich atme ja kaum! Spätestens ab km35 bin ich ziemlich im flow. Da steht Michael (guitar, vocals bei der Baltic Run-Abschlussfeier) am VP in Buckow und strahlt und ich strahle zurück, da kommt mir Falk entgegen, der will später noch den 2. Teil einer 2er-Staffel laufen und wartet auf "seinen" Startläufer. Ich überhole ununterbrochen. Ich höre mich laut sagen: "Dies wird dein geilster Lauf!" Km40, km50. Alle splits incl. VP-Zeiten (ich bin hoch konzentriert!) um die 5:30/km. I am just a running thing.

Dann der erste Dropbag-Punkt, VP10 bei km59 am Sportplatz Teltow. Und plötzlich ist der Bruch da: es geht nichts mehr, jedenfalls nicht mehr leicht, von einem Kilometer auf den anderen. Oft erlebt. Nie erklärbar. Oder ist der Körper während der 5 Tage des Baltic Runs doch zu sehr auf die ca. 60km/Tag geeicht worden? Will jetzt seinen gewohnten Feierabend haben? - Es muss mir egal sein. Es geht weiter, deutlich langsamer und schwerer als zuvor. Es wird wärmer, in der Sonne sogar heiß. Liegt es daran? Mit Sicherheit auch. Ruhig bleiben, sich mit den neuen Wahrheiten arrangieren. VP12 Griebnitzsee 72km, wieder mit Falk, der mir bestätigt, dass ich vorhin doch munterer ausgesehen habe. Danke, war nicht nötig! Aber besser als "du siehst gut aus!", wenn man weiss, dass es gelogen ist.

VP Griebnitzsee, Foto: Falk

In Glienicke fährt auf einmal Martin auf dem Rennrad neben mir her. Seine Frau hat heute Geburtstagsnachfeier. Und hat ihn sozusagen an die Strecke geschickt, weil alles andere ja eh Blödsinn wäre. Ich nutze dieses Glück, einen ungeplanten Supporter zu haben, hemmungslos aus und schicke ihn los, ein kaltes (und nur darauf kommt es an! - ich bin ja trotz der engen VP-Abstände mit einer Handflasche unterwegs) Weizen o.ä. an die Strecke zu schaffen. Wir haben jetzt ca. 28° im Schatten. Kein Problem, vorne steht ein Kumpel von ihm mit gefüllten Kühltaschen im Kofferraum. Danke Euch! - Hinter der Meierei schicke ich Martin erneut rein eigennützig wieder weg - auf dem Rad rollt er zwangsläufig oft etwas vor mir und ich merke, dass ich dadurch Gefahr laufe, zu überpacen. Und das ist hier -  bei Strecken-Halbzeit [juchhu - ich bin auf dem Brocken!] - absolut verboten.

Die lange Schleife um Krampnitz- und Jungfernsee. Gut 11km "Umweg", weil dies hier kein Öttilö-Wettkampf ist. Sonst wären es nur 200m durch's Wasser gewesen. - Aber da! Das ist ja Silvio, der mir entgegengelaufen kommt! Wow! - Ich liege weit vorne im Feld? - Kann doch gar nicht sein bei diesem Schneckentempo. Ja, wir sehen uns nachher bei 130km! - Ich muss mich auf den bevorstehenden 2. Dropbag-Punkt am Schloß Sacrow bei km91 konzentrieren. Dorthin habe ich die Nacht-Pflichtausrüstung (Lampe, Reflexweste) beordert. Sicherheitshalber. Jetzt ist zwar erst 15 Uhr und ich muss den Kram stundenlang umsonst mitschleppen, aber der nächste Punkt bei km128 war mir etwas zu planungs-unsicher. Ab 21Uhr muss man den Krempel am Mann haben (und tatsächlich wird es dann recht schnell dunkel und die Wälder da oben im Norden von Berlin sind stockfinster). 10 Minuten verbringe ich am Schloß. Klingt nach Pause, ist aber gefühlt das Gegenteil. Schuhe wechsle ich dann auch noch. Bisher Pure Connect, dann Pure Flow. Essen und Trinken geht ein bißchen unter. Ich bin objektiv ziemlich fertig. Und jetzt noch einmal die Rennsteig-Distanz! Nein, dieser Gedanke wird sofort wieder eliminiert. Jetzt ist es 15 Uhr. Und Du musst noch bis nach Mitternacht laufen. So sieht das aus. Wird gehen!

Was folgt, ist das große Sterben zwischen km90 und 130. Eben mal einen Marathon lang richtig leiden. Genau 5 Stunden brauche ich dafür. Immer wieder Geh-Einlagen. Das Handy (Pflicht, sonst hätte ich es nicht dabei und eingeschaltet) piept und klingelt. Daheim sitzen sie vor dem Live-Tracker, der jeden VP-Split zeigt. "Was ist los, warum bist du plötzlich so langsam?" - "Ich bin hier bei km104, und es ist heiß. Noch Fragen?" - Viel Wald, wieder edle Villen-Viertel, ein VP im Privat-Garten, dann Spandau und von Süd nach Nord durch die Abflug-Schneise von TXL. Ich hasse diesen Fluglärm im 30sec-Takt und bedaure die Menschen, die ihn hier in ihren Nicht-Villen täglich ertragen müssen. Ich kämpfe mich durch die eigentlich wunderschöne Strecke zwischen Falkenhagen und Henningsdorf. An den VPs kann ich fast nichts mehr essen. Schlecht! Es ist noch ein Marathon! Meine Zungenspitze hängt in Fetzen, wahrscheinlich zerfressen von der Cola. Über so viele Stunden mute ich ja auch sonst dieses Gift meinem Körper nicht zu. Du kannst verrostete Chrom-Stoßstangen und 10 Jahre nicht geputzte Klos damit wieder sauber kriegen! - Ich steige um auf Malzbier, das ich allerdings bei 30° Flaschentemperatur auch kaum noch runterkriege.

Endlich der 3. Dropbag-Punkt. Nur noch 34km. Dort wird mir Silvio wieder entgegen kommen. Mit einem kalten Weizen im Glas (!) in der Hand. Allein dieser Anblick - etwas Zivilisation in dieser Plastikbecher-Welt - motiviert mich. Wir wandern und laufen wieder ein Stück zusammen, bis er auf der Brücke über die A111 umdreht. "Wir sehen uns im Ziel!" - "Ja, das tun wir!" - Plötzlich laufe ich wieder, keine Gehpausen mehr. Ich laufe sogar wirklich, also nicht nur 8er pace. Ich laufe sogar die gar nicht so flachen Steigungen durch. Wow, das erlebe ich tatsächlich zum ersten Mal, ein come back während eines Laufs. Normal komm ich entweder gut durch oder das Sterben hält bis zum Schluß an. Bin ich bisher einfach immer nur zu kurz gelaufen? Nein, es ist wieder deutlich kühler geworden! Das muss es sein! Die Luft, die man atmet, hat dadurch eine ganz andere Dichte, ist mein Gefühl, kann ganz anders verwertet werden. Oh, ist das geil, nicht den Rest der Strecke wandern zu müssen, was ich lange befürchtet hatte.

Die Dunkelheit legt sich schneller und kompletter als erwartet über die Strecke. Es geht durch dichte Wälder, und ohne Lampe würde man nicht die Hand vor Augen sehen. Dazu alte, unebene Kopfstein-Pflasterung durchsetzt mit Wurzeln. Äußerst sturz-anfällig. Ich bin froh über meine Lupine, kenne die Akku-Laufzeit und gönne mir 2W-Flutlicht. Alles andere, was sie sonst noch könnte, ist Umweltzerstörung. - Die Kühle, der Mond, jagende Fledermäuse, ein OpenAir-Konzert eines deutsch-singenden Schlager-Sternchens, dessen Lieder phasenweise klar verständlich fast eine Stunde lang zu mir herübergetragen werden, die von der Stadt (wo versteckt die sich eigentlich, kaum 10km vor dem Ziel?) von unten schwach orange angeleuchteten Wolken, und dann - endlich! - Falk von hinten, nicht ganz so flott wie beim Trans Gran Canaria, aber doch wie immer beeindruckend - ich genieße tatsächlich diese Lauf-Nacht, nach über 140km. Weil sie kurz sein wird. Weil ich noch vor 1 Uhr im Ziel sein werde. Weil ich um 2 Uhr im Bett liegen werde. Weil der Plan aufgegangen ist. Weil auf den letzten paar Kilometern alles egal ist und ich nicht mehr um Minuten und Plätze kämpfe. Ich werde unter 19 Stunden bleiben, deutlich. Damit hätte ich nie gerechnet. Was wäre drin gewesen, wenn es kühler gewesen wäre? Egal. Mein Maximal-Ziel war sub20h (was bedeutet hätte, dass alles optimal läuft, was es ja gar nicht tat), mein Zufriedenheits-Ziel war sub24h (um den 100mi-buckle zu bekommen), das Minimal-Ziel war finishen, wozu ich 30 Stunden gehabt hätte. Jetzt bin ich fast da, und ich bin leer, und ich bin zufrieden mit mir.

(c) Catharina Linkenbach
Die Ziel-Runde durch's Stadion ist phantastisch. Alle 10m liegt eine andersfarbige Leuchtkugel auf der Tartanbahn. Wie eine Art spezielles Lande-Licht nach einem langen Flug, bei dem die Gefahr besteht, dass der Pilot eingeschlafen ist und wieder geweckt werden muss. Ich bekomme den Chip abgenommen und den ellenlangen Ergebnis-Zettel mit allen 27 splits in die Hand gedrückt. Das gibt es nur bei SportIdent! - 18:41h, 14. Mann, 2. AK, 4. Frau - was soll ich sagen? Das Finisher-Shirt ist einfach klasse, mit Motiven des Mauer-Künstlers Noir. Die Medaille gibt es erst morgen - nein, nachher! - bei der Siegerehrung am Nachmittag. Ich bin so froh, es geschafft zu haben, ohne dabei wirklich an die Grenzen gehen zu müssen und es am Ende nur noch zu erzwingen. Es tat natürlich weh, aber es hat funktioniert. Ich kann tatsächlich 19 Stunden laufen! - Silvio und Sabrina sind wieder da, haben ein Bier ohne und ein Bier mit dabei - unabgesprochen meine Lieblingssorte, beide kalt. Ich darf es mitnehmen, für unter der Dusche.

Ja, und auch die Siegerehrung ist noch mal ein richtiger Höhepunkt, und es stört mich kein bißchen, dass sie fast 3 Stunden dauert, und ich wundere mich diesbzgl. ein wenig über mich selbst. Aber die Art und Weise, wie uns hier durch mehrere Grußworte namhafter Menschen noch einmal in Erinnerung gerufen wird (als ob dies nötig wäre!), dass der Mauerweg-Lauf mehr ist als eine Lauf-Veranstaltung, ist sehr berührend. Und die Moderation von Hajo und vor allem Alex, die alle ca. 250 Finisher namentlich auf die Bühne bitten, nachdem sie zuvor schon die Staffeln "abgefertigt" haben, ist vor dem Hintergrund, dass die beiden keine Minute geschlafen haben, eine Meisterleistung. Am Ende steht Hajo kurz in dieser typischen Haltung da, die Erschöpfung und Zufriedenheit gleichzeitig ausdrückt - sich nach vorne übergebeugend mit beiden Händen über den Knien auf die durchgedrückten Beine abstützend - so wie ich vorhin im Ziel stand. Auch er ist jetzt am Ziel.

(c) Claudia Tetzlaff

Ich danke allen Beteiligten sehr herzlich für die Verwirklichung dieser großartigen Veranstaltung, die als ein (100)Meilenstein in meine Lebenslaufgeschichte eingehen wird.


Sonntag, 3. Juli 2016

ThüringenUltra 2016 - Was hat die Zeit mit uns gemacht?

Drei "Laufberichte" zum selben Event? Gab's noch nie, muss aber sein.
(eher technische Details für tU-Ahnungslose gibt es in Episode I und Episode II)

Schon 300m vor dem VP95 (der dieses Jahr eher bei km97 stand, weil wohl Holzfäller hinter Sondra am machen waren und uns Gunter später noch etwas mehr von dem glatten Asphalt der alten Bahnstrecke runter nach Floh-Seligenthal gönnen wollte - durch diesen tiefen schluchtartigen Einschnitt mit der verwegenen Brücke drüber [können wir da nächstes Jahr nicht vorher auch noch drüberlaufen?]) wummerten die Bässe zum Intro meines Wunschliedes los. Es war ein so unglaublich perfektes Timing: Exakt zum ersten Refrain erreichte ich die hübschesten Damen Thüringens und konnte heftig(st) gerührt mitschmettern: 
"Was hat die Zeit mit uns gemacht?"

Wahrscheinlich eher ein atypischer Song für diese Stelle, wo die meisten irgendwas mit 180bpm auswählen, um sich für den schmerzhaften Rest der Strecke zu pushen. Mein Gefühl dort ist aber "oft" (wenn ich das als 3-Sterne-tU-Youngster mal so sagen darf) eher etwas melancholisch (die restlichen km schafft man von hier auf jeden Fall auch auf den Brustwarzen [oder im äußersten Notfall mit Haralds Hilfe]): "Schade, der tU ist schon wieder so gut wie vorbei! - Schon wieder ein Jahr warten!" Warten auf dieses unglaublich wohltuend-entspannende Ambiente der Gesamtveranstaltung, auf die mit Zelten zugepflasterte Streuobstwiese im Sonnenschein, keinen Krach, auf die kleinen Klönrunden beim Bier (mit und ohne), die sich dort schnell und zwangsläufig bilden (Tach Udo, tach Falk, tach Andreas, tach Harald, tach Carlos, tach alle, die auch endlich mal die BC mitlaufen wollen, moin Hermann, moin Axel, hi Martin & Leo, nix hi Dude - we all did miss you a lot! - Micha, Roman, Hubertus - kommt doch mal früher, ihr könnt doch auch mal hier nicht schlafen!), auf dieses seltene "Ferien-auf-Saltkrokan-Alles-Ist-In-Ordnung"-Gefühl (zugegeben, dieses Gefühl wird unter Umständen später kurzfristig auch mal unterbrochen, wenn man im Rennen schon wieder einen "letzten" Hügel nicht mehr auf dem Schirm hatte).

"Was hat die Zeit mit uns gemacht?"
Mit mir an diesem Lauftag, mit uns in unserem Läufer-Leben?
Der Song ist ja nun zweifelsohne ein (besseres) Liebeslied, aber Liebe ist Leben und Leben ist Laufen und Laufen ist Liebe, und deswegen passt zwangsläufig (wie in vielen Liedern) viel Text zum Laufen (auch wenn er dafür manchmal ein ganz klein Wenig aus dem Zusammenhang gerissen werden muss ...).

An diesem Tag haben mich die knapp 11 Stunden seit dem Startschuss von pace 5:30 auf pace 6:30 entschleunigt. Die abends gegenüber dem Morgen tieferen Gesichtsfalten rühren neben der unvermeidlichen leichten Dehydrierung (nein - liegt nicht an den VPs!) eher vom häufigen Grinsen, das einem die vielen Kilometer, VP-Gespräche, Meilen-Läufer-Überholungen usw. ins Gesicht schnitzen (sieht man auf keinem Bild? Ist ja bekanntlich auch eher innerlich, mein Grinsen ...). Und natürlich: Der alte Ultra-Spruch, wonach einem am Ende was anderes weh tut als am Anfang, bewahrheitete sich einmal mehr.
Was die Zeit mit mir in den letzten Jahren gemacht hat - nee, das wird dann wohl besser mal ein separater post (z.B. zum 10jährigen Jubiläum des Beginns meines Laufens am 1.10.2016). Nur so viel: Ich hab inzwischen gelernt, wo ich läuferisch "hingehöre", und das ist nicht Biel (zu groß, zu dunkel, zu flach) und nicht der ZUT (zu groß, zu laut, zu steil). Und ich weiss, dass es nach einem 100er-DNF auch immer wieder ein 100er-Finish gibt (und dafür muss inzwischen fast "traditionell" der tU herhalten).

"Wir sind doch nicht so wie die andern"
Nee, sind wir nicht! Wir stehen um 3 auf, um um 4 loszulaufen, so ca. 10-15 Stunden lang. Oder gleich gar nicht zu schlafen und uns schon am Abend an die 100 Meilen zu machen. Einige starten da wirklich im Tiefstart. Schlafentzug soll eine gute Verhütung posttraumatischer Komplikationen sein. Lebt Ihr denn alle so gefährlich? Um 6:15h wird der schlafende Wald um das schlafende Ruhla per Mikrofon und Verstärker über die Einlaufreihenfolge am dritten VP informiert. Unterwegs trinken wir Brüh-Cola und futtern Schokoriegel mit Salami. Nach dem Lauf fallen wir beim Hose ausziehen einfach um und nehmen zur Getränkeausgabe die Rollstuhlrampe statt der zwei Stufen. Und dann hängt auch noch die Medaille in die Suppe. I love you all!

"Der Himmel über uns, früher war der blau."
Ja, nachts beim Klogang glänzten noch die Sterne. Dann wurde es grau und grauer. Bis auf diesen irren Moment auf der Wiesenquerung vor VP2, als die Flanken des Inselsberges durch irgendein unsichtbares Wolkenloch von der aufgehenden Sonne in einer Weise krass beleuchtet wurden, dass man mit offenem Mund hätte stehen bleiben und mal in Ruhe staunen müssen, hätte man sich nicht in einem Rennen und auf einer wichtigen Mission befunden - sub11h (aber so wichtig war das letztlich auch wieder nicht - was hab ich gestaunt!).

"Der kalte Wind treibt uns nach Norden." 
Man glaubt es kaum: Während wir hier in den Vorjahren buchstäblich gegrillt wurden, sinkt (!) bemerkenswerter-, aber genau so angekündigterweise die Temperatur über den Tagesverlauf von ca. 18° auf ca. 14°. Die Privat-VPs im nordwestlichen Randbereich von Tabarz und dann in Hörsel (vgl. Episode I) machen diesmal wohl eher bescheidenen Umsatz, können aber als sicheres Indiz dafür genommen werden, dass diese Metropolen weiterhin bewohnt sind (denn leere Freibäder gibt es hier bekanntlich ja auch bei 38° und nicht nur heute, vgl. Episode II). - Die 100Meiler schwärmen von der "lauesten und geilsten Nacht ever", die 100km-Leute freuen sich wieder über das Nicht-Frieren am Start. Ganz mutig - nein, vermutlich doch etwas unvernünftig - stelle ich mich trotz instabiler Wetterlage mit genau 4 Kleidungsstücken an den Start (Kurzarm-Shirt, Short-Tight, linker Socken, rechter Socken, na gut, und Schuhe [Brooks Pure Flow4]). 2 Riegel noch. Klopapier - klar! - Kein Rucksack, keine Flasche, keine Regenjacke. Zur Sicherheit gibt es ein dropbag mit allen diesen Sachen bei km55 [aber ich habe nichts davon angerührt]. Dieses Gefühl, einen 100er ohne Gepäck zu laufen, ist einfach nur geil. Und nur möglich, weil der tU 18 bestmotivierte VPs auf die Beine stellt und nur am Anfang (egal) und einmal in der Mitte (aber mit viel bergab, kann sein, dass man da sogar mal Falk [temporär] überholt) mehr als 6km zu überbrücken sind. Finsterbergen macht zwar seinem Namen alle Ehre und schickt die dunkelsten Regenwolken auf uns los (und halt wieder Falk), aber die Balance zwischen Regenkühlung von außen und Schweißnachschub von innen bleibt immer erhalten, sodass ich (Frostköttel vor dem Herrn) dieses Schmalspurequipment-Experiment unbeschadet überstehe. Mein Klopapier ist irgendwann alle (diesmal keine Wadenkrämpfe im Splittergrund, sondern ...). Aber die Damen am nächsten VP haben Küchenrolle. Verstehen freilich nicht, wieso ich nicht lieber ein Schmalzbrot nehme.

"Da ist die letzte Bar, ist der letzte Drink"
(c) feierspion.chayns.net
Klar, das ist VP95, und wer ihn nicht erlebt hat, hat ein langweiliges, bedauernswertes Leben geführt. Nicht nur, dass die das da überhaupt mit den Wunschliedern hinbekommen, was bedeutet, dass stundenlang irgendwelche fernglas-bewaffneten Späher nach den oft nicht vorne getragenen Startnummern Ausschau halten müssen - ich höre mir auf den letzten Metern auch noch meine ganze tU-Geschichte an und dass ich letztes Jahr ja wohl erst eine Stunde später hier war. Stimmt - woher wissen die das? tU-Läufer: Benutzt Sicherheitsnadeln, vorne! (Dann kommt man auch nicht auf zeit-raubende Gedanken wie Hemdwechsel usw.)

"Wir sind doch beide vom selben Stern!"
Hier irrt Udo erstmalig. Hier ist keiner vom selben Stern (oder das Universum ist doch ein einziger großer). Jedenfalls nicht, wenn er das Ziel erreicht hat. Dann hat er nämlich einen mehr auf dem Trikot. Und Stern ist nicht gleich Stern. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich 2016 mit 2015 vergleiche. Das eine war ein höllenrittnaher Glutstern, der jetzige fand auf einem sehr erdähnlichen Trabanten mit menschenfreundlichen Umweltbedingungen statt. Nur die 100 Kilometer waren auf beiden (fast) gleich lang.

tU 2016 vs. tU 2015


"Aller guten Dinge sind drei." Das wäre normalerweise jetzt hier wohl der passende Schlusssatz.
Aber nicht beim tU!
Nächstes Jahr wird es vielmehr wieder heißen:

"Auf dieser Autobahn, lass uns nicht weiterfahrn.
Die nächste Ausfahrt hier - ey komm die nehmen wir."


Klar - Waltershausen (bei Fröttstädt)!

Danke an alle!
Es war ein Ultra-Fest.

beim Baltic Run ist es dann die 67. Reiner Zufall.

Montag, 2. Mai 2016

WHEW - Wunderschöne Hundert, etwas wässrig

Was kommen wird, scheint wenig utopisch:
In nicht allzu ferner Zukunft wird es einen Lauf auf der Trasse der ehemaligen Wuppertaler Schwebebahn geben (die im Jahr 2027 wegen zu hohen Aufwands beim Entrosten der Millionen Eisenstreben stillgelegt werden wird). Dann, spätestens dann, wird Wuppertal über das endgültige Alleinstellungsmerkmal in der Laufszene verfügen. Bis es soweit ist, müssen wir notgedrungen mit der aktuellen, keinesfalls weniger spektakulären Alternative leben: dem WHEW 100km-Lauf über die bereits abgewickelten normalen (Neben-)Bahnstrecken in und um Wuppertal (obwohl: wenn man sich den aktuellen Zustand des sog. Wuppertaler Hauptbahnhofs ansieht, könnte man meinen, auch die Aufgabe der Haupttrasse stehe unmittelbar bevor. Ein ICE-Bahnhof, an dem du Sonntag morgens nicht mal einen schlechten Automaten-Kaffee bekommst - einzigartig!) und zwischendurch auf alten Leinpfaden die Ruhr zwischen Hattingen und Essen entlang. Insgesamt: Malerisch! Selbst bei diesem Mistwetter.


Was müssen die Leute stolz gewesen sein, als sie 1883 den Tunnel "Schee" eröffneten. Ein Bauwerk für die gefühlte Ewigkeit! Jetzt, keine 150 Jahre später, kann er von Glück sagen, dass es weitblickende, vielleicht sogar visionäre Menschen gab, die die Umwidmung der Nordbahn in ein Paradies für Radler, Läufer, Inlineskater und Spaziergänger betrieben und den Erhalt der Gesamttrasse gegen neuzeitliche Interessen wie z. B. ausufernde Gewerbegebiete durchgesetzt haben. Ich bin also schon ziemlich geflasht, als ich nach 13km durch sein Südportal laufe. Bis dahin liegen bereits mehrere Brücken, Tunnel und ehemalige Stadtteil-Bahnhöfe (praktisch: VP direkt an der Bahnsteigkante!) im Starkregen bei 5°C hinter mir. Und ein wenig Steigung. Steigung, die (noch) nicht weh tut, denn hier verkehrten ja keine Zahnradbahnen, und so dürften es nie mehr als 3% oder 4% Neigung sein, auf denen wir unsere Höhenmeter heute sammeln. Ein wahrhaft laufbarer Lauf. Der aber auch gerade deshalb richtig weh tut. Steile Rampen, die als willkommene Entschuldigung für Wanderpassagen herhalten können, sind Fehlanzeige (vllt. mit Ausnahme der 50m hinter dem Viadukt vor dem "Einstieg" auf die Panoramaweg-Trasse der ehemaligen Niederbergbahn bei km 64). Also laufen, laufen, laufen. Ohne Gnade.

Es beginnt in der Utopia-Stadt. Schon wieder Visionäre! Das etwas heruntergekommene, aber reichlich spröden Charme verströmende Bahnhofsgebäude Mirke ist das Veranstaltungszentrum mit Start und Ziel. Keine 200m entfernt das Massenlager in einer sanierten Altbau-Schulturnhalle, zu der uns RaceDirector Guido höchstpersönlich rüberführt. Massenlager ist relativ: 12 Leute in der Nacht vor dem Lauf, 3 in der Nacht danach. Die meisten scheinen hier (noch!) aus der Region zu stammen und kurze Anfahrtwege zu haben. Kurzum: Es ist schon fast zu ruhig in der Halle (ich muss an die hunderte Schnarcher denken, die sich parallel gerade wieder in Wernigerode rumwälzen werden). Die Bewegungsmelder, die das Deckenlicht steuern, sind auch schnell stillgelegt. Ich wache tatsächlich erst um 5.30h vom Wecker auf.

Mein 5. Finish beim 7. Hunderter soll es heute geben. Offensichtlich ist diese Distanz für mich also weder mit nennenswerter Erfahrung unterfüttert noch ein Selbstläufer. Und diesmal trotzdem nicht viel mehr als sozusagen "another brick in the wall", nein, genauer: "for The Wall", den Mauerweglauf im August in Berlin, nach aktueller Planung mein erster und letzter Hundert-Meiler (denn danach höre ich ja auf).

Kein Selbstläufer also. Daraus folgt: Gute Vorbereitung ist angeraten! Im Allgemeinen und Speziellen. Im Allgemeinen bedeutet, ausschließlich auf bewährtes Equipment, das man sozusagen im Schlaf bedienen kann, zurückzugreifen. Aber es muss auch die an dem konkreten Tag für die konkrete Strecke passende Ausrüstung sein. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Temperatur, Niederschlag, Wind - diese 3 Komponenten analysiere ich die ganze Vorwoche auf verschiedenen Portalen - mit zunehmend grauen Haaren. Und letztlich wurde nirgends auch nur annähernd die Regendichte vorhergesagt, die dann tatsächlich über uns hereinbrach, aber immerhin stimmten Temperatur (6°-9°C) und Wind (fast windstill). Jedes unter den gegebenen Umständen überflüssige Gramm bleibt zu Hause, was einfach ist, wenn man nur mit einem Rucksack mit der Bahn unterwegs ist. Zur zielorientierten Vorbereitung zähle ich inzwischen auch ausschließliche Eigenverpflegung am Abend und Morgen vor dem Lauf. Der kleine Wasserkocher für den Yogi-Ingwer-Tee ist Pflicht. Und frühzeitiges Beinehochlegen, so gegen 19h. Egal, wie lange man dann noch wachliegt, Hauptsache liegen. Merkwürdige Vorstellung, "nachher" evtl. so lange unterwegs zu sein, wie man jetzt noch zu schlafen hat.

Dann kommt das Spezielle, der Lauf im eigentlichen Sinn. Markierung oder GPS-Navigation? Wieviele Höhenmeter wann wo und wie steil? Wo liegen die VPs, was gibt es da? Gibt es Dropbag-Punkte? Will ich mir unterwegs wirklich klitschnasse Klamotten runterzerren, mindestens 5 Minuten verlieren, nur um 10min später wieder in klitschnassen Klamotten zu laufen? Nein, das spar ich mir. Lieber mit Rucksack laufen und völlig autark sein. Geht ja sogar bei der BC. Meine beste Eingebung war, vor der Abreise noch mal etwas im Netz zu stöbern. Bei Udo findet man in seinem gewohnt lesenswerten Bericht von 2015 einige elementare Aspekte, z. B. die nicht enden wollende Steigung zu Beginn des letzten Streckendrittels, in Christophs Video sieht man die Flatterbänder, die es im Auge zu behalten gilt und wie man aus der Wäsche guckt, wenn man doch eine Ehrenrunde über 6km absolviert hat. Also hämmere ich mir ein: Längster VP-Abstand 11km (zwischen 50 und 61 [oder 58?]), 14k hoch, 14k runter, 35k flach, 17k(!) hoch bis km81, erst dann bist du oben, erst dann!, und wellig weiter bis ins Ziel. Und immer an den Ruhr-Brücken aufpassen, da muss man manchmal die Seite wechseln und manchmal nicht.

Wenn ich nicht letztes Jahr im Juni beim ZUT bei noch etwas irreren Verhältnissen in den gleichen (wenigen) Klamotten am Start zu einem 10 bis 12stündigen Abenteuer gestanden hätte, welches ich dann wohlbehalten überlebte - mir wäre wohl etwas mulmig geworden kurz vor 7Uhr am Mirker Bahnhof. Alles verkriecht sich unter die aufgebauten Zeltdächer oder gleich ganz in die warmen Bahnhofs-Hallen. Bis 2min vor dem Start steht niemand auf der Strecke. Stimmt - beim APUT 2014 war das auch so. Wann bin ich eigentlich zum letzten Mal in Sonne und Wärme gelaufen? Ach ja, beim TU 2015 haben wir nicht gefroren ...

An dieser Stelle, wo wir die letzten Minuten vor dem Start eh nur unnütz rumstehen, mal ein Wort in eigener Sache: Wieder passiert es einige Male vor, während und nach dem Lauf, dass der eine oder die andere freudestrahlend auf mich zukommt und wohl zurecht erwartet, zumindest mit dem Namen angesprochen zu werden, aber mich nur ratlos bzw. leicht verschämt nach dem Namen auf der Startnummer schielen sieht. Müsst ihr euch nichts draus machen, ist auf keinen Fall persönlich zu nehmen. Ist so bei mir. Im Zweifelsfall erkenne ich Menschen eher am Auto (von daher war klar, dass Olli vor Ort sein musste) bzw. noch eher an dessen Nummernschild. Und auch wenn mir jemand noch vor 2 Wochen beim Nudelnfuttern gegenüber saß, ist das keine Garantie für spontane Wiedererkennung. Ist einfach so. Nach dem 4. oder 5. Mal besteht allmählich eine Chance auf dauerhafte Verankerung in den unergründlichen, bestimmt schon leicht verplaqueten Gehirnwindungen. Raimund, Steffen und Fraggle haben offenbar ausreichend Geduld aufgebracht, Olli steht kurz vor dem Aufstieg und bei Sascha wird das auch schon noch werden. Guido würde ich glaub ich wiedererkennen, Ausnahmen bestätigen eben immer die Regel.

Ich glaube, der WHEW ist seine Idee und sein Werk. Wenn's nicht stimmt, sorry. Und wenn's stimmt: Glückwunsch! Und: Na klar helfen da auch noch ein "paar" Andere mit (der Ratio Läufer vs. Helfer dürfte aktuell noch ungefähr bei 1:1 liegen)! - Auf jeden Fall verströmt die Veranstaltung eine äußerst sympathische Gesamtatmosphäre und nicht zuletzt fällt das durchgängige, ansprechende Corporate Design ins Auge. Da waren Profis am Werk. Das verbreitete Grau des (erweiterten) Ruhrpotts, durchzogen von schmalen grünen Pfaden? Oder andersrum: Die grünen Grasränder rechts und links des hellgrauen, babypopoglatten Superasphalts der Nordbahnstrecke!? Ich verkneife mir das T-Shirt noch, für nach dem Finish. Bin geringfügig abergläubig. Deswegen leihe ich mir auch keinen Tracker, der den Daheimgebliebenen "an den Geräten" meinen potentiellen Niedergang ungeschminkt zum Kaffeetrinken servieren könnte.

Foto: Wolf Birke

Und los! Puls: Ganz unten. Darmfüllung: Am Anschlag. Mein ganz privates Thermofensterproblem.
Nach 3km weiß ich, mit wem ich heute nicht tauschen möchte: Den Run&Bike-Teams! Einigermaßen warm gelaufen irgendwann auf's Rad wechseln wollen und dann bei 5° in der Schüttung ein leichtes Gefälle runterrollen müssen - dem sicheren Gefriertod entgegen. Ich beobachte einige Wechsel (natürlich im Trocknen in Tunneln oder unter Brücken) und sehe, dass die sich da fast alle jeweils komplett umziehen. Nicht mein Ding. Lieber laufen! Nur Laufen - das ist hier so einfach wie selten. Das Gelände kann hügelig sein wie es will - du schwebst drüber und drunter durch! Kilometerlang nicht die kleinste Stolpermöglichkeit, du kannst (endlich mal) beruhigt rechts und links und von den vielen Brücken runterschauen, du findest deinen Rhythmus. Wenn nicht hier, dann nirgends. Schnell fühle ich mich selbst als Vorortbahn, die diese unzähligen Wuppertaler Ortsteile mit ihren Haltepunkten abklappert und insgesamt wohl durch 7 oder 8 Tunnels (teilweise mehrere hundert Meter lang) und über unzählige Viadukte tuckert. Da, wo es mal Bahnübergänge gegeben haben mag, stehen hilfreiche orange Männchen mit weißen Helmen, die natürlich sofort an Playmobil-Figuren erinnern und das aufkommende innere Bild, hier als Zwerg auf einer Modelleisenbahnanlage unterwegs zu sein, nur noch weiter verfestigen, und halten die Autos an. Dann immer wieder tiefe Geländeeinschnitte, die einen komplett von der doch recht stark bebauten Landschaft abschirmen und den Blick auf die Kleinigkeiten wie die moosüberwucherten Stützmauern oder alte Kilometersteine schweifen lassen.

Gutes Stichwort. Kilometerstein. Was sagt denn das GPS? Bei km 10 herrscht noch totale Einigkeit mit der Streckenfahne, obwohl wir schon durch 2 Tunnel sind und da drin Satellitenempfang natürlich ein Fremdwort ist. Wenn man wieder rauskommt, malt "das System" in Gedanken wohl eine gerade Linie zwischen die beiden Tunnelportale, was sonst. Aber es gibt eben auch kurvige Tunnelverläufe. So kommt es wohl im Laufe der Zeit bzw. absolvierten Strecke zu leichten Abweichungen zwischen meiner Uhr und den Markierungen. Am Ende genau 1km (ein Prozent, was ist das schon?), wobei noch eine Mini-Ehrenrunde und ein Ausflug in die Büsche abzuziehen sind. Neben der Streckenmessung ist aber vor allem die Ermittlung der Höhendifferenzen auf dieser Route, die ja immer wieder nicht auf der eigentlichen Erdoberfläche verläuft (Tunnel und Brücken und sehr schmale Geländeeinschnitte, die in einem gerasterten Geländemodell evtl. auch untergehen), nicht gerade trivial. Eigentlich macht da nur ein Barometer Sinn (aber wie ist das mit dem Luftdruck im Tunnel, die Temperaturen weichen jedenfalls ziemlich ab). Der Veranstalter postuliert knappe 500 Höhenmeter. Mein korrigierter Track kommt auf das Doppelte. Nicht überraschend: Ein Tunnel geht gemeinhin durch einen Berg. Der Track der Verbindungslinie zwischen Einfahrt und Ausfahrt somit oben drüber. Und bei den Brücken ist es umgekehrt. Da sammelt sich einiges (nicht tatsächlich Gelaufenes) an.

Eine Einschätzung in diesem Zusammenhang, die ich mir schon vorher (siehe Vorbereitung) ausgemalt hatte, bewahrheitet sich: Nicht die gleichmässigen, sehr moderaten Uphills werden die alleinige Herausforderung, auch die 35 topfebenen Kilometer ab km 30 die Ruhr entlang wollen erstmal gelaufen sein. Schritt für Schritt - keiner geht von alleine. Und das nach der Distanz, nach der man sonst meist die Laufschuhe wieder auszieht. Was mich am Leben hält: Wir haben 30k in den Beinen, die TorTouristen kriechen hier in 2 Wochen nach 170k lang, auf ihrem 230km langen Nonstop-Weg der Ruhr von ihrer Quelle bei Winterberg bis zur Mündung in den Rhein bei Duisburg folgend. Mein Beileid und meine Bewunderung ist ihnen bereits jetzt sicher.

Topfeben? Nicht ganz. Da sind zum einen enorme Berge von (glitschigen) Gänseschissen, über die man drüber muss. Wir laufen wirklich nur 50cm neben dem Wasser (das über weite Strecken nur wenige Zentimeter unter dem Niveau des Weges steht) und die Viecher sitzen in Rudeln auf den Wiesen nebenan und grasen. Aber da machen sie wohl schlauerweise nicht hin, und ins Wasser auch nicht, bleibt also nur der Uferweg. Der ist dann zusätzlich zunehmend von riesigen Pfützen bedeckt, die man teilweise über die völlig durchweichten Bankette umgehen muss - mit profillosen Straßenschluffen nicht ganz ungefährlich, wie ich merke. Bloß keine ruckartigen, ungewohnten Ausweich-Bewegungen - akute Krampfgefahr!

Zum anderen müssen wir ein paar Mal die Talseite wechseln. Dazu geht es meist spiralmäßig über Rampen auf die Brücken hoch. Das sind die prädestinierten Stellen, um sich beim WHEW zu verlaufen: Geradeaus weiter geht immer! - Ich hatte mich so auf den späteren Punkt bei km 62, wo man das Ruhrtal insgesamt wieder verlässt, und wo es Christoph letztes Jahr erwischte, konzentriert, dass ich von Glück sagen kann, dass jemand bei km 40 hinter mir herbrüllt, als ich gleich die erste Brücke als Richtungsänderungsmöglichkeit ignoriere. Immerhin habe ich nicht einfach nur geträumt, vor mir läuft ja noch einer (auch falsch) und ich habe nach Markierungen Ausschau gehalten (und keine gesehen, was einen an solch einer Stelle immer erstmal zum Anhalten zwingen sollte). Aber die Flatterbänder machen witterungsbedingt ihrem Namen teilweise gar keine Ehre und kleben nass an ihrem Pfahl oder Geländerpfosten. Die zusätzlichen Bodenmarkierungen sind auf der ersten Streckenhälfte komplett Opfer des Regens geworden und nichts mehr als neckische grüne (!) Flecken auf dem grauen (!) Teer: "Na, was meinst Du, in welche Richtung hab ich mal gezeigt?" - Es geht alles gut, ich bin jetzt wach und rette meinerseits noch ein paar [angeblich ortskundige] Teilnehmer vor dem buchstäblichen Weg zurück - ins sichere Verderben.

Pünktlich zur Halbzeit muss ich einen innerlichen Systemumschwung feststellen. Von "alles gut" auf "komisches Gefühl im Magen" innerhalb weniger Minuten - nicht ganz neu! Zu viel gegessen? Eher zu wenig. Also nach den bisherigen (Frucht)-Riegeln mal auf Gel wechseln. Hat beim TAR gut funktioniert. Heute aber gar nicht. Innerhalb von einer Minute wird mir (kotz)übel. Sofort läuft der Negativ-Film ab: Den Rest wandern, zermürbendes Durchquälen über den verbliebenen Marathon, wie schon öfters, nie muskel- oder kraftbedingt, immer wieder nur ernährungstechnisch, wie auch bei den zwei 100er-DNFs in Biel? Oh, das bitte nicht noch mal! - Stop! Das läuft heute anders! - Ich gehe. - Bei km55 auf ebener Strecke. Puls runter holen. Atmen. Die Minute, die du hier verlierst, wird dich nicht umbringen. Die neue PB war zur Halbzeit möglich, ist hier aber nie das Ziel gewesen. Das einzige Ziel ist hier, "gut" durchzukommen, optimalerweise im Laufschritt. Sub10 im Auge behalten, maximal, ok, so lange es Sinn macht. Spartathlon-Quali! (Was ist das jetzt wieder für ein Spuk?) - Ich trabe ganz langsam an, 500m weiter kommt doch noch der "etwas" überfällige VP58k. Ich steige um, von Cola auf Malzbier. Ruhig weiter. Es geht, nein, läuft wieder.

Ein paar unangenehme Meter auf Straßen durch die Bebauung, dann durch ein enges Viadukt, die Rampe dahinter hoch - und auf kann es gehen, zur final attac! - Gut 17km sanft, aber unerbittlich bergauf. Endlose Geraden, endlose Kurven, Udo hat es wirklich perfekt beschrieben. Die Wahrnehmung, dass es nicht mehr höher gehen kann, weil: da ist ja nichts anderes mehr als Himmel am Horizont!! - Aber es geht weiter rauf, weiter rauf. Na klar, ich bin ja auch noch nicht bei 81k! Wusste ich doch, weiss ich doch, es stimmt eben einfach, Blödmann! Hör' auf, zum Horizont zu starren! Höre das Konzert der Vögel (ich meine jetzt nicht die metallenen im Anflug auf Düsseldorf, die leider etwas nerven). Lausche dem Konzert einer der SoundBikes, die sich alle paar Kilometer nach einem Pläuschchen am VP wieder von hinten nähern. SoundBike? Diese Art Lastenfahrrad mit dem abgesenkten Lastenabteil vor dem Fahrer. Da steht dann ein ca. ein Kubikmeter großer Wummerkasten drauf, natürlich drahtlos mit irgendwelchen Servern vernetzt, von denen lauffähige Mucke gestreamt wird (war das jetzt richtig?). Die wird real am Mirker Bahnhof live vom Vinyl in den Äther geschickt, sehe ich später im Ziel. So Reggae-Dub-Style etc., es wummert eben verhalten vor sich hin und hat damit den für einen 100er passenden Rhythmus. Bin aber doch froh, das nicht 10 Stunden am Stück hören zu müssen.

Jenseits von km 65 nehme ich außer 3 Blaubeeren, 1 Erdbeere und 5 Salzstangen nichts Festes mehr zu mir. Ich trinke abwechselnd Cola und Malzbier. Links Malzbier, rechts Cola. Malzbier ist süß im normalen Leben. Aber direkt nach einem Schluck Cola schmeckt es herb wie ein Pils. Die rechte Cola-Flasche hat nach dem Lauf die Getränkefarbe angenommen, die linke Malzbier-Flasche nicht. Überleg mal, was das für deinen Magen bedeutet, wenn sich das Zeug offenbar in das bestimmt nicht sehr minderwertige Plastik der UD-Flaschen frisst!! - Ich steig um auf Malzbier!! - Die Erkenntnisse während eines Ultras sind immer wieder umwerfend lebensrelevant.

Die Pace geht kontinuierlich in den Keller. Ich versuche, zu rechnen, Richtung Zielzeit sub10. Geht nicht. Ein gutes Zeichen! Es werden offenbar keine Energien mehr nicht für's Weiterkommen (kann man das noch Laufen nennen?) eingesetzt. Ein paar unruhige Kilometer zwischen 90 und 95km, mit den insgesamt steilsten Abschnitten, weil wir hier nicht mehr auf der Bahntrasse sind, sondern an normalen Straßen langlaufen. Bergauf kurze Geheinlagen. Macht nichts. Wird funktionieren. Bei km 94 betreten wir endlich wieder die rettende Trasse. Letzter VP. Home Run! Babypoposchlurfasphalt! Gegenwind. Keep going! 2 Tunnel noch. Gleichnamiger Blick, nicht nur da drin. Der rote Zielbogen. Ich bin wirklich wieder da, 9:51h - das Ding ist im Sack. Und ich lebe noch einigermaßen.

Foto: Alexander Maus, VP 94km
161km? - Ja, halte ich irgendwie für möglich. Da muss ich ja keine Zeiten jagen. Gar nicht viel langsamer laufen (das kommt von alleine), nur mehr Zeit mit Futtern an den Stationen verbringen. Die Schmerzen werden ja so ab 55/60k eigentlich nicht mehr schlimmer. Ich hoffe mal, dass das jenseits von 100k auch noch eine Weile gilt. Werden wir sehen.



Screenshot: whew100.de





Dienstag, 29. März 2016

(F)OOLS 2016: ein bißchen rumloopen

Warum haben die Ostfriesen ein langes und ein kurzes Bein?
Damit sie besser im Kreis laufen können.


Wie soll das einer verstehen: Beim legendären "Ossiloop" sind die Leute keineswegs auf Runden, sondern auf A-nach-B-Strecken unterwegs. "Loop" (sprich: [lo:p]) heisst also auf Platt wohl doch nur "Lauf". Für mich als nunmehr bekennenden FOOL (Freund der Ostfriesischen Oster-Laufserie) bezeichnet "loopen" (sprich: [lu:pn]) aber spätestens ab jetzt das Kreiseln auf Rundkursen (und auch eine Wendepunkt-Strecke ist ja eigentlich nichts anderes als eine etwas stärker zusammengequetschte Rundstrecke).

Die Ostfriesische Oster-Laufserie (OOLS) der Ultrafriesen e.V. ist das, was sie verspricht: Eine Laufserie zu Ostern in Ostfriesland. Also 3 Faktoren, die die Teilnahme zu etwas Besonderem machen:
1. Laufserien sind gut, um Kilometer zu sammeln und für in diesem Jahr noch folgende Laufserien zu trainieren. Laufserien ohne Höhenmeter auf Asphalt sind noch besser, wenn man sich dieses Jahr im Wesentlichen auf Veranstaltungen mit dieser Charakteristik konzentrieren will. Und Laufserien auf reichlich unspektakulären Runden von 5,3km (versöhnende Ausnahme: die idyllischen 2km am Berumerfehnkanal entlang bei #3) stärken bestimmt auch das Mentale (oder heißt es: die Mentalität?)
2. Es herrscht offenbar Uneinigkeit in der Bevölkerung, wieviele "Ostertage" es denn nun gäbe. Die empirische Mehrheit der Befragten antwortet mit "4", eher bibelfeste Kandidaten mit "2". Die Ultrafriesen gehören zur Mehrheit und somit werden 4 (verschiedene) Marathons von Karfreitag bis Ostermontag ausgeschrieben (und die u.U. aufkeimende Frage, ob sich sowas gehört, gar nicht erst gestellt). Ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal (ansonsten müsste man lt. Marathon-Kalender zu diesem Termin nach Kapstadt fahren)!
3. Ostfriesland hat "außerhalb" natürlich seinen Ruf weg - mindestens über die Ostfriesen-Witze: Warum steigen die Ostfriesen im März durchs Fenster nach draußen?
Weil Feiertage vor der Tür stehen
.
Dass das wirklich ein merkwürdiges (oder besser: bemerkenswertes?) Völkchen ist, wird im Laufe der Veranstaltung öfters deutlich. Die (Ultra)Friesen sind (Lauf-)Puristen. Wahrscheinlich ist das auch der simple Grund dafür, dass sie beim Aurich-Marathon nicht in den für dortige Verhältnisse recht ausgedehnten, vogelträllernden, nach drei Tagen durch die leicht gülledurchwaberten Wiesen- und Feldfluren bereits gewisse Sehnsüchte auslösenden Vorfrühlingswald direkt neben dem Start-Ziel-Bereich an der sic! Waldschule wechseln. Wohl viel zu wenig Wind da - und auch sonst: viel zu untypisch (oder steht da einfach alles immer unter Wasser?).

Wir rennen - der Reihe nach - #1 in Neuenburg (Treffpunkt: Torfschuppen irgendwo außerhalb des Dorfes), #2 Asel (Treffpunkt zu Hause beim Veranstalter, also eine echte Adresse), #3 im Süden von Norden (ja, wirklich! Treffpunkt: irgendwo im Wald [nein, nur der Treffpunkt!] an der II. Moorriege, alles klar?) und #4 in Aurich (sehr einfach: an der Waldschule). Nachdem man die ganzen Lokalitäten gegoogelt und sich in einem Übersichtsplan markiert hat, wird das für nicht aus Ostfriesland anreisende Teilnehmer erforderliche Basislager in Aurich aufgeschlagen, das einigermaßen in der Mitte liegt und leicht über eine (schnurgerade) Bundesstraße erreichbar ist.
Wir finden eine sehr preiswerte, sehr ordentliche und sehr geräumige Ferienwohnung, die "Nordsee-Oase". Man hört hier zwar noch nicht das Rauschen der See, aber dafür findet man die Unterkunft auch ohne Navi immer sehr leicht wieder (was für uns ja wichtig ist): Direkt neben dem markanten Sendemast! Und den sieht man eigentlich von jedem Veranstaltungsort aus (ist ja flach hier). Nach Neuenburg sind es 40km, nach Asel 30km, und zum Süden von Norden (gegenüber der 4. oder 5. Score-Tankstelle, wenn man aus Aurich kommt), 25km. Also jeweils kürzer, als man dann laufen muss.

Start zu #1 am Torfschuppen bei Neuenburg (Foto:Ultrafriesen)

Alle Läufe sind gleich (bis auf kleine Unterschiede). Es sind zunächst mal alles ausgewachsene Marathons. Darauf legen die Ultrafriesen (UF) viel Wert - keine halben Sachen ! -  und so wird in Aurich zu Beginn noch eine Ehrenrunde um den Parkplatz gedreht, um auf die vollen 42.2km zu kommen. Bei den anderen 3 Strecken wird das Soll deutlich übererfüllt, die erste ist mit reichlich 43km die längste. Alle Läufe bestehen aus übersichtlich strukturierten 5.3km-Runden ohne Ecken und Kanten (bzw. bei #2 aus einer 5.3km-Wendepunktstrecke), die es 8 (bzw. 4)mal zu durchleiden gilt. Immer gegen den Uhrzeigersinn. Nie rechts abbiegen! Loopen in Reinform eben. Das Teilnehmerfeld ist jeden Tag zu 80% identisch (die meisten wollen in die Serienwertung) und umfasst auch etliche der jeden Tag wechselnden, lokalen Organisatoren. Ansonsten gibt es natürlich auch Tagesläufer (Urlaub machen wir hier ja alle, die einen mehr, die anderen noch meer). Alle Läufe beginnen um 9 Uhr (egal ob Winter- oder Sommerzeit; die Richtung der Uhrenverstellung wird schon vor dem Start des 1. Laufes in einem basisdemokratischen Prozess unter den Teilnehmern festgelegt). Am Ende jeden Tages steht ein Zahl unter 20m als summarische Höhendifferenz auf deiner Uhr. Passt! Da kann Berlin einpacken. Urkunden gibt es 20sec nach Zieleinlauf frisch vom Chef unterschrieben in die Hand gedrückt. Beim letzten Lauf sogar Medaillen. Dafür beim ersten keine Urkunden, aber selbstgemachten Eierlikör.

Worauf die Ultrafriesen nicht so viel Wert legen, ist Schnickschnack. Schnickschnack wie ein Klo z.B., ein Dach über dem Kopf zum Umziehen, ein regenfester Unterstand für die Veranstaltungs-Leitung (Sonnenschirmchen muss reichen), Startnummern, Vorab-Überweisungen von Startgeldern, etc. pp. - Nein, ich übertreibe. Ein Klo gab es zweimal (für Damen sogar 3mal), kein Dach über dem (nassen) Kopf nur einmal, und keine Startnummern nur zweimal. Bei ca. 30 Teilnehmern pro Veranstaltung (natürlich würden normal 300 starten wollen, aber das wollen die UF offenbar nicht) durchaus verschmerzbar (und weniger fehleranfällig, als 4stellige Zahlen zuzuordnen). Das mit den Klogängen in freier ostfriesischer Natur kann sich allerdings schnell schwierig (und gefährlich) gestalten: Flaches Land, weite Sicht, rechts und links vom Weg nur Wassergräben (dahinter: Moor). - Anderer Müll wird gar nicht erst gemacht (mit Namen beschriftete Porzellanbecher stehen bereit!), und insofern ist auch klar, dass die Verpflegungs-Pausen ganz ruhig im kompletten Stillstand vollzogen werden müssen und damit zu pace-killenden Stopps werden. Bei der Auswahl des Futter-Sortiments lassen sich die UF nicht lumpen - alles da, wirklich alles. Hinterher gibt es (immer) Erdinger, und (teilweise) Sekt (auf einen persönlichen 100. Marathon) oder leckere Hühnersuppe ("die essen hier normal auch die Vegetarier"). Die 10 Euro pro Lauf sind da gut und gerne angelegt. Bei der Siegerehrung nach dem 4. Lauf überrascht der UF-Vorstand sogar noch mit einem 400-Euro-Scheck, der im Rahmen der Serie "erwirtschaftet" wurde, und der an ein Hospiz in Jever übergeben wird. Alle Achtung!

Zum sportlichen Teil (über das Wetter reden wir also nicht):
Die erste Runde ist immer zum Kennenlernen. Du merkst dir den freilaufenden Hofhund. Locker lässt man den VP noch links liegen. Auf der 2. Runde wunderst du dich, dass die lange Gerade wirklich soo lang war. Der Hofhund will jetzt mit dir Stöckchen spielen. Etwas weiter zählst du die Silageblöcke, die der Bauer noch reinzufahren hat, und dann die neuen Eichenpfähle, die sie an der Koppel gegenüber schon gesetzt haben (ist heute nicht Feiertag?). Wieviel schafft er wohl pro Runde? Werden sie damit vor dir fertig sein? Spätestens nach der 3. Runde geht es das erste Mal an die Boxen. Wie schön wäre es, wenn man jetzt schon 5 hinter sich und nicht noch vor sich hätte ... Cola und Salzstangen, und Salatgurke. Nach der Hälfte sind es (jedes Mal) erschreckenderweise immer noch 4 Runden!!  Der Bauer ist fertig mit seiner Silage, und du bist es eigentlich auch - aber eben leider noch nicht wirklich. Die 5. und 6. Runde sind immer die schwierigsten, mental betrachtet. Wer hat all die Kröten plattgetrampelt? Nee, die sind schon älter. Warum gibt es hier mitten im Moor ein kolossales Motodrom? Wahrscheinlich nur, damit wir wissen, wo wir nach links vom Kanal weg abbiegen müssen. Nächstes Mal gieß ich mir gleich einen vollen Becher ein und trinke nur die Hälfte, das spart bei der übernächsten Runde Zeit! - Du merkst, dass das Blaue auf der Straße gar keine Marathon-Linie ist, sondern die Markierungen für's Straßenboßeln. Irgendein Trecker hat Lehmbrocken auf der Strecke verteilt und du musst die Füße nochmal richtig hochheben. Hoffentlich fallen keine Tiere über das unbemannte Depot im Bushäuschen am Wendepunkt her! Läuft es sich besser auf nach links oder nach rechts hängendem Weg? Oder auf dem Trampelpfad daneben? Nach der 7. Runde kommt der (gefühlte) Endspurt, aber jetzt bloß nicht überziehen, morgen ist auch noch ein Tag! Beim Zieleinlauf brüllst Du "Zeit!" oder "fertig!", damit jemand merkt, dass du zum 8. Mal da bist und deine Zeit aufgeschrieben wird. So geht das, Tag für Tag. Ein überschaubares Leben. Eigentlich nichts als ein klassischer Halbtags-Job: 4 Stunden auf Maloche, 20 Stunden rumlümmeln. Dreimal im Regen, zweimal mit viel Wind (für einen Nicht-Ostfriesen). Immer in den selben Klamotten, immer um die 8°. Und für mich fast immer im selben Tempo (lauf-intern und -übergreifend) - was die unerwartet positive persönliche Erfahrung ist.

Das waren jedenfalls Ostertage, an die ich mich - im Gegensatz zu etlichen Vor-Ausgaben - bestimmt noch gerne das eine oder andere Mal leicht grinsend erinnern werde. Allen Beteiligten herzlichen Dank für ihren Einsatz!

Warum sind in Ostfriesland die Menschen so glücklich?
Weil ihnen die Arbeit noch Spass macht.

(wohl eher kein Witz)

P.S.
Die Ostfriesen-Witze stammen aus einem kleinen Bändchen, das (wohl an Stelle der Bibel) in der Nachttisch-Schublade in der Ferienwohnung lag.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Die Lehrmeisterin

"BC 2016 - here we go!"
- wie auch anders - werden wir pünktlich von Markus auf die Reise geschickt. Für mich in jedem Jahr auf's Neue eine Reise ins Ungewisse, auch wenn der Track inzwischen unlöschbar auf meiner Festplatte eingraviert ist.



VIII. 2015.
Ich bin die Brockenbahn.
Gleichmässig sausen die Treibstangen an meinen Rädern nach vorne und hinten, links, rechts, links. Rechts, links, rechts. Es sind die Laufstöcke, die ich mittig in den Händen halte und die so abwechselnd links und rechts nach vorne stoßen. Der Blick ist auf den unter mir hindurch ziehenden schneebedeckten Boden gerichtet. Ich muss nicht steuern, die Schienen werden mich führen, bloß nicht aufschauen, voraus in diese endlose Steigung des Entsafters kurz vor dem Jagdkopf. Rhythmus finden. Links, rechts, links. Rechts, links, rechts. Niemanden einholen wollen. Sich überholen lassen, wenn es nötig ist, aber auf Spur und im Rhythmus bleiben. Wasser auffüllen und Kohlen nachlegen, das ist alles, was erforderlich ist, um die Maschine in Gang zu halten.
Ich bin eine Lauf-Maschine.


V. 2012
Der Gipfel ist heute nicht drin. Ich will einfach nur noch überleben, nicht erfrieren in diesem sonnendurchfluteten, aber arktischen Wald. Den ganzen Tag über hatten wir heute zweistellige Minusgrade. Eiskalten Gegenwind vor Barbis, wo ich bereits alles anhatte, was für den Oberharz vorgesehen war. Noch ein knapper Kilometer bis Königskrug, dann ist heute Schluß. Mir ist schlecht, von der Brühe bei Lausebuche. Ich hatte vergessen zu fragen, ob sie vegetarisch sei [war sie nicht]. Auf der langen Geraden kurz vor dem VP kotze ich mir die Seele aus dem Leib und komme kaum diesen einen letzten Hügel hoch. Die Touristen überholen mich. Was für eine Demütigung. Die Kurve, bevor man die B4 überqueren muss. Endlich! - Auf dem Parkplatz steht ein Auto mit geöffneter Beifahrertür. Da sehe ich Michel drin sitzen. "Ich bin raus!" ruft er mir zu. Es durchzuckt mich ganz unerwartet. So sieht also ein dnf aus? - Ich merke, dass ich Abstand halte zu dem Wagen, in den ich mich jetzt so einfach auch reinfallen lassen könnte, keine Ahnung, wer oder was da gegensteuert. Es schießen mir auch keine Sprüche wie: "DNF - no option!" oder so in den Sinn. Ich gehe einfach mechanisch vorbei, weiter Richtung VP. Dort trinke ich Cola. Herwarth raunzt, ich hätte schon schlechter ausgesehen, er meint wahrscheinlich 2010. Das überrascht mich. Und genauso klar und endgültig, wie ich vor 15 Minuten noch wußte, dass es heute kein Finish geben kann, spüre ich plötzlich förmlich, dass ich da heute noch hoch komme, weil ich noch hoch kommen möchte, und dies auch verantworten kann. Später wandere ich an der Brockenbahn bei klirrender Kälte in den warm-orangen Sonnenuntergang hinein. Was für eine großartige Belohnung!
(c) André Boom


VII. 2014
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel fährt mir auf dem freien Feld nach der Überquerung der kleinen Landstrasse kurz hinter Barbis der Krampf in die Waden - ja, in beide! - und ich schlage fast hin. Bis dahin war alles gut gelaufen, und ich war so früh in Barbis durchgekommen wie noch nie. Als die Krämpfe raus sind und ich wieder antraben kann merke ich, das nichts mehr geht (bzw. läuft). Dieses Kippen eines Laufes von 'alles auf go' zu 'nichts geht mehr' innerhalb von wenigen Minuten und Metern, ohne einen plausiblen Grund dafür finden zu können, das ist etwas, was ich heute in seiner bisher krassesten Ausprägung erlebe. Zurück nach Barbis? Kaum 2km wären das! - Aber zurück in einem Rennen? Niemals! Und weiter Richtung Ziel bedeutet: Mindestens bis Lausebuche. Ich weiss jedoch genau, dass wenn ich dort ankommen werde, es keinen Grund mehr geben wird, nicht auch den ganzen Weg hinter mich zu bringen. Ich grinse innerlich. "Well, let's hike!" Eine schier unendliche Geduldsprobe. 36km! Ich erfahre, wie man sich fühlt, wenn man stundenlang von Dutzenden Läufern überholt wird, von denen viele noch nie zuvor vor einem in der Ergebnisliste standen. Und man selbst kein Läufer mehr ist. Hilflos, wehrlos. Man hält das erstaunlicherweise aus. Und gehört im Ziel plötzlich wieder dazu. Trotzdem schade, es waren heute Bestzeit-Bedingungen.



II. 2009
Sanna faselt vom Aussteigen. Wir sind zusammen an der Lausebuche angekommen. Die Bedingungen waren wesentlich härter als 2008 - unserem ersten Ultra -, als der erste ernstzunehmende Schnee erst hinter Oderbrück auftauchte. Von Anbeginn an waren wir heute auf einer vereisten Piste unterwegs gewesen, unglaublich kraftzehrend. Die Tatsache, dass man am Jagdkopf erst gut die Hälfte des Entsafters hinter sich hat und von dort nochmal mehr als 9 wellige, verschneite Kilometer bis zur Lausebuche zu bewältigen sind - und nicht nur 5, wie sie fälschlich erinnerte, hatte ihre Motivation gebrochen. Aber das verstand ich in diesem Moment nicht. Und das war gut so. Ich tat es als normales Gejammer ab. Klar will jeder nach 63km bei solchen Bedingungen lieber sofort aufhören und sich hinsetzen und sitzen bleiben. Also weiter! "Ich will aber aufhören!" - "Nein, das machen wir jetzt nicht!" - Wenn man zusammen unterwegs ist, saugt man enorme Energie aus dem Wissen, dass es dem Anderen schlechter geht als einem selbst. Vornweg zu laufen und sich immer wieder umdrehen zu können, wo der Andere bleibt, kann dich in eine ziemliche Euphorie bringen. In eine gefährliche Euphorie. Auf dem letzten Kilometer drehten sich die Verhältnisse daher wohl nicht ganz zufällig um: Ich bin stehend k.o., Sanna muss warten, bis ich mühsam die letzten 100m bis zum Zielbanner bewältigt habe. Alleine hätten wir es beide an diesem Tag vielleicht nicht geschafft.


IV.2011
Eine langweilige BC? Das dachten wir alle lange Zeit, als wir nach getaner Arbeit noch im Goethe-Saal saßen. Es herrschten einfache Streckenverhältnisse und stabiles Wetter, jedenfalls bis zum späten Nachmittag. Ich komme fast eine Stunde früher oben an als bisher. Alles auf der 2. Hälfte rausgelaufen. Nur die zählt bei der BC.
Stabiles Wetter? Nun, das galt während des Laufs. Gegen 19 Uhr fängt es an zu schneien, und zwar ordentlich. Auf dem Weg runter vom Brocken stürzen einige heftig, weil der Neuschnee die Eisplatten aus dem jetzt gefrorenen Schmelzwasserabfluss des Tages überweht hatte. Die BC ist wirklich nicht auf dem Gipfel zu Ende!
Dann sitzen wir (damals noch) im altehrwürdigen Hotel König in Schierke und warten auf die Busse, die uns nach Göttingen zurückbringen sollen. Irgendwann ein Anruf: Sie kommen wegen des Schnees die Steigung vom Oderstausee nach Braunlage nicht hoch! - Die BC ist offenbar auch in Schierke noch nicht zu Ende.
In der Folge hat man ausgiebig Zeit für Charakterstudien: Es gibt Teilnehmer, die sich über die "Scheiß-Orga" aufregen und "endlich nach Hause" wollen, und es gibt Teilnehmer, die damals schon ein Smartphone haben und die Taxi-Unternehmer im Harz abklappern und alle verfügbaren VW-Busse nach Schierke beordern. Irgendwann sehr weit nach Mitternacht sind wir wieder am Tanzsaal. Niemand (!) von den Etlichen, die bei uns ein Bus-Ticket bezahlt hatten und jetzt zusätzlich das Taxi berappen mussten, wendet sich im Nachgang mit Rückforderungen an uns. Alles echte Sportler.


I. 2008
Rückblickend kann man aus der Tatsache, dass Sanna und ich damals ziemlich problemlos da hochgekommen sind, nur eines lernen: Der Kopf, der Kopf, der Kopf entscheidet - und dann kommt lange nichts!
In der ersten Januar-Woche (2008!) hörte ich das Wort "Brocken-Challenge" das erste Mal in meinem Leben. Irgendein Irrer (der Name ist mir heute bekannt) hatte einen Info-Zettel in die Kantine von Elkershausen gehängt. 80km? Ich kann aus heutiger Sicht wirklich nicht darlegen, wie verrückt und abwegig ich dies damals fand. Man kann sich nicht zurückversetzen in Zeiten, wo Marathon ein Lebensziel war und UTMB, Hexenstieg oder TorTour de Ruhr entweder noch nicht erfunden oder mir einfach unbekannt waren. Aber sie wollte da mitmachen und ich erklärte sie für verrückt. Ich werde nicht vergessen, wie wir eines Sonntagmorgens im Bett frühstückten und sie Markus Ohlef anrief, um überhaupt die ersten Infos zum Lauf einzuholen. Eine Homepage i.e.S. gab es noch nicht. Es wurde ein langes Telefonat. Am Ende stand ihr Entschluss fest und der Rest des Sonntags verlief weniger harmonisch.
Gut, da ich als Supporter sowieso in die Nummer verwickelt worden wäre, konnte ich auch gleich selbst mitlaufen. Mit einem einzigen zuvor gelaufenen Marathon in den Beinen und gestählt durch 150 Trainings-Kilometer in den drei(!) Monaten(!) vor dem Start fand ich mich also am Kehr ein und beantwortete Interview-Fragen der Form: "Wie wird man eigentlich Ultra-Läufer?"
Fakt ist, dass ich in einer Zeit dort hoch kam, die ich fast minutengenau noch in drei weiteren BCs erreichte, wenn auch die jeweiligen Gesamt-Verläufe teilweise krass unterschiedlich waren. Ich hatte mir einen einzigen Satz in das Hirn gehämmert:
"Du bewegst Dich heute mindestens 12 Stunden, und dann wirst Du oben sein."
Dadurch wurden pace, zurückgelegte und noch ausstehende Kilometer unbedeutend.
Nach 10:22h war ich auf dem Gipfel, 25min nach Sanna.


VI. 2013
Beginnen wir einfach mit dem Zeitpunkt der Rückkehr nach Hause nach dem briefing. Das ist immer der Moment, wo ich denke:
a. negative Variante: "Mann, ich möchte einmal im Leben ausgeruht am Start der BC stehen!" (Um ehrlich zu sein: 2008, wo ich noch nicht wusste, was der ASFM ist, war das auch der Fall.)
b. positive Variante: "So, und jetzt mal richtig auspennen und dann morgen schön ins Café setzen, Zeitung lesen und bloß nicht mehr an die BC denken."
Es gibt kaum einen Moment im Jahr, an dem ich "leerer" bin, ausgelaugt von den ganzen Vorbereitungsdetails der letzten Tage und den dazwischen noch reingequetschten letzten "Pflicht-Trainings". Aber diese Leere bringt mich dann schnell wieder zu der Einsicht, dass dies genau der richtige Zustand sei, morgen "joggen" zu gehen und nicht mehr denken und grübeln zu müssen, sondern nur noch zu laufen, zu laufen, zu laufen.
Und dann wieder der Alte Tanzsaal. Plötzlich ist die BC da und alles andere existiert nicht mehr.
Es lohnt sich, für dieses Gefühl viele Wochen im Jahr die BC in den Lebens-Mittelpunkt zu rücken.
Und es lohnt sich, die Gefühle der Ohnmacht und der Wut, die sich heute im Entsafter II aufzubauen versuchen, weil die Schneeverhältnisse wieder einmal katastrophal sind und man lange Abschnitte kaum gehen geschweige denn laufen kann, in Schach zu halten. Nein, keine Wut! Dies ist dein Schicksal als Challenger - und du wirst morgen geniessen, es wieder durchlitten zu haben.


III. 2010
Die Forstwirte hatten schon vor Wochen vor den Schneemassen kapituliert und das Freischieben der Strecken im Entsafter eingestellt. Die Berichte und Bilder, die uns von den Markierungsteams zwei Tage vor dem Start erreichten, waren beunruhigend. War die Chose dieses Jahr wirklich noch zu verantworten? Fakt war, dass die endgültige Route zum Zeitpunkt des Starts nicht völlig feststand. Das wusste GsD nur die Orga selbst. Der Bus-Shuttle am oberen Ende des Oder-Stausees wurde sozusagen in letzter Minute etabliert. Markus hat starke Nerven.
Wenn Du nach über 12 Stunden und 6 zusätzlichen Kilometern mit etlichen Sonder-Höhenmetern im Tiefschnee am Gipfel ankommst und denkst: "Nichts geht mehr!" - dann hilft dir manchmal die "Realität" zu erkennen, dass dem nicht so ist: Auch die Fahrzeuge der Johanniter müssen dieses Jahr vor den Schneemassen kapitulieren und kommen trotz Schneeketten nicht zum Gipfel hoch. Das bedeutet: Zusätzliche (ungeplante) Wanderung nach Schierke. Bisher waren wir immer mit dem Johanniter-Shuttle nach unten gefahren worden. Es sind weniger die weiteren Kilometer als die Tatsache, dass dies eine unerwartete Situation ist, mit der du dich plötzlich auseinandersetzen musst. Und du musst mit ihr klar kommen, denn es gibt keine Alternative. Man schafft erheblich mehr als man denkt oder für möglich hält, selbst wenn die Messlatte schon ziemlich weit oben liegt.


IX. 2016
Meine Güte: Neun in Folge! Damit nimmt die BC inzwischen eine Ausnahmestellung in meiner neunjährigen Laufkarriere ein, nur 2 lokale Zehner bin ich noch ein Mal mehr gerannt.
Die BC ist eine Haßliebe geworden - nein, das war sie von Anfang an. Der Lauf liegt mir nicht. Ein Treppenwitz. Auf Schnee bin ich letzte Kanone. Und auch der Weg bis Barbis führt - vor allem, wenn alles Grau in Grau ist - über eine Strecke, auf die man sich - bis auf Ausnahmen - freiwillig wohl kaum begeben würde. Aber genau das macht ihn zu einem Teil der Challenge, das habe ich inzwischen begriffen. Und daher wird die Route auch nicht verändert. Die zweite Hälfte führt meist moderat bergauf, im Prinzip kein Problem, aber eben nicht auf Schnee. Offenbar laufe ich darauf/darin ziemlich unökonomisch. Jedenfalls kann ich bei der BC Konkurrenz von Läufern bekommen, die ich im Sommer regelmäßig klar hinter mir lasse.
Warum trotzdem immer wieder diesen Lauf?
Die Antwort steht eigentlich schon weiter oben: Weil es keine Ausgabe gab, wo man nicht wenigstens eine neue Erkenntnis mitnahm. Weil keine BC wie die andere ist, auch wenn Du schon viermal fast auf die Minute gleich lang gebraucht hast und genau so oft bei wolkenlosem Himmel unterwegs warst. Weil sich das Wir-Gefühl unter den Teilnehmern immer weiter verfestigt und Du deshalb nie wirklich allein unterwegs bist. Weil es umwerfend ist, wenn du siehst, dass etliche Läufer, die wegen Krankheit oder Verletzung nicht starten können, trotzdem vor Ort sind. Dass Leute von den VP-Teams teilweise mehrere Hundert Kilometer anreisen, um in der Kälte stehen und dabei sein zu können. Weil es nach jeder BC mindestens einen Satz in irgendeinem Laufbericht oder einer mail zu lesen gibt, der dir unzweifelhaft klar macht, dass es sich lohnt, am Ball und Teil des Ganzen zu bleiben und diese schrecklichen winterlichen Stirnlampenläufe im Vorfeld durchzuziehen. Und weil Du Dich nur nach einem BC-Finish und nach der Spendenübergabe mit ein paar Tagen Vorfrühling am Mittelmeer belohnen darfst.
Meine neunte BC war einfach. Schon an der Rhumequelle fühlte ich, dass das gesundheitsbedingt eingeschränkte Training im Januar nicht spurlos an meiner Fitness vorbeigegangen war. Aber ich hatte meine Hausaufgaben gemacht: Alles, worauf es jetzt noch ankam war, das zu dieser Wahrnehmung passende Zitat hervorzukramen und scharf zu schalten: "Kämpfe nicht mit dem Weg - nimm, was er dir gibt!" Das tat ich. "Bis zu dem Baum in der Sonne noch!" - "Ab dem Holzstapel da hinten wieder!" - Am Ende reichte die Motivation und Stimmung sogar noch zum ersten Gipfelstein-Foto nach einem ziemlich entspannten Finish in einer - bis auf einen leichten Sonnenbrand - guten physischen Verfassung.


Lieber Körper, mach' doch noch einmal mit - bei Nr. X!


mehr BC-Texte: die 5. JahreszeitOriginal-Novizen-Bericht

Montag, 12. Oktober 2015

Einfach ein guter Tag - Brocken-Marathon 2015

"Du, wir suchen uns jetzt einfach ein nettes Zimmer, futtern ordentlich und fahren morgen früh wieder zurück!" - So der Original-Vorschlag von Sanna ca. 10 km vor der Ankunft in Wernigerode am späten Freitagnachmittag. Der Harz zeigt sich aber auch mal wieder von seiner allerherausforderndsten Seite: Nebel, 20m Sicht, Nieselregen. Maximal Wetter, um eine Leiche relativ ungefährdet rechts oder links im düsteren Fichtenwald zu verscharren. Oder eben Pläne zu beerdigen. 5 Marathons in 5 Wochen, davon 4 zusammen. Der Auftakt war Bremen vor 6 Tagen. Es lief dort zwar ganz gut (was die Zeiten angeht), aber die Spuren, besser gesagt die Müdigkeit, wollten die Woche über nicht so recht weichen. Nun das hier: Weltuntergang, Aussicht auf eine sehr "erholsame" Nacht in der Turnhalle, morgen dann zum x-ten Mal den Kolonnenweg hochquälen, die alte Bestzeit von 3:39h, die schon fast eine ganze Altersklasse zurückliegt und schon zwei Angriffe überstanden hat, sowieso wieder nicht erreichen. Was soll der Blödsinn?

Gut, die Wettervorhersage für morgen ist natürlich top - sonst wären wir wohl auch gar nicht erst losgefahren, jedenfalls ich nicht. Der erste richtig kühle Tag mit einstelligen Temperaturen unten (und oben natürlich) sowie sehr viel Sonne und ziemlich wenig Wind steht bevor. Ok Berg, wir kommen! - 2 Euro die Nacht in wohlbekannter Umgebung. Die Claims sind mit diesen Tischtennis-Abtrennungen abgesteckt, die Hemden der Ur-Harzgebirgsläufer hängen wo sie immer hängen, nur die ehemals dauervermietete Geräte-Garage ist nicht mehr von dieser netten Familie aus dem Brandenburgischen belegt, die Kinder dürfen inzwischen frei laufen. Mit dem Bus in die Stadt zum Nachmelden, um den Parkplatz in der pole position nicht zu gefährden. Ohropax gibt es bei Rossmann direkt am Marktplatz. Hi, Conny & Kalle! - Wie gesagt, kein Wetter, das Lust auf irgend etwas macht, außer schnell wieder zurück ins Warme und Trockene zu kommen. Dort gibt es leckere mitgebrachte, noch warme Curry-Hirse mit selbstgemachtem Pesto (80% Knoblauch, der claim ist gesichert). Um 23 Uhr geht die restliche Hallenbeleuchtung aus. Als ich aufwache, ist sie schon wieder an, dazwischen hab ich nur einmal auf die Uhr geguckt. So gut hab ich hier noch nie geschlafen! Entweder ich bin entspannt, oder total fertig. - Frühstück mit noch mehr Hirse, unglaublich guten blauen Weintrauben von der heimischen Göttinger Gartenlaube und Tee, hier traditionell zubereitet mit dem von der netten brandenburgischen Familie geliehenen Ost-Kocher. Trotzdem - immer noch keine wirkliche Lust. Nicht doch lieber ins Café setzen? 42 Euro pro Mütze hätten wir ja auch bestimmt im Hotel bezahlt!

Aber die Luft draußen ist einfach der Hammer, der Himmel tatsächlich schon jetzt fast komplett blau, und die Startwiese zu sehr um die Ecke. Alle sind da, viele von ihnen trifft man auch noch in den wenigen verbleibenden Minuten vor dem Start, also los! - Schön hinter Sanna bleiben, kann heute eh nichts werden, nicht mal die Verdauung hat funktioniert. Schön hinter Sanna bleiben? - Gar nicht so einfach, sie prescht ziemlich los und ich muss aufpassen, wenn ich sie im Gedränge auf den ersten Kilometern nicht gleich aus den Augen verlieren will. Alleine wäre ich lockerer unterwegs, so viel steht fest. Zumal die Analyse meiner 5 bisherigen Brocken-Marathons ergeben hat, dass insbesondere die Zeit auf den ersten 8km, die nur leicht wellig am Harzrand nach Ilsenburg führen, kaum etwas mit der späteren Zielzeit zu tun hat. "8. Frau!" wird Sanna zugerufen. Ich weiß, dass für sie damit die Hatz auf weibliche Wesen vor ihr im Feld eröffnet ist (denn die ersten 6 kommen auf's Treppchen).

(c) harzlandschaft.de
Kurz nach dem ersten VP am Ortsende von Ilsenburg steht dann der erste Streckenabschnitt bevor, der schon eher eine Aussage darüber zulässt, ob heute "was gehen" wird oder eben nicht. Aber die Rampe bei km12 laufe ich komplett durch, ohne dass größere Verhandlungen mit dem ISH erforderlich werden. Aha! - Na gut, mal sehen, ob es so weitergeht. Ich überhole einige, die ich nicht in jedem Lauf überhole. Sanna bleibt etwas zurück, aber in Sichtweite. Die 7. Frau (war im Lamer Winkel weit vor mir [ach nee, sorry, das war ja die andere!]; stand beim TAR überall an der Strecke, hat heute einen Pacer, der sich beim TAR die Bänder gerissen hat. Ist sie deshalb so moderat unterwegs?). Dann schon der kurze, flachere Abschnitt mit herrlichem Ausblick auf den Gipfel, der hier bereits zum Greifen nah scheint. Aber noch sind es 6km und vor allem 600 Höhenmeter, bis beim Streckenkilometer 19,3 am Gipfelstein angeschlagen werden kann. Die Schleife hoch zum 2. VP laufe ich auch komplett durch. Ich bin mir sicher: das ist jetzt tatsächlich ein Novum. Hm, weiter... Sanna ist noch sichtbar. Die 6. Frau vor mir. Einbiegen auf den Kolonnenweg. Mit dem werde ich wie immer nicht kämpfen. Bringt ja nichts. Diejenigen, die (wie Sanna) hier komplett durchlaufen, machen maximal einige Zehner-Meter gut. Nee, ich guck lieber zurück ins Tiefland und rüber nach Torfhaus. Das ist heute wieder mal einer dieser maximal zehn jährlichen Tage am Brocken, an denen man glauben könnte, die Wetterstatistiken ("> 300 Nebeltage pro Jahr") spinnen. Einfach herrlich. Zuletzt war es hier oben 2008 so (die vielen sonnigen BCs mal außen vor gelassen), allerdings auch gut 10° wärmer. Heute ist es um den Gefrierpunkt, und natürlich kommt der Wind auf dem letzten Kilometer auf der Kuppe spürbar hinzu, aber für den Brocken ist das kaum mehr als ein laues Lüftchen. Dann Mike. Den überhol' ich hier immer, metergenau - schon verrückt! "Erster Trainingslauf für die BC!" meint er. Team Steinbock wird wieder am Start sein. Sanna holt uns ein. Also wieder antraben. 5. Frau.

(c) conceptfoto
Nach 1:54:30h bin ich oben (und klatsche Matze ab, der auf dem Stein hockt und auf die [ehemals] 7. Frau wartet). Oh, nur 2min langsamer als bei der bisherigen PB. Damit bin ich recht zufrieden - mehr bewirkt das erstmal nicht. Auf jeden Fall bin ich gefühlt noch nie so locker hier hoch gekommen. Vielleicht doch ein paar TAR-"Nachwehen"! - Jetzt schön gemächlich auf die Brockenstrasse einfädeln und vorsichtig in den Bergab-Modus schalten. Das Timing am Bahnübergang passt perfekt, der Zug ist gerade durch. Ok, dann also Feuer frei - let it roll!

Mist, wie befürchtet bewirken die Erschütterungen der Schritte auf dem Teer das Absinken und Verdichten beweglicher Komponenten im Darm. Das wird wohl nichts werden ohne Boxen-Stop heute. Mit leicht verklemmter Mimik passiere ich die kultigen LaOla-Damen, die da jedes Jahr in der Nähe des festen Klo-Häuschens das gesamte Feld unterhalten. Rein da? Nee, muss noch gehen. Endlich runter vom Asphalt. VP am Knochenbrecher, aber leider keine Cola, nichts Salziges. Es folgen einige minimale Gegensteigungen, bevor die Strecke über Kilometer in ein recht konstantes, optimal laufbares Gefälle übergeht. Ich überhole. Tach, Hubertus! Und überhole. Und könnte eigentlich schneller. Was ist hier los, heute, Körper? Ausnahmsweise mal einen dieser seltenen "Heute-läuft-es-einfach"-Tage auf einen Wettkampf-Termin gelegt? Das werde ich rauskriegen, wenn bei km32 nochmal eine ziemlich üble Gegensteigung ansteht. Also "übel" unter dem Aspekt, dass man schon 32km in den Beinen hat, und die letzten 10km konstant bergab gedonnert ist (alle paces zwischen 4:30 und 4:10). Pah, läuft heute auch, wie Butter. Bin ich auch noch nie durchgelaufen, glaube ich! Ok, dann gucken wir jetzt mal - und der Darm kann mich so was von!

Nach Kilometer 36.5 (und der wirklich letzten kleinen Steigung - klar - gelaufen!) trifft man auf die (eher nicht so schnellen) Halbmarathonies, die ein willkommenes Kanonenfutter abgeben und mit (gefühlt) doppelter Schallgeschwindigkeit eingesammelt werden. Mein Gott, läuft das leicht! Beim "noch 4km"-Schild habe ich 3:20h auf der Uhr, d.h. für eine sub-3:40 reicht jetzt eine 5er-Pace! - "Das wird was, aschu, das tüten wir jetzt ein!"

Klar, da sind heute 60 Leute schneller gelaufen als ich, z.T. natürlich viel schneller (und gut 600 teilweise etwas langsamer). Das ist ja nicht der Punkt. Ich freue mich, dass man es immer mal wieder erlebt - dieses Gefühl, das man so selten genießen darf, dass man manchmal glaubt: "das kommt wohl nie wieder!" - das Gefühl, das man nicht bestellen kann, wo alles zu passen scheint, obwohl es objektiv betrachtet gar nicht passen kann oder darf. Ich laufe 6 Tage nach der 3:17h in Bremen, wo die letzten 5km eine Qual waren und nach der es mir gar nicht gut ging, den Brocken in 3:37h und finde es einfach schade, als im Ziel schon alles vorbei ist. Das I-Tüpfelchen liefert dann die Sofort-Urkunde - auch noch Altersklassen-Sieger! - Gut, damit dürfte andererseits klar sein, dass eine lange Wartezeit bevorsteht, bis ich mal wieder (innerlich) so jubeln kann. Macht nichts. Irgendwann. Irgendwo. Jedenfalls unerwartet. - Spannend!

Sanna kommt irgendwann auch noch an. Nein - Scherz beiseite, auch sie kann mit knapp unter 3:52h ihre Brocken-Bestzeit zum 3. Mal leicht verbessern. Die Leguanos haben sie bergab doch etwas ausgebremst, meint sie. Sie ist sich ziemlich sicher, 7. zu sein, ich tippe eher auf Platz sechs, aber wer weiß das schon wirklich, selbst die erste Info ("8. Frau!") kann falsch gewesen sein (die Urkunden weisen das leider nicht aus, niemand kann uns weiterhelfen). Wir entscheiden uns, angesichts der einstelligen Temperaturen und unserer nassen Klamotten zurück zur Halle zum Duschen zu gehen - womit klar ist, dass sie die Siegerehrung zeitlich verpassen wird. - Zurück in Göttingen sehen wir in der Ergebnisliste, dass ich "leider" recht hatte. Die Enttäuschung darüber bleibt ziemlich begrenzt. Wir sitzen unter den Palmen in der Sonne. Es war einfach ein guter Tag.

die Zeit, sie scheint auch irgendwie zu rennen ... :)
(c) Joe Kelbel



Donnerstag, 10. September 2015

Out of Comfort Zone - TransAlpine-Run 2015



Moment mal!
Wann bin ich zuletzt 8 Tage in Folge gelaufen?
Wann bin ich zuletzt 268km in 8 Tagen gelaufen?
Wann bin ich zuletzt 16.000 Höhenmeter in 8 Tagen gelaufen?

Immerhin lauten die Antworten auf diese Fragen, die ich mir nicht nur einmal in den Monaten und Wochen vor dem Start stelle, nicht gleich dreimal: "Noch nie!", sondern in 2 Fällen: "Vor 5 Jahren!" Aber ist das etwa schon ein ausreichendes Fundament, liefert das die erforderliche Sicherheit und Zuversicht, sich diesem außergewöhnlichen Vorhaben stellen zu dürfen? Wird das nicht wieder zu einem ähnlichen Fiasko werden wie der nicht beendete Deutschlandlauf 2010, auf dessen Konto allerdings die 2 bejahenden Antworten gehen? - Mit anderen Worten: Wetten auf das Finishen würde ich lieber nicht abschließen (und das verbietet sich wohl auch schlichtweg für diese Art von Unternehmung, ganz unabhängig von der persönlichen Lauf-Historie).

Was unterscheidet den TransAlpine-Run (TAR) eigentlich von Läufen, die man so im Alltagsgeschäft in Angriff nimmt? Drei Dinge:
Es ist ein Etappen-Lauf.
Es ist ein Team-Lauf.
Es ist ein Berg-Lauf.

Bei einem Etappenlauf ist das Tagesziel ungefähr so wichtig wie das Erreichen des ersten VP bei einem Marathon: Es ist erforderlich, aber unbedeutsam. Jede Etappe für sich genommen bleibt unbedeutsam, erst die lückenlose Aneinanderreihung aller erfolgreich absolvierten Teilstücke ergibt das Finish. Zwischen den Teilstücken liegen Übernachtungen an wechselnden Orten mit wechselnden Gegebenheiten. Sich mehr oder weniger schnell aufbauender Schlafmangel ist quasi untrennbar damit verbunden. Kleine Zimmer, große Zimmer, weiche Matratzen, harte Matratzen, Ruhe, Hauptstraßen, Badewanne, Klo auf halber Treppe. Der Wecker geht auf jeden Fall zu früh. Oder erlöst von der durchwachten Nacht, in der man sich nur rumwälzte. Und: Ja - du hast dich gestern bereits ausreichend bewegt und kämst unter Normalumständen kaum auf die Idee, das heute zu wiederholen. Ab dem 2. oder 3. Tag wird damit die Birne zur wichtigsten Funktionseinheit: Du musst das jetzt einfach wollen! Da wieder raus. Rein in die kaum durchgetrockneten, müffelnden Klamotten des Vortages. Das Gefühl ignorieren, das dir suggerieren will, dass du nicht einen Kilometer weit laufen kannst. Wollen, also die intakte Motivation, ist die eine Seite - aber du musst faktisch auch (noch) können! In acht Tagen kann so viel passieren (mit Faktor 2 im Team ...): Füße ramponiert (ohne realistische Chance auf Abheilung können schon Blasen zum Problem werden), Schuhe zerschlissen (geht je nach Terrain schneller, als man sich das je vorher vorstellen konnte - vgl. Gran Canaria ...), der Magen-Darm-Trakt - immer ein potentieller Herd für Ungemach (was sich für viele Teilnehmer dieses Jahr mit fortschreitender Dauer bewahrheitete), Folgen eines fast bei jedem Schritt im Bereich des Möglichen liegenden Sturzes, eine aufkommende Erkältung, usw. Wenn man sich das so vor Augen führt, wundert einen die Ausfall-Quote von 33% in der Team-Wertung eigentlich überhaupt nicht mehr. Eher, dass es doch bei vielen funktioniert hat.

Der TAR als Team-Lauf ist etwas recht Spezielles. Du sollst diese für sich allein schon recht anspruchsvolle Aufgabe auch noch mit einem Partner absolvieren, der sich jederzeit maximal in 100m Abstand um dich herum aufhält (Regel-Vorgabe). Über 268km und 8 Tage und 16.000 Höhenmeter! - Wer soll das sein, wie soll das gehen, wenn Du kein eineiiger Zwilling bist? Hast Du schon mal versucht, mit jemandem Schulter an Schulter einen Marathon zu laufen (nur einen)? Ist normalerweise eher schwierig! - Du übernimmst eine zumindest gefühlte Verantwortung oder Zuständigkeit nicht nur wie sonst für Dich allein, sondern unmittelbar auch für deinen Team-Partner: Sein finanzieller und organisatorischer Einsatz (Startgeld, Vorbereitung, Urlaub) werden durch dich in Wert gesetzt oder eben vernichtet (auch wenn man nach dem Ausscheiden des Partners in der Sonderwertungsklasse der 'Individualisten' weitergeführt wird: Wer will das schon sein? Das "echte" Finishen ist eben im Team vorgesehen, Punkt.). Du wirst deinen Partner auf jeden Fall kennen lernen, auch jenseits des Laufens. Es wird eine Gratwanderung oder gar ein Drahtseilakt zwischen Himmel und Hölle, zwischen gemeinsamen Erleben, Leiden und Erfolg gegenüber erforderlicher Toleranz und Kompromissfähigkeit. Die auf den ersten Blick im Vordergrund stehende physische Komponente bekommt so auf jeden Fall einen psycho-sozialen Sparrings-Partner an die Seite gestellt, den es nicht zu unterschätzen gilt und der bald an den spärlichen, verbliebenen Ressourcen mitknabbern wird. Das zu erleben - nein: zu durchleben, reizte mich fast am meisten.

Ein Berg-Lauf ist kein Lauf. Es ist schlicht eine andere Sportkategorie. "Trail Running". Kilometer werden nebensächlich, pace erst recht. Was zählt, sind zunächst die Anzahl, Verteilung und Art der Höhenmeter. Also: Haben wir heute 2.000 oder 3.000 bergauf? Haben wir 2.000 am Stück oder zweimal 1.000? Sind es Forstwege, single trails oder wegloses Felsterrain? - Wie hoch kommen wir absolut? Was bedeutet das für die Ausrüstung? Welche Schuhe sind angemessen? Brauche ich Stöcke? Wie lange werde ich für die albernen 13km zwischen 2 VPs brauchen, wenn sie durch +/- 1.000 Höhenmeter getrennt sind? Und welche Verpflegung muss ich daher dabei haben? Nicht zuletzt: Ist es naß oder trocken? Haben wir stabile Wetterverhältnisse oder müssen wir mit Gewittern rechnen?

In gewissen Abständen übertrumpft bekanntlich die Neugier auf die Beantwortung solcher nun schon mal im Raum stehender Fragen jegliche rationale Überlegungen und Erkenntnisse ("Ich bin ja kein Bergläufer!") oder allzu bequeme Zögerlichkeit ("Das lass ich mal besser."). Man kommt zu einem Entschluss:

Quäl Dich, Du Sau! Denn nur so wirst du es erfahren!

© sportograf
Der Weg
Der Entschluss zur Teilnahme und die Team-Findung war letztlich ein längerer Prozess und keineswegs mit heißer Nadel gestrickt. Ziemlich genau 1 Jahr vor dem Start fiel für mich die Entscheidung. Ich war - anfänglich zumeist ungeplant - zu viele Kilometer an Jan's Seite getrabt, als dass ernsthafte Zweifel bestehen konnten, dass zumindest die sportliche Seite funktionieren müsste. Und da er auch mal für ein paar Stunden die Klappe halten kann, durfte man das Ganze wohl wagen. Als "Nice Nasty Nerds" stehen wir noch vor dem Jahreswechsel 2015 auf der Starterliste.

Man schleppt dieses Event natürlich irgendwie die ganze Saison mit sich herum. Was das Training angeht, was die ausgewählten Wettkämpfe angeht. Wo liegt die richtige Dosierung? Zu wenig wird nicht reichen, zu viel schadet aber genauso. Die offiziellen TAR-Trainingsempfehlungen schaue ich mir für 3min an und weiss dann, dass sie keine Richtschnur für mich sein werden. Ich wohne ja auch nicht in den Bergen. Und ich bin kein Masochist. Ich muss nach meinem Gefühl gehen (was bisher nie ganz falsch war) - und ein bisschen mein Geburtsjahr im Blick behalten. Regeneration wird von Jahr zu Jahr wichtiger, das spüre ich, auch wenn die absolute Leistungsfähigkeit bisher kaum nachgelassen hat.

Jan's Treter nach 3 Tagen
Beim TransGranCanaria Anfang März lerne ich, was auch unter "Laufen" verstanden werden kann. Ich lerne, dass Schuhe, mit denen man problemlos die Alpen wandernd überquert hat, beim Rennen in technischem Gelände innerhalb eines Tages geschrottet werden können. Ich lerne, dass man keine Sekunde die Konzentration verlieren darf, will man nicht auf einem der einfachsten Abschnitte ziemlich böse stürzen. Ich lerne, dass ein Sturz bei noch ausstehender Marathon-Distanz nicht das Ende des Rennens bedeuten muss. Ende Mai im Lamer Winkel und im Frühsommer beim ZUT lerne ich, dass ich bergab eine ziemliche Niete bin und das einfach akzeptieren muss. Ich lerne, dass man stundenlang im Regen oder Schneeregen unterwegs sein kann und was man da anhaben muss. Ich lerne, dass dann das Wichtigste ist, dass die Brille nicht beschlägt (um nicht zu stürzen) und wie man das (meistens) erreichen kann. Im privaten Trainingslager einen Monat vor dem Start in den Berchtesgadener Alpen lerne ich, wie man unterwegs sein und was man futtern muss, um ca. 2.000 Höhenmeter an mehreren Folgetagen zu verkraften. Ich komme immerhin auf 150 Wochen-Kilometer, bei jeweils 9.600 auf- und absteigenden Höhenmetern. Alles in allem fühle ich mich schließlich für einen Flachlandtiroler recht ordentlich vorbereitet. Ich ahne, worum es gehen wird. Es kann und muss endlich losgehen.

Und tatsächlich rast plötzlich die Zeit und man kann auf einmal die Tage bis zum Start zählen. Nur noch ein ruhiger Gruppenlauf am bzw. um den Edersee, mit 2 UTMB-Aspiranten - rums. lande ich wieder auf dem Bauch bzw. der linken Trinkflasche. Ziemliche Rippenprellung. Bekanntermaßen recht schmerzhaft und langwierig. Und natürlich auch verunsichernd. Noch 21 Tage. Ich kann nicht tief durchatmen. Suboptimal. Training ist eine Qual und nicht mehr als eine Pflichtübung. Nach 2 Wochen kann ich immerhin wieder durchschlafen. Und Einparken rückwärts mit Blick über die rechte Schulter (autsch, geht ja gar nicht!) ist keine zentrale Disziplin beim TAR.

Es geht los. Auf dem Weg nach Süden verlassen wir das Grau des Nordens und fahren voll in den Hochsommer zurück. Es gibt nichts Motivierenderes, als bei blauem Himmel in den Urlaub und in die Berge zu fahren. In den Urlaub!? Na klar. Urlaub mit ein bißchen Sport. Das reden wir uns jedenfalls hartnäckig immer wieder ein. Gemeinsam finishen ist alles! - Auf einer Raststelle sprechen uns Leute mit Salomon-Tretern an den Füßen an. "Auf dem Weg nach Oberstdorf?" - "Mmh." - Der Mann aus dem Rheinland wird uns ein paar Tage später mit gerissenen Bändern in Landeck entgegenhumpeln. Gut, dass er es in diesem Moment noch nicht weiß.

Oberstdorf - da sind wir durchgerannt 2014 beim APUT, da hab ich Sanna abgeholt am Ende ihres autarken Deutschland-Laufes 2012. Björn ist hier vor einem Monat durch, zu Beginn seiner Deutschland-Querung von Süd nach Nord. Jetzt entsteht hier noch mehr Lauf-Historie. Wir checken ziemlich früh ein, bekommen für unsere 750 Euro Startgeld schon mal einen ziemlichen Haufen Gels, Buffs und Stirnbänder, und die offizielle TAR-Transporttasche - für die nächsten 8 Tage das Maß aller Dinge. Das Starter-Shirt: "Eight days to fill with pain and glory. We'll make it." Abergläubig wie ich bin, werde ich das nie anziehen. Ich warte lieber auf das Finisher-Shirt in Sulden.

Umpacken. Sachen richten. Haben wir wirklich alles bedacht? Die Wettervorhersage für die erste (und die folgenden) Etappe bedeutet: Fast nichts am Körper, fast alles im Laufrucksack. Sonne und Wärme pur. Die Pflichtausrüstung wird nicht reduziert, also müssen wir Einiges mitschleppen. Das Briefing am Vorabend. Es gibt den Einmarsch der Flaggen der 33 teilnehmenden Nationen, Kinder-Schuhplattler, Treffen mit etlichen Bekannten, abgezählte Nudeln, nichts Frisches - und ansonsten für meinen Geschmack etwas zu viel und zu lauten TamTam. Nichts, was wir nicht schon wüssten. Später Start am 1. Tag erst um 10 Uhr, weil einmalig die Gepäcktaschen selbst angeliefert und zu den Transportlastern gebracht werden müssen. Ab dem zweiten Tag läuft eine ziemlich geniale, was uns angeht absolut fehlerfreie Maschinerie an, die die Taschen in der jeweiligen Pension abholt und zur nächsten Ziel-Pension transportiert. Bei 345 gemeldeten Teams eine nicht ganz triviale logistische Herausforderung. Respekt!


Etappe 1: Oberstdorf - Lech
trail book (Veranstalter-Angaben): 34.6km, +2.083m, -1.469m
SRTM-korrigierter Garmin-Track (aschu): 34.4km, +2.322m, -1.708m
Suunto-Track (barometrische Höhenmessung, Jan): 33.6km, +2.152m, -1.529m

2 Pässe
tiefster Punkt: Oberstdorf, 810m, nach 0km
höchster Punkt: Fiderescharte, 2.190m, nach 15.5km
Laufzeit: 6h15min
Platz 44 von 79 in der AK MasterMen (Team-Alterssumme 80 bis 100 Jahre, wir: 94 Jahre)

© sportograf

Es ist soweit: Wir stehen bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel am Start. Nicht gerade werbe-wirksame Bedingungen für den Titel-Sponsor GoreTex. Immerhin haben es die Hilfskräfte dort am Stand nach stundenlangen Versuchen inzwischen geschafft, den Strom zwischen einem Schaltkasten und den Gebläsen zum Fließen zu bringen und das Zelt aufzupusten. Da muss und wird im Laufe der täglich weiterziehenden Karawane wohl noch Routine einkehren. Wir geben unsere Start-Ziel-Beutel ab - ein erstmaliger, u.U. sehr wertvoller Service durch Gore, weil du dich im Ziel sofort umziehen kannst und nicht bis zur Pension in den nassen Klamotten frösteln musst. Dann das Check-In, was wohl im Wesentlichen dazu dient, zu erfassen, wer sich tatsächlich auf den Weg macht. Die Ausrüstungskontrolle beschränkt sich mehr oder weniger auf einen tiefen Blick in die Augen. Es kommt wohl auch darauf an, wie man auf die Fragen nach bestimmten Gegenständen antwortet, damit man sie gar nicht erst rauskramen muss. Es ist mein erster Lauf, bei dem ich meine Gels und Riegel mit der Startnummer beschriften muss. Wenn ein Papier mit deiner Nummer unterwegs außerhalb der Mülltonnen gefunden wird, fliegst du angeblich raus. Bleibt nur zu hoffen, dass andere keine Zahlendreher einbauen oder dich sogar vorsätzlich aus der Wertung kicken wollen.

Eine alte Läufer-Regel lautet: Wenn du am Start nicht frierst, bist du zu warm angezogen. Wir schwitzen. Weniger anziehen geht aber nicht. Wie herrlich: Ab jetzt müssen wir nur noch laufen. Laufen, essen und schlafen. Immer wieder. Heute liegen knapp 35km bis nach Lech vor uns. Noch habe ich keine Ahnung, was das bedeuten wird. Es gibt einen höheren Paß (2.200m) und noch ein paar Wellen im Höhenprofil. Ich kalkuliere mit gut 5.5 Stunden. Wir wollen ja, besonders am Anfang, locker angehen. Wir stellen uns auch ganz brav deutlich in der hinteren Hälfte des Starterfeldes auf (würden wir normalerweise nie machen!).

Dann ein ganz besonderer Moment: Der Startschuß knallt! - Es ist tatsächlich wahr geworden: 
Wir sind beim TransAlpine-Run 2015 dabei und unterwegs!
Bei ohrenbetäubendem Kuhglockengeläut rennen wir die 3 flachen Kilometer hinaus aus Oberstdorf bis zum allerersten Anstieg hinauf zum Freibergsee und überleben diese, ohne durch herumwirbelnde Stockspitzen aufgeschlitzt zu werden. Es sollten bis auf die Inntal-Passagen zu Beginn des 4. und 7. Tags die schnellsten Kilometer des gesamten Rennens bleiben ...

Wenn Du Stauforscher bist, bist du beim TAR goldrichtig. Wenn Verkehr ist und sich die Fahrbahnen verengen, entsteht Stau. Beim TAR ist massig Verkehr (312 2er-Teams starten in Oberstdorf) und die Fahrbahn verengt sich regelmässig und meist lang anhaltend. Wenn Du etwas Abstand hältst, um durch eine gleichmässige Geschwindigkeit die Auflösung des Staus zu beschleunigen, nutzen andere ihre Chance und hopsen in die Lücke. Kurz darauf steht man wieder. Genau wie an besonderen Hindernissen wie etwa Bachquerungen oder über den Weg gefallenen Bäumen. Es ist schon krass. Warum tut man sich das an? Alleine wäre man (ohne ans Laufen auch nur denken zu müssen) oft schneller unterwegs. Eine Erfahrung, die die Schnellen ganz vorne wohl gar nicht machen konnten. Ich hatte es aber genau so erwartet und nehme es als Teil einer erfolgreichen Taktik-Umsetzung: Überpacen ist so definitiv unmöglich. Gut so! Kraft sparen. Das ganze Ding wird sowieso eine einzige große Energiespar-Übung. Mir tun nur die "normalen" Wanderer leid, die an diesen TAR-Tagen auf unserer Route unterwegs sind. Macht es wohl Spaß, sich an hunderten entgegenkommenden Leuten vorbei zu schlängeln?

Der Stimmung tut das alles keinen Abbruch. Dazu ist das Wetter einfach zu gut und die Akkus noch zu voll. Viel Gerede, obwohl es doch schon bis zum 1. VP an der Wankalm bei km11 ordentliche +600hm hinauf geht. Alles nur ein seichtes Vorspiel. Die "Wand" wartet direkt dahinter. Jetzt folgen weitere +800hm auf 4km. Nachgerechnet? Genau. 20%, im Durchschnitt. Wie ich schon sagte: Kilometer spielen sehr schnell keine Rolle mehr. In einer endlosen Schlange windet sich das Teilnehmerfeld zur recht luftigen Scharte hoch, wo wir erstmals von den legendären "Püschel-Jungs" (gehören offiziell zum Medical Team des Veranstalters 'Plan B') mit Kuhglockengeläut und eben diesen pinken Cheerleader-Püscheln empfangen werden. Oben blitzschnelles gedankliches und körperliches Umschalten auf den Downhill. Das ist alles nicht ohne hier, man kann zwar nicht wirklich abstürzen, aber sehr ekelhaft fallen auf diesem schotterigen Geläuf. Alle, die drängeln, werden gerne vorbei gelassen. Wir sind hier auf der 1. Etappe. Heute ist alles völlig egal. Heile ankommen. Was sonst. Hinter der Mindelheimer Hütte geht es weit runter in die Latschen-bewachsenen Hänge. Unglaubliche Hitzeschübe erfassen uns. Gut, nach dem diesjährigen Thüringen Ultra kann mich nicht mehr viel schocken. Aber die Getränkevorräte sind doch schon bedenklich eingedampft und der nächste VP zwar nur noch 5k entfernt - aber was bedeutet das hier in Laufzeit? Wohl mehr als eine Stunde.
im Aufstieg zum Schrofenpass
© sportograf
Recht luftig geht es noch einmal über einen technisch verbauten Steig zum im Höhenprofil eher unscheinbaren Schrofenpass hinauf. Tschüss, Deutschland, willkommen in Tirol (oder Vorarlberg? Nein, tatsächlich erstmal ein paar Kilometer Tirol!). Aus dem Tal bei Warth dröhnen die Motorräder herauf. Die armen Anwohner, was für ein Terror! - Irgendwer hatte uns am Start vor dem kurzen Stich hinauf nach Warth gewarnt, nicht zu unrecht. Es geht halt einen Skihang in der Direttissima hoch. Am VP 2 nach knapp 26k stelle ich fest, dass ich nichts dagegen hätte, wenn hier heute das Ziel wäre. Ist aber nicht. Noch 8k. Im Lech-Tal aufwärts. Kann also nicht ganz so schlimm sein. Haha, Anfängerfehler. Auch hier lauern summarisch noch mehrere 100 Höhenmeter, dazu ist es knallheiß, weil wir uns "nur noch" auf ca. 1.400m befinden. Jeder Seitenbach dient zur Befeuchtung der Kappe und des Körpers und schafft eine eng begrenzte, kühlende Oase. Mir geht es ziemlich mies. Anderen auch, aber das hilft nicht viel. Kurz vor dem Ziel hat man dann den Blick frei auf den Rüfikopf, auf den von Lech aus eine Seilbahn hochführt, die wir morgen nicht benutzen werden. Wie soll ich da jemals hochkommen?

Das Ziel gleicht einem Heerlager geschlagener Krieger. Alles liegt und lümmelt in den sehr begrenzten Schattenbereichen herum und nuckelt am alkfreien Weizen, das nach jeder Etappe zur willkommenen Zielverpflegung gehören wird. Jan besorgt sich erstmal eine Ladung Flammkuchen. Die Versorgung ist unter Normalumständen wirklich top (und es werden Tage kommen, wo auch ich sie ausgiebig wahrnehmen werde). Ich kann aktuell aber nichts zu essen sehen und dränge darauf, so schnell wie möglich ins Quartier zu kommen. Das ist hier in Lech ausnahmsweise fast 2km entfernt. Ansonsten hat Jan das Kunststück fertig gebracht, überall im Radius von ca. 500m vom Ziel-/Start-Bereich eine bezahlbare und adäquate Herberge zu finden. Die Alternative wäre das sog. "Camp" gewesen, ein Massenlager, das durch den Veranstalter organisiert wird (und auch extra kostet). Aber wir waren uns sehr schnell einig, dass wir uns das nicht antun wollten. Wie gesagt: Sollte ja auch Urlaub werden! - Der spannende Moment naht: Werden unsere Taschen tatsächlich in der Pension auf uns warten? - Tun sie! Und dazu noch etliche andere. Bald liege ich in einem Prunkstück von oliv-braunorange gekacheltem 70er-Jahre-Bad in der Wanne und spüle parallel die Laufklamotten durch. Langsam, ganz langsam kehrt das Leben in den Körper zurück und er beschwert sich bald über die in Österreich offenbar handelsübliche Drittelliter-Größe der Weizenflaschen. Was soll man mit diesen Spielzeugen bei diesem Wetter nach solch einem Tag? - Jan geht noch mal los zur Pasta-Party, mir ist das heute zu weit und ich konzentriere mich voll auf die Regeneration. Habe ja auch allerhand passende Leckereien dabei.



Etappe 2: Lech - St. Anton
trail book: 24.7km, +1.899m, -2.042m
SRTM: 25.5km, +2.014, -2.147m
Suunto: 24.7km, +1.979m, -2.073m

1 Gipfel, 3 Pässe
tiefster Punkt: St. Anton, 1.284m, nach 24.7km
höchster Punkt: Valfagehrjoch 2.543m, nach 17.4km
Laufzeit: 5h27min
Platz 47 von 68 in der AK

Ich bin sehr froh, dass heute die (mit Ausnahme des Bergsprints) streckenmäßig mit Abstand kürzeste Etappe ansteht (die allerdings höhenmetermäßig kaum weniger zu "bieten" hat als die "normalen" - was sagt uns das?). Jede Stunde mehr an Regeneration wird nachmittags wertvoll sein. Außerdem geht es deswegen auch erst um 8 Uhr los, also entsteht nicht ganz so viel Hektik beim morgendlichen Packen, das natürlich noch keineswegs routiniert abläuft. 90 Minuten vor dem Start müssen die Taschen zur Abholung bereitgestellt sein. Das ist der Moment of "no return". Du musst ihnen jetzt wohl oder übel zu Fuß hinterher, und du darfst beim Aufteilen der Sachen zwischen Laufrucksack und transportierter Tasche keinen gravierenden Fehler gemacht haben.

Danach ist dann Zeit für ein relativ entspanntes Frühstück. Als ich den TShirt-Aufdruck unseres in der Freizeit grundsätzlich in Ballonseide gekleideten, männlichen Läufer-Duos lese, bin ich hellwach. Da steht unter ihren beiden Portrait-Fotos irgendwas, dass es bei gutem Sex auch mal Zwicken darf. Sowas lenkt wenigstens kurzfristig vom ewigen Durchdeklinieren der Streckenprofile und Höhenmeter ab.

Foto: Martin W.
Der vollste Vollmond begleitet uns am wiederum wolkenlosen Himmel bei erfrischenden Temperaturen im einstelligen Bereich, die richtig gut durchatmen lassen, zum Start. Eigentlich sind wir ziemlich underdressed, aber man glüht sozusagen noch vom Vortag nach und hat natürlich die Gewißheit, dass jegliches Frösteln sehr schnell nach dem Start wieder ins Gegenteil umschlagen wird. Wir treffen auf etliche der uns bekannten Teams. Gespannte, erwartungsfrohe Gesichter dominieren. Es machen wilde Gerüchte die Runde, dass gestern bereits 50(!) Teams rausgeflogen sind (ok, heute weiß man: Real waren es 24 gestartete Teams (von 312), die gar nicht oder nicht zusammen in Lech ankamen). Tatsächlich lichtet sich das Feld während der ersten drei Tage recht markant, in unserer Kategorie z.B. von 79 auf 60 um 24%. Unter uns deutschen "Flachlandtirolern" hat es leider Gabi aus Berlin erwischt. Kein großes Wunder! Wir hatten sie im Hostel in Oberstdorf erlebt, sie konnte nicht sprechen und war nur am Rumhusten. Diagnose jetzt: Bronchitis. Damit bist du hier weiß Gott auf der falschen Veranstaltung. Wie schade! Sie nimmt es vorbildlich und stark, ist trotzdem jeden Tag bis zum Ende am Start, an der Strecke und im Ziel dabei.
(c) hat ein netter Mensch auf facebook gestellt, weiß leider nicht mehr, wo und wer

Ab heute wird das Läuferfeld täglich auf's Neue nach den erreichten Vorzeiten in drei Blöcke eingeteilt, wobei wir für den gesamten Rest der Reise immer im mittleren landen, der aus irgendwelchen Gründen auch stets der größte ist. Heute werden diese Blöcke sogar mit jeweils 10min Zeitversatz auf die Reise geschickt. Das bietet sich auf dieser Etappe auch an, denn nach einem guten Kilometer entlang der Hauptstrasse von Lech geht die Route bis auf Weiteres in einen schmalen, "unüberholbaren" single trail über. Gut +900hm erwarten uns auf den 4km bis zum Rüfikopf auf 2.350m. Und der dickste Stau der ganzen Reise. Wahrscheinlich resultiert daraus dann doch etwas das "schlechteste" Tages-Ergebnis, denn wir sitzen mitten drin fest. Unter Taktik-Aspekten war es aber wohl optimal, diesen ersten Berg ziemlich entspannt nehmen zu können, maximal gestört durch hektische und laute Versuche einiger Mittelmeer-Anrainer, hier doch überholen zu müssen.

Bis auf einen überflüssigen Rempler eines Überholenden, der Jan eine Schramme am Knie beschert, kommen wir wieder unversehrt durch die Landschaft. Es ist eine grandiose Szenerie, geprägt von weiten, baumlosen Becken mit längeren laufbaren Passagen zwischen den diversen Übergängen (Rauhekopfscharte, 2.415m, Erlijoch, 2.430m). Dann der lange steile Abstieg ins Tal zum VP2 an der Erlachalpe auf 1.900 m, der es in sich hat, denn das von den Seiten über den hohlweg-artigen Trail ragende Buschwerk unterbindet abschnittsweise komplett den Blick auf's Geläuf, das gleichwohl ziemlich verblockt ist.

Aufstieg Valfagehrjoch: Nein, aschu, du bist noch nicht oben
© sportograf
Es folgt einer der steilsten und technischsten Aufstiege der gesamten Tour. Über 2km geht es hinauf zum Valfagehrjoch auf 2.543m. Richtig gerechnet: Jetzt sind wir bei 30% Steigung, davon in der unteren Hälfte vom Veranstalter seilversicherte Abschnitte in steilem, rutschigen "Mischgelände", weiter oben eher weglos in reinem Schutt und Fels. Hier erlebt man zum ersten Mal, dass Leute einfach stehen bleiben, um nach Luft zu schnappen. Kurz hinter dem Joch, an dem man aus quasi "unberührter Natur" in eine grauenhafte, voll "entwickelte" Ski-Landschaft überwechselt, liegt an der Ulmer Hütte der VP3 und damit auch eine Zeit-Kontrollmatte. Wir staunen nicht schlecht, als wir hier nur mit einem Puffer von wenigen Minuten zur cut-off-Zeit durchkommen. Hinter uns kommen doch noch Dutzende, wenn nicht Hunderte!? Ok, die 10min Start-Verzögerung müssen wir wohl noch draufschlagen, aber trotzdem ... Später hören wir, dass die cut-offs an allen Kontrollen um 20min verlängert wurden, noch später, dass die cut-offs auf dieser Etappe komplett gestrichen wurden. Ob das wirklich stimmt, habe ich bis heute nicht recherchiert. Klar ist jedenfalls, dass die Zeitvorgaben auf dieser Etappe irgendwie unausgewogen waren, denn wir kamen später nie wieder auch nur in den Bereich der Maximalzeiten.

Was folgt, sind -1.000 brutale Höhenmeter downhill auf Forststraßen nach St. Anton. Kein Geballere auf diesen vermeintlich leichten Passagen! Das hatten wir uns zuvor immer wieder eingebläut. Die Quittung käme am nächsten Morgen in Form zerstörter Oberschenkel. Also immer schön defensiv. Trotzdem überholen wir noch ein paar Teams. Der Zieleinlauf über die Hauptstraße von St. Anton ist für mich dann ein Déjà Vu: Genau hier endete auch der Montafon-Arlberg-Marathon, den ich 2012 mit Sanna bei ähnlichem Traumwetter genoß. Zurück in die Gegenwart: Gut angekommen heute, kein Vergleich zu gestern! Ich schicke Jan los, Futter zu holen. Der guckt überrascht, aber wohl auch beruhigt. Es gibt leckere greek-style Fladen mit viel Schnittlauch. Bißchen Schafskäse? - Egal jetzt!

Unsere Pension liegt keine 400m die Haupstraße hinunter. Ziemlich urig mit Klo auf halber Treppe und Dusche mit Platzangst und Erstickungsgefahr. Wir werden organisierter. Während der eine duscht, macht der andere seine Wäsche. Alle Bügel raus aus dem Kleiderschrank und das Zimmer nett dekoriert mit den nassen Klamotten. Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine, Doping und sonstiges Hexenzeug für den nächsten Morgen werden auf den Nachttischchen aufgeschichtet. Sonnencreme und Vaseline daneben. Trinkflaschen mit Pulver vorbefüllt. Neue Gels mit Startnummer beschriftet. Abgelaufenes Roadbook raus und Unterlagen für nächste Etappe rein in den Laufrucksack, ist Pflicht. Wie heisst die nächste Pension und wo liegt sie? Handy und GPS laden. Klopapier-Vorräte auffüllen. Die Übernachtung bezahlen (hier trägt die in Österreich unvermeidliche Rechnung die laufende Nummer "96/2015", wohlgemerkt am 30. August, und es gibt mindestens 4 Zimmer!). Parallel solange Bier trinken, bis man zum ersten Mal pinkeln kann. Wettervorhersage checken (bleibt alles, wie es ist). Das ist das bald vollautomatisch ablaufende post-race Ritual. Von wegen Freizeit!

Auf dem knapp 1km weiten Weg zur kombinierten Pasta-Party / briefing machen wir erschöpft in einer Kneipe Station. Natürlich überall nur Gestalten mit diesem TAR-Ausweiskärtchen um den Hals, aber auch sonst am Gesamthabitus unschwer als Teilnehmer zu erkennen. Bunte Schuhe, etwas brauner und etwas dünner als die Normal-Bevölkerung, manchmal etwas merkwürdige Fortbewegungsart oder Schwierigkeiten beim Aufstehen. Ich esse Salat, da es sowas erfahrungsgemäß für 600+ Leute nicht geben wird. Meine Beobachtung aus 2013 während München-Venedig, dass je südlicher man kommt, die Bierpreise steigen und die Darreichungsgröße gleichzeitig abnimmt, wird auch hier, etwas weiter westlich, bestätigt. 

Es ist ein bewundernswerter organisatorischer Kraftakt, in irgendwelchen Alpendörfern überhaupt eine Lokalität zu finden und ambulant so einzurichten, dass man sehr schnell Hunderte Leute abfüttern kann. Natürlich wird das i.d.R. nicht sehr gemütlich sein. Wir sitzen in einem finsteren Saal bei ziemlicher Enge und Getöse. - Plötzlich erwische ich mich bei der Wahrnehmung, dass es hier Brücken zu den Parallel-Universen in der Welt da draußen gibt, in denen nicht freiwillig von Nord nach Süd gelaufen, sondern alternativlos von Süd nach Nord geflohen wird. Völkerwanderungen hier und dort. Mein Gott - dürfen wir das hier eigentlich? Müssen wir uns nicht schämen? Wie verrückt ist das Leben!?  - Aber die unmenschlichen Nudel-Portionen, die das sympathische (und flotte) deutsch-schweizerische Team AndreMar dann neben uns verschlingt, reißen mich aus diesen Gedanken und holen mich zurück in diese Welt, in der ich mich momentan zufälliger- und glücklicherweise - allerdings ziemlich ratlos - befinde.

Auf dem Rückweg zur Pension piept das Handy, SMS vom Texaner mit dem schwäbischen Akzent. Leider etwas zweideutig. Ich rufe an. Ja, er hat den UTMB wirklich endlich gefinisht. Das freut mich tierisch. Über 40 Stunden ohne Schlaf, 160km nonstop - dagegen ist das hier doch Kindergeburtstag!



Etappe 3: St. Anton - Landeck
trail book: 39.9km, +2.019m, -2.494m
SRTM: 43.5km, +2.220m, -2.716m
Suunto: 42.3km, +2.164m, -2.654m

2 Berge, dazwischen eine flache Passage im Haupttal
tiefster Punkt: Landeck, 805m, nach 42.0km
höchster Punkt: 2.051m, nach 6.0km
Laufzeit: 6h48min
Platz 39 von 60 in der AK

Heute, das ist eine irgendwie merkwürdige Übergangs-Etappe. Eher ein Lückenfüller auf dem Weg zur Königs-Etappe morgen. Kein richtiger Gipfel oder Pass, kein Weiterkommen in Richtung Süden. Trotzdem beunruhigende 40 Kilometer und der bislang heftigste downhill über -1.100hm am Stück zum Ende hin. Zusätzlich werden wir fast ausnahmslos im Nordhang des Haupttals zwischen St. Anton und Landeck unterwegs sein - also prinzipiell voll sonnenexponiert. Könnte extrem heiß werden ...

© sportograf
Es sind einfach zu wenige Briten unter uns, als dass aus der trichterförmigen Traube, die sich nach 3km vor dem Übergang der Forststraße in den single trail bildet, eine ordentliche line formieren könnte. Nervig! Aber insgesamt zum letzten Mal, was wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen können. Die Strecke heute ist in ihrer Charakteristik 100% verschieden von der gestrigen. Wir bleiben meist im Waldbereich, was das Laufen über feuchte Erdstellen und Wurzeln aber nicht wesentlich einfacher oder ungefährlicher macht. Dazu kommt, dass sich das Feld heute noch langsamer entzerrt als sonst, also ständig auf Vorder- und Hinterleute geachtet werden muss. Es macht trotz allem ziemlich viel Spaß, und - was fast das Wichtigste ist - es gibt noch wesentlich mehr Schatten als erwartet.

Nach 13km sind wir zurück auf dem Boden des Haupttals und haben die erste Bergprüfung hinter und den ersten VP vor uns. Die VPs sind auf den Etappen zwar relativ rar gesät (was die Laufzeiten dazwischen angeht), dafür aber umso besser ausgestattet. Es fehlt schlichtweg an nichts, egal, ob man Allesesser, Vegetarier oder Veganer ist. Bananen, Äpfel, Orangen, Ananas, Wassermelonen, Gurken, Tomaten, Nüsse, Rosinen, Salami- und Käsewürfel, Kuchen, Gummitiere, Schoki, Brot, Riegel, Brote mit veganem Würzaufstrich, Kürbissuppe mit Nudeleinlage, Brühe, Wasser, Iso, Cola, alkfreies Bier - ich hab bestimmt was vergessen. Wirklich gut! - Übrigens genau so gut und perfekt wie die Streckenmarkierung. Da kann man kaum noch was verbessern. Die Strecken werden jeweils erst einen Tag vor dem Lauf markiert (Schilder, Farbspray, Trassierbänder, 5km-Schilder, Warnungen vor Gefahrenstellen etc.). Um sicherzustellen, dass Witzbolde keine Schilder verdreht oder geklaut haben, rennen dann Scouts am Renntag selbst vor dem Feld die Strecke noch mal ab und korrigieren evtl. Fehler. Und haben offenbar noch Muße, den einen oder anderen Kuhfladen auf dem Weg farblich hervorzuheben. 100 Punkte!

Genug ausgeruht - es geht wieder zur Sache. Es folgt eine sehr ungewöhnliche, aber doch irgendwie auch zu den Alpen gehörende Passage, die ganz flach gut 2km den Fluß entlang führt, der tatsächlich später Sanna heißt, hier aber noch Rosanna, und mir nicht nur deshalb ganz gut gefällt. Schön kühl allemal! Und man kann mal einfach vor sich hin laufen. Dann steht nach etwas Vorgeplänkel der zweite echte Berg an und beschert uns noch mal gut +800hm in mehreren Stufungen. Hammermäßig steil geht es nach einer Bachquerung einen gewundenen Trail durch den Wald hoch. Oben machen ein paar spanische Supporter Spektakel, und meine Hoffnung ist, dass die da irgendwo stehen, wo man mit dem Rad oder dem Auto hinkommen kann, es also flacher ist und diese Steigung erstmal aufhört. Nichts da - die stehen buchstäblich mitten im Wald, an einer der wenigen Stellen, wo man überhaupt neben dem Weg stehen kann, ohne direkt abzustürzen.

Plötzlich tönt es von hinten unverwechselbar: "Brockään-Chäällääänge!!" - Das ist dann der Moment des Tages, an dem die "Transalpinen Trail-Blondinen" aus Drääsden mit ihrem Schlachtruf und diesem umwerfenden, immerwährenden Strahlen im Gesicht locker an uns vorbei ziehen, wenn sie nicht ohnehin schon viel weiter vorne unterwegs sind. Überhaupt, der Frauenanteil hier ist nicht nur überraschend hoch, sondern auch unglaublich leistungsstark. "Brocken-Challenge" als Stichwort vernehmen wir bald schon wieder. Die BC-Ausgabe 2015 sei Schuld daran, dass sich Chloe und Andriy als neuseeländisch-ukrainisches Exoten-Laufteam gefunden haben (sie nehmen uns nach 8 Tagen freche 25sec in der Gesamtwertung ab). Auch sonst gilt es unterwegs regelmäßig, freundliche Bestechungsversuche hinsichtlich der BC-Startplatzvergabe 2016 abzuwehren.

So arbeiten wir uns empor, kämpfen nicht mit dem Weg, wandern öfter, wo man auch traben könnte. In Gedanken sind wir wohl schon auf der morgigen Mega-Etappe. Viel später als erhofft erreichen wir ziemlich vertrocknet den 2. VP. Von hier aus geht es kilometerlang auf Asphalt sehr gleichmäßig, aber eben auch knüppelhart, in großen Schwüngen zurück runter ins Tal. Diesmal habe ich im Gegensatz zur 1. Etappe die kleinen "Wellen" auf den letzten fünf "flachen" Kilometern auf dem Schirm und kann Jan gleich beruhigen, als wir die erste Gegensteigung nach der Sanna-Querung zur Südseite des Tals hinaufschnaufen, dass es nicht die letzte für heute sein wird. Wir ärgern uns, dass heute die Distanzangaben offenbar nicht ganz hinhauen (die letzten 5km werden jeden Tag einzeln durch Schilder angezeigt). Alle Leute, mit denen wir später sprechen, haben am Ende deutlich über 42km auf der Uhr. Lacht man normalerweise drüber, ist hier aber irgendwie kriegsentscheidend. Zur Beruhigung der Gemüter gibt es nette (und mitdenkende) Anwohner, die einen Gartenschlauch an die Strecke legen mit einem Schild "Trinkwasser für Läufer" daneben. Das Ding wird überwiegend zum Duschen benutzt. Ja, lange nicht erwähnt, aber trotzdem noch wahr: Wir rennen nach wie vor bei absolut wolkenlosem Himmel und sind hier bei Landeck inzwischen wieder auf der Ausgangshöhe von Oberstdorf auf 800m angekommen, wahrscheinlich sogar um ein paar Meter am tiefsten Punkt der Gesamtstrecke. Entsprechend mollig ist es jetzt am frühen Nachmittag.

Über eine Fußgängerbrücke geht es irgendwann, als wir schon nicht mehr dran glauben, heute noch jemals anzukommen, über den Inn und direkt dahinter ins Ziel. Guter Zustand. Keine physischen Probleme. Die einzige Blase habe ich seit dem ersten Tag am Daumen, von den Stöcken. Seitdem trage ich Radhandschuhe. Schlecht für den nahtlosen Teint, aber gut für die Haut. Und der Garmin hat einen Sprung im Glas. Keine Ahnung, wie wann und wo das passiert ist. Ist jetzt natürlich nicht mehr wasserdicht, was bisher verschmerzbar war, aber mittelfristig wohl seinen Tod bedeuten dürfte. Martin ("hatte ich auch schon...") zerstört gleich meine Hoffnung, dass man das eventuell beim Hersteller reparieren lassen kann. Verdammte Wegwerfgesellschaft! - Wir futtern leckere Foccacia, als würden wir heute nichts mehr kriegen. So ähnlich kommt es dann auch. Die vegetarische Essensversion bei der Pasta-Party ist diesmal etwas arg bescheiden, und die kalten, fast trockenen Nudeln wollen nicht so richtig rutschen.

Wieder Gemeinschaftsklo und -dusche in einer wieder recht betagten, aber gerade deswegen keineswegs uncharmanten Pension, die ausschließlich von Läufern belegt ist. Das ganze Treppenhaus ist per Hand kunstvoll mit den unterschiedlichsten Trachten aus den ganzen bekannten und unbekannten österreichischen Alpentälern bemalt. Wäsche trocknen können wir erstmals auf langen Leinen in der Sonne im Garten. An kaltes Bier hat der Wirt, der aus Deutschland stammt und hier vor 40 Jahren hängen geblieben ist, auch gedacht, sogar in 0,5er Flaschen, wobei pro Läufer eine auf's Haus geht. Urlaub eben.



Etappe 4: Landeck - Samnaun
trail book: 45.7km, +2.861m, -1.842m
SRTM: 45.7km, +3.063m, -2.043m
Suunto: 45.3km, +2.991m, -1.978m

3 Pässe (einer höher als der andere: 2.432m, 2.587m, 2.787m)
tiefster Punkt:  Landeck, 805m, nach 0 km
höchster Punkt: Ochsenscharte, 2.787m, nach 30.9km
Laufzeit: 8h17min
Platz 36 von 59 in der AK

© sportograf
Die Königsetappe:

Tiefster Startpunkt, längste Distanz, längster Aufstieg am Stück, meiste Höhenmeter im Aufstieg gesamt, höchster Punkt der Gesamtstrecke (der normalerweise der letzten Etappe zugefallen wäre), billigste Zigaretten am Zielort.

Erst noch mal Luft holen!




Wir haben aus den drei Vortagen genau 100km in den Beinen, also die Distanz einer meiner eher besseren Laufwochen. Und wir haben 6.000 Höhenmeter hoch und runter in den Beinen, was bei mir normalerweise über einen ganzen Laufmonat zusammenkommt. Das dürfte also eventuell spannend werden, heute.

Wir starten angesichts der bevorstehenden Aufgabe wie gestern bereits um 7 Uhr. Das bedeutet demnach: Taschen um 5:30h fertig gepackt haben, Wecker also 4:45h. Beim Frühstück wundern wir uns etwas, dass der nette Wirt nur die noch nicht besetzten Tische mit Brötchen und Wurst- und Käseplatten ausstattet und uns vor leeren Tellern sitzen lässt, aber sein Diplom des Hotel-Fachgewerbes hängt ja aus und so hat bestimmt alles seine Richtigkeit. Und irgendwann bekommen wir dann doch noch was (nach einem kleinen Hinweis).

Auf geht's. Am Start treffen wir auf Martin, den man freilich angesichts seines fetten Veilchens, das uns einen gehörigen Schrecken einjagt, erst auf den zweiten Blick erkennt. Er ist vorgestern auf das obere Ende seines eigenen Stockes gestürzt und hat wohl ziemliches Glück gehabt, dass das nicht buchstäblich ins Auge ging. In diesem Zustand weitergemacht zu haben - das ist schon eine ziemlich harte Nummer! Genauso wie Dominik, der sich alle Bänder im Fußgelenk gerissen hat und hier heute trotzdem noch eincheckt. Die Strecke fordert ihren Tribut.

out of Landeck
© sportograf
Wir bekommen die inzwischen gewohnten, gleichwohl sehr geschätzten - und wie gerade dargestellt offenbar auch erforderlichen - guten Wünsche mit auf den Weg und bemühen uns, auf den ersten ziemlich flachen, trotzdem ansteigenden Kilometern den Inn entlang bis Urgen nicht allzu sehr zu überpacen. Dann geht es los: Gute +1.600 ununterbrochene Höhenmeter im Aufstieg, die uns bei km14.5 auf das Fisser Joch (2.430m) führen werden, gilt es erstmal zu überstehen. Wir bewegen uns heute übrigens auf dem einzigen Streckenabschnitt insgesamt, auf den ich zuvor überhaupt schon mal einen Fuß gesetzt habe: 2012 war Fiss in der Ferienwoche zwischen Pitztal- und Montafon-Arlberg-Marathon unsere Basisstation. Dank Kurkarte hatten wir unbegrenzte Freifahrten mit allen Seilbahnen und schwebten teilweise mehrmals täglich zum Fisser Joch hoch, um dort im atemberaubenden Panorama-Café Kuchen zu vernichten. Von solcher dolce vita kann man heute nur träumen, es ist schon ein hartes Stück Arbeit da hoch, zumal ab ca. 1.700m alles in eine offene Ski-Landschaft übergeht und die Hänge entsprechend weit einsehbar (und steil) werden, wodurch das Vorankommen gefühlt viel länger dauert. Unterwegs mussten wir in Hochgallmigg dann leider doch noch erleben, wie sich Dominik aus dem Rennen verabschiedet. Es geht nicht mehr! Aber Matze macht weiter.

kurz unterhalb des Fisser Jochs
Oben am Joch ist es trotz immer noch blauem Himmel (das Wetter soll heute im Laufe des Nachmittags markant umschlagen und wir hoffen, bis dahin wenigstens die hohe Ochsenscharte hinter uns gebracht zu haben) ziemlich kühl und windig. Vor der Nahrungsaufnahme am VP muss ich mir erstmals was überziehen. Weiter geht es moderat bergab die aussichtsreiche Flanke entlang Richtung Kölner Haus (1.965m). Wie immer müssen aber leider die Blicke fast ausschließlich zum Boden gerichtet bleiben, jeder Schritt muss voll kontrolliert sein. - Am Kölner Haus, einem großen Seilbahn-Knotenpunkt mit viel Publikumsverkehr, steht plötzlich Dagmar an der Strecke. Träum ich jetzt? Wo kommt die denn her, war sie denn bisher mitgelaufen? - Ich hab keine Zeit, das raus zu kriegen, denn schon befinden wir uns im steilen Rückaufstieg Richtung Lazidkopf und weiter hinauf zum Arrezjoch (2.587m), wo bei km26 der 2. VP wartet.

Der wartet lange, bei mir sind ganz plötzlich, wie das nicht selten einfach so passiert, die Akkus leer. Der Bauch grummelt. Vorsicht! Aufpassen, dass das System jetzt nicht komplett kippt. Gang rausnehmen geht nicht, dann würde ich stehenbleiben. Immerhin scheint es der Mehrheit ähnlich zu ergehen, ich werde trotz halber Kraft voraus nicht gerade von besonders vielen Leuten überholt. Jan ist vorne, fit wie immer. Er zieht und es zieht sich. Das Antraben, selbst auf Bergab-Intermezzos, stellt zunehmend eine kaum zu überwindende Anstrengung dar. Irgendwas stimmt auch mit meinen Schuhen nicht - ich habe heute erstmals, wegen der Streckenlänge und der Möglichkeit von Nässe, die derberen Cascadia an, zuvor immer die leichteren, aber auch weicheren Grit (beide von Brooks).

Ochsenscharte, Blick zurück zum Hexensattel
Endlich der VP am Arrezjoch, ich sage Jan offiziell Bescheid, dass ich "durch" bin und nicht mehr viel geht. Trotzdem weiter, was sonst, z.T. über nicht ungefährliche Blockfelder. Als ich mir sicher bin, dass wir die Ochsenscharte endlich vor uns sehen, muß ich oben angekommen erkennen, das Streckenprofil mal wieder doch nicht genau genug studiert zu haben: es ist nur der Hexensattel, den ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, und das Leiden dauert eben noch ein ziemliches Weilchen länger. Nur mit Mühe komme ich oben irgendwann an, und auch wenn dort der Wind fegt, muss ich erstmal 2 Minuten anhalten und gucken (Jan ist damit schon fertig). Zurück - auf diesen Schlauch, der uns nochmal +800 Höhenmeter servierte und der fast auf seiner gesamten Länge mit Skiliften und Schneekanonen "ausgestattet" ist (kennen die eigentlich überhaupt keine Grenzen?). Und nach vorne, wo ich immerhin beruhigt feststellen kann, dass wir nicht völlig im freien Fall hinunter Richtung Schweizer Grenze müssen. Die versprochenen Wolken sind aufgezogen, aber noch recht flach, und wir dürften wohl noch im Trockenen ankommen heute.

So ist es dann auch tatsächlich. Die Schweiz empfängt uns ohne Grenzkontrollen und mit den 8 letzten, anstrengenden, weil laufbaren Kilometern für heute. Die Trans-Blondinen ziehen vorbei (oder war das schon viel früher?), die Trail-Sistaz ziehen vorbei. Dafür lassen wir wenigstens noch 2 Schweden hinter uns. In den aneinander gereihten Ortsteilen von Samnaun (wir müssen natürlich bis in den letzten, höchstgelegenen) sind die Bauern damit beschäftigt, das Heu - teilweise per Hand - von den irrwitzig steilen Wiesen zu holen - in den Bergen immer das sicherste Anzeichen für einen bevorstehenden Wetterwechsel. Ein paar Mal dürfen wir dankenswerterweise kurz stehenbleiben, um Trecker vorbei zu lassen. Wir erreichen das Ziel, das über 1.000m höher liegt als der Startort, ich gerade noch lebend. Schon wieder geistert Dagmar da rum, langsam glaube ich dran! - Morgen Ruhetag, bis auf den Bergsprint! Unter der Seilbahn, die uns dann morgen von oben wieder runterbringen wird, sind wir schon durchgekommen. Geht verdammt weit hoch, das Ding.




Etappe 5: Samnaun - Alp Trider Sattel (Bergsprint)
trailbook: 6.30km, +731m, -60m
SRTM: 6.24km, +731m, -81m
Suunto: 6.15km, +743m, -76m

schnell mal hoch von 1.828m auf 2.499m
Laufzeit: 1h07:30min
Platz 35 von 58 in der AK

OK. Rasttag. Endlich. Bis auf geschätzt eine gute Stunde Sport am späteren Vormittag, die wir auch noch irgendwie überstehen werden. Ausschlafen. Kein Tasche-Packen. Shoppen im Shopping-Paradies. Samnaun - das ist eine zollbefreite schweizerische Einkaufs- und Tank-Exklave, die per Auto ganzjährig nur aus Österreich erreicht werden kann (vergleichbar mit dem österreichischen Kleinwalsertal, das nur über Deutschland angebunden ist). Schade, dass die 1m hohe Säule aus 100 Mini-RitterSport-Täfelchen nicht in die TAR-Tasche (90cm) passt. Hab ich noch nie irgendwo gesehen. Mittagsschlaf. Nachmittagsschlaf. Und dann früh ins Bett. Zwischendurch mal öfter was essen, allerhöchstens.

Wir sind in einer prima Ferienwohnung gelandet, und die ist - nicht nur für Schweizer Verhältnisse - auch noch richtig preiswert (die Endreinigung fiel wohl einem Programmfehler zum Opfer?)! Platz locker für vier. Großer Balkon, aber leider keine Wanne. Man kann nicht alles haben. Und was ist das für ein komisches Geräusch? Ah, es schüttet draußen! So, wie es in den Bergen halt regnet, wenn es regnet. Macht nichts. Kennen wir. Vom APUT. Vom Lahmen Winkel. Von der Zugspitze. Aus dem Karwendel. Bergauf wird das eh fast egal sein (hoffe ich). Mal nicht schwitzen. Trotzdem - irgendwie schade, wollte einfach mal richtig braun werden ...

Was für Schuhe nehme ich morgen? Wohl die Speed Cross. Die klingen wenigstens schnell. Ach richtig, ich muss ja noch die Sachen von gestern richten. Die Einlagen aus den Cascadia raus zum Trocknen. Aber mein Gott, was ist das? - Da sind ja jeweils zwei übereinander drin!? Ich Hörni! Richtig, die hatte ich da reingelegt, falls wieder das selbe passieren würde wie beim ZUT, nämlich das Aufkräuseln der Dinger bei Durchweichung, also damit ich dann Ersatz habe. Voll übersehen! Deswegen haben die gestern also nicht so ganz gepasst. Ich hab den gefühlten "hohen Stand" einfach auf die größere Sprengung im Vergleich zu den Grit geschoben. Darf ich keinem erzählen ...

Es gibt bzgl. des Bergsprints doch ein gewisses Informations-Defizit. Wann geht es los? Wie läuft die Wertung (einzeln, Summe aus beiden, nur Letzter)? Gibt es heute eine Pflichtausrüstung? Zu all dem steht nichts auf der normalen Homepage und unser WLan ist gerade tot und so müssen wir erst mal zum Startgelände, die Lage peilen. Durch den kalten Regen. Als ob es nie anders war. Irgendwo entdecke ich eine Liste in Miniaturschriftgröße mit den Startzeiten der Teams, hoffentlich ist das kein Probe-Ausdruck. Gestartet wird von hinten nach vorne, also von langsam nach schnell, mit jeweils 20sec Abstand zwischen den Teams. Mit kompletter Pflichtausrüstung. Für uns noch über eine Stunde Zeit. Also zurück in die Bude, Füße hoch. Hoffentlich bin ich nicht in der Zeile verrutscht ...

Dann wird es plötzlich ernst. Wie bei Rad-Zeitfahren oder Weltcup-Skiläufern macht es: "Piep, piep, piep" - Die meinen wirklich uns - los!
Aus total kalter Hose (bis zur letzten Minute vor dem Regen unter Zelten verkrochen) mit ziemlich übermüdeten Muskeln losrennen - ultra gefährlich. Ich bin mir dessen zwar bewusst, trotzdem überpacen wir total, weil uns das nachfolgende Team bereits nach ein paar Metern überholt. Was ein Stress! - Immerhin geht es ziemlich genau die ersten zwei von den gut sechs Kilometern sogar leicht bergab, sodass man sich doch etwas einlaufen kann.

© sportograf
Logischerweise müssen die folgenden vier Kilometer umso steiler werden - marsch, marsch - bergauf! Schlamm. Kuhscheiße. Single trail. Überholen oder überholt werden nicht wirklich leicht möglich. Die Veranstalter haben nicht umsonst zu Rücksicht und Fairness aufgerufen - und alle halten sich daran. Bald darauf das bereits bekannte Schild: "Beginn gefährliche Wegstrecke!" - In der Tat: Ein Wasserfall rauscht neben uns ins nebelige Nichts. Ein falscher Schritt hier, und du weisst, wo er endet. Ruhig bleiben, auf den Weg gucken, die beschlagene Brille abwischen. Notfalls auch das extra angebrachte Seil benutzen. Ich mag diese nassen Wiesensteilhänge mit einem fußbreiten Pfad darüber nicht. Aber es geht alles gut. Wir sind wieder dicht zusammen. Bald mündet der Steig auf einen Fahrweg ein. Das sichere Zeichen, dass wir fast oben sind und nochmal Gas geben können. Mein Gott, bin ich froh. Das wäre geschafft. Allerdings musste ich auf der zweiten Hälfte meinen rechten Oberschenkel doch klar schonen, wenn es über höhere Absätze ging. Keine Zerrung, aber mindestens eine Muskelverhärtung. Muss ich morgen extrem drauf achten.

In der Seilbahn-Gipfelstation bzw. dem angegliederten Restaurant ziehen wir uns trockene Klamotten an. Direkt danach gibt es dort Essen, die abendliche Pasta-Party fällt heute aus. Salat! Salat! Und Pilz-Lasagne. Hoffentlich überlebe ich die ... Dann rauschen wir in der ersten doppelstöckigen Seilbahngondel der Welt zurück ins Tal und dürfen die 2km bis nach Hause durch strömenden Regen wandern. Halb so schlimm, wenn man weiß, dass es am Ende warm und trocken ist.



Etappe 6: Samnaun - Scuol
trail book: 37.1km, +2.064m, -2.690m
SRTM: 37.2km, +2.173m, -2.789m
Suunto: 37.0km, +2.157m, -2.743m

4 Pässe (2.539m, 2.752m, 2.608m, 2.730m)
tiefster Punkt: Scuol, 1.200m, nach 37.1km
höchster Punkt: Fuorcia Val Gronda, 2.752m, nach 8.1km
Laufzeit: 6h05min
Platz 34 von 56 in der AK

Matze hatte uns schon vorgestern gewarnt, die heutige Etappe nicht zu unterschätzen. Auf so eine dumme Idee wären wir natürlich auch nie gekommen. Nee, Spaß beiseite - das war schon ein ganz wertvoller Tip gewesen, der mich veranlasste, das Profil nochmal etwas aufmerksamer anzuschauen. Und so brannte sich nicht nur die Anzahl und Höhe der zu bewältigenden Pässe, sondern vor allem auch die Tatsache ein, dass wir vor dem letzten Joch (der dritthöchste Punkt der Gesamtreise!) noch mal eben runter auf die heutige Ausgangshöhe mussten (mit 1.830m die höchste Starthöhe des TAR). Also wieder so ein "2mal +900m"-Tag, ähnlich wie Etappe 3, was das angeht, ansonsten aber nicht nur wettertechnisch 100% verschieden.

Petrus lässt letztlich Gnade walten. Es ist und bleibt zwar den ganzen Tag alles Grau in Grau, aber zumindest von oben genau bis zu unserem Zieleinlauf komplett trocken. Die Morgenstimmung mit den in den Rippen der Talflanken hängenden und aufsteigenden Wolkenfetzen ist äußerst reizvoll, eigentlich viel spannender als ein simpler blauer Himmel. Wir können die Szenerie (vgl. auch Bild ganz ganz oben) bei unserem gewundenen Aufstieg zum Zeblasjoch in Ruhe aus allen Blickrichtungen bestaunen, wegen des breiten Fahrwegs sogar ganz ohne Stau.

zwischen Zeblasjoch und Fuorcia Val Gronda, 2.500m
© sportograf
Oben ist (zunächst) die Schweiz und die ausgebaute Wegstrecke zu Ende, und wir queren bis zur Fuorcia Val Gronda nochmal kurz durch Tirol. Der Großteil der Etappe führt in relativ großen Höhen durch eine weite, baumlose Schuttlandschaft, in der man zügig vorwärts kommt und immer wieder neue Blickwinkel genießen kann. Gefällt mir ausgesprochen gut. Objektiv allerdings wohl eher als wenig spektakulär zu bewerten. Nein, Quatsch - das hat wirklich was!

Eine längere Zeit laufe ich hinter Chloe her, die etwa halb so groß ist wie ich und einen runden Laufstil mit einer unglaublich hohen Schrittfrequenz hat. Auf diese Weise kann ich meinen rechten Oberschenkel etwas entspannen, der mir heute das Gefühl vermittelt, dass er bei einer einzigen "falschen" Bewegung u.U. reißen könnte. Die technisch nicht sehr anspruchsvollen Pfade sind von daher heute einfach Gold wert.

die letzten Meter hinauf zur Fuorcia Val Gronda, 2.752m
© sportograf
Nachdem wir die Heidelberger Hütte rechts unten liegen gelassen und auch den Fimberpass (2.608m) bezwungen haben, fällt die Strecke etwas entschlossener ins idyllische Choglias-Tal hinab, dem wir abwechslungsreich mit einigen Flußquerungen über schwingende Holzbrücken bis zur Wegscheide bei Farola (1.852m) folgen. Dort ist nach gut 18km wieder die erste per Fahrzeug erreichbare Stelle und VP2 erwartet uns mit dem bewährten Angebot und wie immer freundlichen Helfern.
Der jetzt folgende weite, kilometerlang aus dem Wald heraus über eine Hochalm hinauf bis zur Fuorcia Champatsch (2.730m) ansteigende Talbogen ist einfach nur traumhaft. Gerade steil genug, um nicht laufen zu müssen. Aber nicht so steil, dass sich alle Gedanken nur ums Vorankommen drehen. Man kann lauschen. Man kann riechen. Man kann schauen. Diese kräftigen, makellosen Lärchen dort, wie alt mögen die sein? Wie lange wird das hier oben überhaupt schneefrei sein im Jahr? (Heute, keine 4 Wochen später, als ich dies schreibe, berichten die Wetterportale von verbreiteten Schneefällen bis auf 1.000m herunter!!) Ich habe einen riesigen Respekt vor den Menschen, die unter solchen Grenz-Bedingungen leben und arbeiten. Holz machen, Vieh hüten. Und beneide sie ein bißchen.

Jedes Tal hat ein Ende, und das ist meist steil. So auch hier. Ich muß das Tagträumen einstellen und in einen komplett anderen Modus umschalten, um es zum Pass hochzuschaffen. Letztlich ist es ein reiner Willensakt, nicht doch noch kurz unterhalb der Paßhöhe einfach stehen zu bleiben, um Luft zu holen und die Muskeln kurz auszuruhen. Nein - ich ziehe durch, Schritt für Schritt, unterstützt vom doppelten Stockeinsatz, mit der erforderlichen Geduld, zuletzt wie immer an diesen exponierten Stellen angetrieben durch die Püschel-Jungs. Ja, sie stehen wirklich auch wieder hier oben auf 2.730m im stürmischen Wind!

Es folgt der bis dato längste downhill bis zurück hinunter auf 1.200m ins Inntal bei Scuol. Also gut 1.500 Höhenmeter, immerhin leicht strukturiert durch ein paar flachere Passagen und den letzten VP an der Bergstation einer Seilbahn bei Motta Naluns. Danach allerdings auch noch krasse Direttissimas über steile, weglose Wiesen, die ich nicht bei Nässe würde laufen wollen. Erst in Sichtweite der ersten Häuser von Scuol beruhigt sich das Gefälle ein wenig, und die einschlägig bekannten Damen ziehen wie immer kurz oder nicht so kurz vor dem Ziel an uns vorbei. Hey, TransBlondinen, was ist los? Wieso so spät heute? Seid ihr etwa schlapp? Mal gerade eine Minute nehmen sie uns heute ab. Entweder waren wir fit oder sie eben mal nicht.

Scuol - das ist mit Abstand die beeindruckendste Siedlung bisher auf unserer Route. Ein sehr altes und pittoreskes Städtchen, durch dessen winklige, kopfsteingepflasterte Gassen es hinunter geht, steil an die Hänge oberhalb des Inns geklebt, der hier nicht in einer Talsohle, sondern in einer in das eigentliche Haupttal weiter eingetieften kleinen Schlucht fließt. Erinnert mich an den Grand Canyon, wo der Colorado auch erst in der "Inner Gorge" strömt. Über die Inn-Schlucht spannt sich in einem hohen Bogen eine ziemlich verwegene Fußgängerbrücke, über die wir noch laufen müssen, um direkt am anderen Ufer das Etappenziel zu erreichen. Phantastisch!


Irgendwie insgesamt ein guter Tag, trotz des vielen Grau. Mein rechtes Bein tut nicht mehr weh, dafür jetzt das linke. Mann, wir haben fast Dreiviertel im Sack, so ganz langsam darf man jetzt wirklich ans Finishen denken!

Auf dem Weg zur Pension, die sich in einem 400 Jahre alten Gebäude befindet und ein Zwischending zwischen Hotel und Ferienwohnung ist, müssen wir erst wieder zurück über die Brücke und ich wundere mich über die geringe Höhe des Geländers, die in Deutschland garantiert nicht zulässig wäre. Direkt vor dem Hostel sprudeln auf einem kleinen Platz zwei Brunnen: Einmal normales Quellwasser, direkt daneben ein "Eisensäuerling". Schmeckt auch tatsächlich wie rostiges Rohr. Hierher muß ich nochmal in Ruhe zurückkommen! Nicht zuletzt - so viel sei schon verraten - hat das auch etwas mit der morgigen Etappe zu tun.



Etappe 7: Scuol - St. Valentin
trail book: 37.8km, +1.633m, -1.376m
SRTM: 38.6km, +1.705m, -1.449m
Suunto: 39.4km, +1.694m, -1.426m

1 GPS-feindliche Schlucht, 1 Pass, 1 Gipfel
tiefster Punkt: Sur En, 1.130m, nach 6.5km
höchster Punkt: Schafberg, 2.409m, nach 28.8km
Laufzeit: 5h42min
Platz 33 von 55 in der AK

Zum ersten Mal (ohne den Bergsprint) keine 2.000 Höhenmeter im Aufstieg! Noch dazu gleich 7 richtig laufbare Kilometer zum Etappen-Auftakt. Wir müssen aufpassen, nicht von "Erholungstag" oder "Flachetappe" zu sprechen. Denn wenn man das ausspricht, hat man es auch schon gedacht, und mit einer solchen Nicht-Einstellung könnte eine negative Überraschung wahrscheinlicher werden als bei einem bevorstehenden "Brett", das man von vornherein ernst nimmt. - Dennoch: Natürlich sollte das heute unter Normalumständen machbar sein, und gleichzeitig das eine oder andere Korn für den fulminanten Abschluss morgen, wo es über den höchsten Punkt insgesamt gehen soll, gespart werden können. Ja - unter Normalumständen ... Jan krächzt und schnupft etwas rum und murmelt was von Halsschmerzen und Erkältung. Gut, ich hoffe, das wird er sich heute einfach weglaufen.

Wir schlendern durch's Städtchen hinunter zur Brücke und zum Startgelände. Es hat etwas, dass wir wirklich jeden Tag exakt dort weiterlaufen, wo wir am Vortag angekommen sind, bis auf Landeck sogar jeweils weiter in die selbe Richtung. Das Check-In wird immer familärer, man hat sich kennengelernt in unserem Stamm-Block B. Natürlich haben wir trotzdem jeden Tag die gesamte Pflichtausrüstung dabei, wir schleppen sie ja auch nicht für den Veranstalter mit. Das Wetter sieht einigermaßen vielversprechend aus, die dicken, noch tief hängenden Wolken (nachts hat es ordentlich durchgeschüttet!) haben erste Lücken, durch die der blaue Himmel und einige Gipfel zu sehen sind. Oh, was ist das? - Neuschnee da oben!

Den Inn entlang abwärts geht es zunächst sieben Kilometer nach Nordosten, bis von rechts aus Südosten das Tal der Uina einmündet, das wir komplett flußauf durchlaufen werden, bevor wir am Schlinigpass nach Italien (bzw. Südtirol) überwechseln und hoch über dem Schlinigtal uns erst bei der Plantapatsch-Hütte (schöner Name!) wieder nach Nordosten Richtung Pfaffensee, Schafberg und dem Etappenziel St. Valentin(o) am Nordende des Haidersees, direkt südlich des Reschenpasses, wenden werden.

Diese Alpen-Flußtäler sind schon etwas Anderes als unsere mitteldeutschen Auen. Auf den 60km von Scuol nach Landeck überwindet der Inn sage und schreibe 400 Höhenmeter. Auf der gleichen Distanz zwischen Göttingen und Alfeld schafft die Leine keine 10m - und fließt trotzdem! - Es ist also richtig was los im Flußbett (des Inns), wie man sich vorstellen kann. Auf der Strecke natürlich auch: Wir müssen aufpassen, uns von dem Gerenne nicht anstecken zu lassen und sehnen die Einmündung der Uina herbei, ab der alles ganz von alleine ganz schnell wieder sehr viel ruhiger werden dürfte. So kommt es auch.

Der erste VP muss wegen einer Murenbahn weiter oberhalb, die den Fahrweg etwas in Mitleidenschaft gezogen hat, von km13 auf km10 vorverlegt werden. Da haben wir heute gerade mal eine gute Stunde hinter uns und nehmen ihn daher nicht so ganz ernst, obwohl wir wissen, dass die nächste Versorgung erst hinter dem Paß in Italien bei km25 kommen wird. Recht gleichmäßig geht es erträglich steil bergauf, und bald haben wir die Hochalm Uina Dadaint erreicht, hinter der das Tal aber einfach aufzuhören scheint.

das obere Uina-Tal. Man beachte die horizontale Struktur in der linken Wand
© sportograf
Was nun folgt, ist schon ein sehr spektakulärer Abschnitt, wie ich ihn noch nicht oft erlebt habe. Oder ist er gar einzigartig? - Das bis dahin ganz "normale" Tal verengt sich zu einer am Boden nur wenige Meter breiten Klamm mit mehreren hundert Meter hohen, massiven, fast senkrechten Felswänden. Wären die Felsen aus rotem Sandstein, könnte man sich in Zion/Utah wähnen. Auf die Idee, durch eine dieser Wände, in schwindelerregender Höhe über dem reißenden Bachbett, einen Weg zu führen, der streng genommen nichts ist als ein seitlich offener Tunnel, muß man erstmal kommen. Mehrfach ist es dann kurz tatsächlich ein kompletter Tunnel, natürlich unbeleuchtet und triefend naß.

© sportograf
Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht schwindelfrei bin? Über die jeweilige potentielle Absturzhöhe kann man sich aber nicht allzu viele Gedanken machen. Man muss sich gleichzeitig auf den letztlich dankenswerterweise nicht allzu schmalen Boden unter den Füßen, die lichte Durchgangshöhe, die überall drohenden Wasserduschen und die auf dem Weg hockenden Fotografen, die hier berechtigterweise grandiose Aufnahmen wittern, konzentrieren. Radfahrern (!) wurde zu Beginn der Passage übrigens per Warnschild empfohlen, abzusteigen und nicht mehr zu überholen. Die haben Humor hier!

© sportograf
dem Garmin wurde auch etwas schwindelig
Der Garmin piept: "Kein Satellitenempfang." Letztlich verständlich, wir sind ja auch mehr drinnen - im Berg - als draußen. Doch so abrupt, wie diese Schlucht begonnen hatte, endet sie nach einem adrenalintreibenden Kilometer auch wieder, und wir treten buchstäblich innerhalb weniger Schritte hinaus in eine weite, offene, freundliche Landschaft - kontrastreicher ist es kaum vorstellbar. Erst jetzt merke ich, wie kalt es in der Klamm war, hinter meiner Stirn hämmert ein ziemlicher Kopfschmerz. Hier draußen - ja, wir sind wieder auf der Erde, und auch der Garmin findet sich langsam wieder zurecht - scheint die Sonne und es weht ein laues Lüftchen. Zwei Welten. Italien - wir sind fast da!

Wenn auch etwas langsamer als theoretisch möglich, Jan fühlt sich nach wie vor nicht so ganz. Aber letztlich "verlieren" wir vielleicht max. 10 oder 15 Minuten auf der Etappe, jedenfalls weniger als durch mein Schwächeln auf dem Weg nach Samnaun. Wo genau die höchste Stelle des Passes ist und damit die Grenze verläuft, ist gar nicht so leicht auszumachen. Es ist ein langer, flacher Kulminationsbereich, in dem sich das Wasser oft nicht entscheiden kann, zu welcher Seite es abfließen soll, und entsprechend gibt es sumpfige Bereiche und kleine Seen. Doch dann lassen die beiden Beamten der Guardia di Finanza, die freundlich applaudierend an der Strecke ihren anstrengenden Dienst versehen, eigentlich nur die Interpretation zu, dass er bereits hinter uns liegen muss und wir ganz unbemerkt italienischen Boden betreten haben. Endlich wieder Euro!

Was folgt, ist eine wunderschöne Passage über die linke, nordöstliche Schulter des Schliniger Tals, auf die wir hinter der Sesvenna-Hütte über einen kurzen Anstieg geführt werden, und auf der wir über mehrere Kilometer die Höhe halten oder leicht fallend den Ausblick auf den vor- und unter uns liegenden Vinschgau genießen können. Viele Tageswanderer kommen uns entgegen, was die Vermutung nahe legt, dass weiter vorne irgendwo eine Seilbahn hochführen muss.

An der Plantapatsch-Hütte (der Name erinnert mich immer wieder an das 'pitsch-o-patsch' in diesem genialen MAD-Comic vor 35 Jahren, Abt. Don Martin - 'Gestern im Park') öffnet sich der Blick dann auch nach Nordosten Richtung Reschenpass. Was für eine weite Landschaft hier, obwohl wir mitten in den Alpen sind, ganz anders als noch heute morgen im beengten Inntal. Am VP können wir endlich die Flaschen und die Akkus füllen. Der für heute finale, nicht gerade sanfte Aufstieg Richtung Schafberg ist gut einsehbar, und da bleibt man gerne zwei Minuten länger vor dem verlockenden Angebot stehen und bekommt vom Publikum nochmal zu hören, wie gut man doch noch aussieht und dass man es schaffen wird.

Der Pfaffensee liefert ohne Zweifel eine malerische Kulisse und nicht umsonst liegen hier wieder die Fotographen rum - allein, mir fehlt dann doch plötzlich jegliche Energie, hier heute noch irgendetwas schön finden und bewundern zu können. Es reicht jetzt langsam wirklich mal mit diesen unterschiedlichsten Eindrücken! Ich will nach Hause! - Knapp -1.000 Höhenmeter über knapp 10km dürfen wir nach der Überschreitung des Schafbergs noch auslaufen, wie so oft mit unerwarteten, flacheren Intermezzos, auf denen es alles andere als von allein rollt. Jaja - die TrailSistazs joggen vorbei, geht ja auch (wieder) bergab ... Im Ziel sind wir nicht nur glücklich, sondern haben auch noch Glück. Jedes 5. Team bekommt heute einen wasserdichten GoreTex-Packsack, mit der eigenen Startnummer und den Initialien draufgebrutzelt. Müssen wir uns jetzt bei Ivy und Gabi bedanken?



Etappe 8: St. Valentin - Sulden
trail book: 39.2km, +1.590m, -1.202m (Originalstrecke: 42.6km, +2.381m, -1.993m)
SRTM: 39.6km, +1.765m, -1.373m
Suunto: 39.3km, +1.607m, -1.154m

kein Pass, kein Gipfel, einfach nur ins Ziel!
tiefster Punkt:  900m, nach 15.0km
höchster Punkt: eigentlich: Tabarettascharte, 2.880m, ersatzweise: 2.095m, nach 33.2km
Laufzeit: 5h38min
Platz 33 von 54 in der AK

Eine außergewöhnliche Etappe unter verschiedenen Aspekten. Zum einen die einzige, auf der wetterbedingt von der geplanten Normalroute abgewichen werden muss. Diese Information war bereits am Vorabend durchgesickert. Und ich habe keine einzige Stimme vernommen, die die fehlenden 3km, vor allem aber die fehlenden knapp +/-800 Höhenmeter der Alternativroute gegenüber der Originalstrecke vehement einforderte. Alle sind müde, und bergauf würde es ja trotzdem noch etwas gehen. Klar, der eigentlich vorgesehene höchste Punkt der Gesamtroute, die luftige Tabarettascharte mit 2.880m fiel so ins Wasser - bzw. lag eben unter ziemlich viel Neuschnee begraben, was angesichts der dort ohnehin exponierten Wegführung vom Veranstalter als nicht mehr verantwortbares Zusatzrisiko eingestuft wurde. Bestimmt zu recht, die haben Ahnung und Erfahrung, wie auch beim diesjährigen ZUT bewiesen. - Außergewöhnlich ist die Etappe aber auch (egal ob Original- oder Alternativ-Variante), weil es zu Anfang bergab und zum Ende bergauf geht (und dies gerade auf der Alternativ-Route!), und somit alles andersrum verläuft als inzwischen gewohnt. - Und last but not least ist es eine besondere Etappe, weil es eben einfach die letzte ist, und am Ende nicht nur das Etappenziel wartet, sondern die finish line des TAR überquert werden wird. Du kannst dir noch so viel Mühe geben, diesem Umstand keinen Raum zu geben: dein Körper spürt das nahende Ende (hahaha!), spürt, dass die Anspannung abfällt, dass es nur noch ein Tag, nur noch wenige Stunden sind, bis er endlich ausruhen darf, und konfrontiert dich zunehmend mit allerlei Geplänkel der Art "da tut's weh", "dort zwickt es", "ich kann nicht mehr". Ginge es noch 5 Tage weiter: Ich bin mir sicher, dann wären wir heute fit wie am dritten Tag. Aber natürlich sind wir dennoch endlos entschlossen, heute anzukommen, und sei es auf allen Vieren 3 Minuten vor dem cut off.

der erste Kilometer am Haidersee
© sportograf
Der letzte Morgen - was macht es da, dass es in Strömen schüttet? Alles verkriecht sich unter irgendwelche Vordächer und irgendwann beginnen Durchsagen, dass auch bei diesem Wetter eingecheckt werden muss und die Startblöcke in 8 Minuten geschlossen werden. Bislang steht aber kaum einer drin. Irgendwie funktioniert es dann doch noch und wir machen uns auf die ungewohnte Reise über einen glatt asphaltierten Fernradweg 16km immer gleichmäßig bergab - echtes Laufen! - letztlich bis ins Dörfchen Lichtenberg (Montechiaro), das im südwestlichsten Winkel des hier nach Osten abknickenden breiten Taltrogs des Vinschgaus auf nur 900m Höhe liegt. Wir verlieren also auf dieser subjektiv/visuell eher fast eben wirkenden Südrampe des Reschenpasses 550m an Höhe, und haben dann alle Bergauf-Höhenmeter auf der zweiten Hälfte noch vor uns! Sulden liegt mit 1.850m so hoch wie Samnaun, und auf dem Weg dorthin werden wir zwischendurch noch einmal auf über 2.100m aufsteigen müssen.

Diese vermeintlich einfache, lange Bergab-Passage hat es durchaus in sich. Man sieht relativ viel Humpelei und einige wandern sogar hier schon. Wahrscheinlich nicht ganz freiwillig. Wie gestern zu Beginn der Uina-Schlucht bin ich jedenfalls froh, als wir endlich auf den ersten Hügel, der von einer riesigen Schloß-Ruine dominiert wird, geschickt werden, wobei ich merke, dass Jan heute noch mehr mit seiner Erkältung zu kämpfen hat als gestern. Jedenfalls bin ich öfter mal vorne, was eher ungewöhnlich ist.

Die gut 5 Kilometer vom VP2 bei Agums bis zum provisorischen VP3 an der Stilfser Brücke bei km 25, wo wir die Originalroute verlassen müssen, beglücken uns - sozusagen mit dem Ziel schon vor Augen - zum Abschluß noch einmal mit einem traumhaften Trail an der Bergflanke oberhalb der Stilfserjoch-Straße entlang, der durchgängig gut laufbar ist und über dessen zarte Wellen wir in einer größeren, harmonischen Gruppe, in der es kein Gedrängel mehr gibt, geradezu hinwegfließen, hinweggetragen werden, anders kann man es nicht beschreiben. Das ist wohl der flow!? Es regnet gar nicht mehr! Wann hat es aufgehört? Für mich einer der einprägsamsten Abschnitte der ganzen Tour, tief im Tal, weit entfernt von schroffen Gipfeln.

Unmittelbar hinter der Stilfser Brücke, an der uns die vielen motorisierten Begleiter heute letztmalig vor dem Zieleinlauf zu Gesicht bekommen, geht es dann aber für eine gefühlte Ewigkeit noch einmal brutal zur Sache: Irgendwo müssen die gut +1.000 Meter am Stück ja auch herkommen, auf den letzten paar verbliebenen Kilometern. Auch wenn wir gefühlt kriechen wie die Schnecken, werden wir nur von wenigen überholt, und die haben wir dann jeweils auch noch lange vor uns im Blickfeld. Obwohl wir unter Dampf stehen, müssen wir bald die Jacken rausholen, ohne Sonne ist es doch empfindlich kühl hier oben. Durch kurze Wolkenlücken können wir erkennen, dass die Neuschneegrenze auch gar nicht weit von uns entfernt ist - wir schätzen sie auf 2.300 bis 2.400m. Ganz oben, da wo wir eigentlich rübergeturnt wären, ist vor lauter Schnee kaum noch Fels auszumachen. Nein danke, das war schon besser so! - Erst gut 5km vor dem Ziel geht die Route endlich in einen moderaten downhill über, auf dem wir uns mehrfach gegenseitig daran erinnern, dass es hier sehr matschig ist und die Wurzeln seifig sind. Jetzt nicht mehr langmachen, jetzt bitte nicht mehr!!

Die ersten Häuser von Sulden tauchen auf, das muss Sulden sein! Aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Am Waldrand werden wir um den ganzen Ort herumgeführt, zermürbend immer nochmal hoch und runter, zeitweise durch knöcheltiefen Matsch. Aber irgendwann erscheinen die Zielbanner und die Lautsprecher-Ansagen sind zu hören und es wird wahr: Keiner und nichts kann jetzt noch verhindern, dass die Nerds den TAR 2015 finishen werden, und auch die letzte morsche Brücke hält unseren entschlossenen Schritten stand.

© sportograf

Das Ziel ist in einer Mehrzweck-Halle aufgebaut, in die man die letzten Meter hineinläuft und in der natürlich der Bär los ist. Kaum baumeln die wuchtigen Medaillen um unseren Hals, stürzen auch schon alle möglichen Bekannten auf uns zu und man beglückwünscht sich gegenseitig. Es ist vorbei! Einfach plötzlich vorbei! - Man lässt sich den Chip aus der Startnummer rausschneiden (die bleibt trotzdem heile, schon wieder Profis am Werk!). Man stößt zum ersten und nicht zum letzten Male heute an, mit echtem Bier. Es dauert etwas, bis man trotz der Hallenluft zu frösteln beginnt. Also doch erst mal ab in die Pension, chic machen und vorschlafen für die Finisher-Party nachher hier am gleichen Ort.


Ok, nun mal langsam, was ist hier eigentlich gerade passiert? - Jan und Aschu beschließen vor einem Jahr (vielleicht doch etwas tollkühn und größenwahnsinnig), den TAR zusammen zu laufen, trainieren (oft dienstags zusammen), fallen auf die Klappe, stehen wieder auf, sind beide nur krank, wenn es nicht drauf ankommt, gehen beide ohne Fieber an den Start und spulen das Ding alles in allem doch ziemlich locker ab. Das heißt jetzt nicht, dass es nicht anstrengend war. Aber das Finishen stand auch nie ernsthaft auf der Kippe. Genau so sollte es sein - und so wurde es tatsächlich! Ein Wunder!? - In gewissem Rahmen schon, denn es gehört auf jeden Fall zunächst einfach eine ziemliche Portion Glück dazu, sich in dem Moment, wo man doch mal stolpert oder ausrutscht, noch abfangen zu können. Natürlich, das passierte uns beiden ein paar Mal auf diesen 268 meist welligen Kilometern, die mehrere Hunderttausend Schritte erforderten und damit fast ebenso viele Möglichkeiten dazu boten, einen Fehler zu machen. Was wir richtig gemacht haben, war das angeschlagene Tempo unterwegs und die Konzentration auf die maximale Ausnutzung der Regenerationszeiten. Waren wir jemals später als 21 Uhr im Bett?

Über alle 8 Etappen gerechnet, geht am Ende der 35. Platz in der AK und der 120. Platz gesamt (von 207 angekommenen Teams) in 45 Stunden und knapp 22 Minuten in die Annalen des TAR ein. Natürlich wären wir noch viel weiter vorne gelandet, wenn der Lauf noch ein paar Tage länger gedauert hätte und damit noch weitere Teams ausgeschieden wären. - Nein - das alles steht hier nur, damit ich nicht immer wieder in den manchmal etwas unübersichtlichen Ergebnislisten nach diesen Zahlen suchen muss. Obwohl - das mit 'ein paar Etappen mehr' hätte schon was: Dann käme man wohl auch wirklich ziemlich komplett trans=durch die Alpen, und nicht nur vom Rand ins Zentrum.

Ich gebe ja zu - dieses geplante Feiern ist nichts für mich. Ich habe mir die Eröffnungs-Party gegeben, und zur Überprüfung meiner Vorurteile zwischendurch auch mal die komplette Zeremonie in Landeck über mich ergehen lassen. War das nicht tapfer? - Trotzdem ist die heutige Finisher Party natürlich Pflicht, und ich muss mich auch kein bißchen überwinden, dafür den Hintern noch mal von der molligen Matratze zu heben. Und na klar - es lohnt sich. Wir sitzen mit vielen zusammen, die durch Dick und Dünn gegangen sind, die letzten Tage. Wir futtern. Wir saufen. Wir lachen. Und dann werden alle ca. 550 Finisher einzeln namentlich aufgerufen, um ihr Finisher-Shirt überreicht zu bekommen. Das hat schon wirklich was!

Für die eigentliche Party, die dann ab 22 Uhr steigt, bin ich etwas zu geräuschempfindlich, zu müde, und inzwischen offenbar ein paar Jahre zu alt. Sie hatten wohl ihren Spaß. Dafür finden wir am nächsten Morgen beim Frühstück vor der Busrückfahrt nach Oberstdorf untrügliche Spuren - in einigen eher blassen Gesichtern und im Sanitärbereich. Es soll bis 3 Uhr gegangen sein. Zu viel Rest-Energie - das hat man wohl davon, wenn der höchste Paß am letzten Tag gestrichen wird.



Und nun?
Jetzt stehen wir im Regen im Stau auf dem Fernpaß. Und zwar ordentlich. Nicht die schlechteste Gelegenheit, zu versuchen, sich ein Bild dieser turbulenten Tage zu machen, aber zweifelsohne noch etwas zu früh für ein Fazit. Vielleicht eher erstmal eine Bestandsaufnahme: Mir tut nichts weh, ich hab keine einzige Schramme. Über meine Oberschenkel verläuft eine messerscharf eingebrannte, imposante Bräunungsgrenze, der auch die letzten, etwas sonnenärmeren Tage nichts anhaben konnten. Ich bin heilfroh und erleichtert, dass es geklappt hat. Stolz eher weniger, kommt vielleicht noch. Dass ich es prinzipiell könnte, wusste ich vorher, aber wie erwähnt kann so viel dazwischen kommen - man muss sich einfach überraschen lassen. - Ich freue mich schon auf meinen ersten, richtigen Lauf, ganz im Laufschritt eben, ohne Laufrucksack, ohne Stöcke, ohne Blöcke auf dem Weg, in leichten Racern. In den Bergen werde ich erstmal nur noch wandern gehen, ich hatte einfach viel zu wenig Zeit zum Gucken. Nächstes Jahr wird es wohl eher kein solches Mega-Event für mich geben, dass die ganze Jahres-Planung dominiert. Will was Neues ausprobieren. 100 Meilen? Wenn, dann in Berlin. Oh, ist das etwa kein die Planung dominierendes Projekt? Auf jeden Fall flach und Asphalt. Höchstens noch den ZUT (smiley).

Ich bin also keiner der zahlreichen Vertreter, die es gar nicht erwarten können, sich für den TAR 2016 anzumelden, und das hat eben rein gar nichts mit der Veranstaltung als solcher zu tun, an der es nicht viel zu verbessern gibt. Wenn ich den TAR aber doch nochmal laufen sollte, dann auf jeden Fall in einem Mixed-Team, da sind (jedenfalls bei den Älteren) die Ausfallquoten am höchsten und somit die Platzierungen für die Durchkommenden am besten (und vielleicht nicht so schockierend anders als gewohnt). 'Ne Kandidatin dafür gibt es ja, mit der bin ich auch schon ein paar Marathons Schulter an Schulter gelaufen, auch meinen ersten. Sie müsste sich natürlich vorher noch ein Paar Schuhe kaufen. Mal sehen ...