Freitag, 20. Oktober 2017

So weit die Füße tragen - Spartathlon 2017

Schuld ist Silvio. Er hatte mich beim Mauerweglauf 2016 ganz spontan zunächst an der Strecke getroffen und später, als mir wegen der Hitze die Lichter auszugehen drohten, mit eiskaltem Erdinger reanimiert. Dadurch entstand gleich im 100-Meilen-Erstversuch mit 18:40 Std. eine Zielzeit, die allemal ausreichte, Gedanken an eine Bewerbung für den Spartathlon 2017 aufkeimen zu lassen. Für diesen spätsommerlichen 246km-Turn von Athen nach Sparta, den etliche Eingeweihte auf ein ähnliches Niveau wie den legendären Badwater stellen, sind als Qualifikationsnorm u.a. 21:30 Std über die 100 Meilen nachzuweisen. Check. Und jünger wird man ja auch nicht. Ganz im Gegenteil: Ich könnte sogar am Tag der Finisher-Ehrung meinen nächsten Geburtstag feiern. Mmhh. Verlockend! - Und als ich diese zart aufkeimenden Gedanken mit ihm kommunizierte, war er gleich wieder Feuer und Flamme und sprach von einem garantiert geilen road trip über die Peleponnes. Nur ihm zu Liebe habe ich mich also im Januar 2017 um einen der 35 deutschen Startplätze (werden zentral über die DUV vergeben, Gesamtteilnehmerzahl ist auf knapp 400 beschränkt) beworben. Schnell kursierte die Info, dass es genau 35 deutsche Interessenten gab. Uff - nicht mal auf Lospech konnte ich also noch hoffen - und musste da durch.

Ein wenig Beruhigung gründete sich für mich in der Tatsache, dass ich zuvor ja den Deutschlandlauf absolviert haben würde (hüstel ...) und Trainingskilometer also voraussichtlich "automatisch" vorhanden sein würden. Aber im Ernst: Diese beiden Vorhaben in einer Saison - würde das funktionieren können? Motivationstechnisch, physisch? - Und nichts liegt mir ferner als Nächte durchlaufen zu müssen (nach einem Tag auf der Strasse, gefolgt von einem Tag auf der Strasse; de facto hatte ich das noch nie getan [in Biel startet man ja erst um 22h]), ohne Option auf ein kleines Schönheitsschläfchen am Wegesrand wie grundsätzlich bei meinen (wenigen) 24h-Läufen praktiziert. Und ich würde durchlaufen müssen, die Zeitlimits beim Spartathlon erlauben für einen Otto-Normalverbraucher wie mich nichts anderes.

Geplantes Harakiri also? Eigentlich schon. Nimmt man zu meinen persönlichen Schwächen (nachts lieber zu schlafen, und daher Etappenläufe den Ultra-Ultras vorzuziehen) noch die durchschnittlichen klimatischen Gegebenheiten beim Spartathlon (warm bis heiß, eher schattenlos; 2012: 18% Finisher) hinzu, und schaut auch neben der Streckenlänge (85km weiter als ich jemals zuvor gelaufen war) mal vorsichtig aufs Höhenprofil (z.B. d+ 900m nach exakt 150km, also irgendwann morgens zwischen 2 und 4h = zur absoluten prime time der Inneren Uhr; Gesamtanstieg ca. 3.200m d+), kann eigentlich keine andere Bewertung herauskommen als: das ist Wahnsinn, da habe ich nun wirklich nichts zu suchen. Aber genau das weckt ja immer wieder diese verfluchte Neugier in mir ....

Der Deutschlandlauf war inzwischen Geschichte, und ich hatte ihn mit einem blauen Auge (3 Wander-Etappen zum Schluß wegen eines geschwollenen Fußgelenks) insgesamt gut und kontrolliert zu Ende gebracht (großer Dank - und eigentlich auch der Pokal! -  gebührt dabei Harald, der mich am 31. Mai in letzter Sekunde davon abhielt, mich wg. Verletzungsproblemen, die im Mai aufgetreten waren, abzumelden). Was ich mir aber zugegebenermaßen nicht ausreichend plastisch ausgemalt hatte waren die körperlichen Auswirkungen, die die 19 ohne Pausentag gelaufenen, im Mittel 70km langen Etappen hervorriefen. Die Waage zeigte nach der Rückkehr von der Zugspitze Werte, die entweder auf eine schwache Batterie oder eben Aufzehrung sämtlicher körperlicher Reserven schließen ließen. An Laufen war zunächst überhaupt nicht zu denken, und auch 4 Wochen nach dem Ende des DL (= 4 Wochen vor Sparta) plagten mich noch massive, bis dato unbekannte Malessen, wie z.B. eine in der Brustwirbelsäule ausgelöste nervliche Blockade des Atemzentrums. So entstand die wahnwitzige Situation, dass ich in den 8 Wochen zwischen den beiden Mega-Laufevents meines Lebens summarisch gerade einmal auf die Distanz kam, die es in Griechenland in einem Rutsch zu bewältigen galt. Ein wenig Hoffnung keimte in den letzten Tagen vor der Abreise auf, als ich immerhin mal wieder einen Marathon schmerzfrei durchlaufen konnte. Es war der Berlin-Marathon (nunmehr mein insgesamt 5. dort), exakt 10 Jahre nach meinem ersten Marathon an gleicher Stelle, diesmal allerdings knapp ohne neuen Weltrekord. Ein richtig guter Lauf für mich mit zunehmend aufkommender Lauflust und damit am Ende sogar negativem Split. Es war mein 198. offizieller Marathon- oder Ultra-Lauf, und Sparta würde die Nr. 199 werden (normal war natürlich dafür die 200 vorgesehen, aber der diesjährige Mauerweglauf, nur eine Woche nach dem Deutschlandlauf, wurde als gescheitertes Experiment nach 32km vorzeitig beendet; gemeldet war ich da nur, weil ich mich für den Mauerweglauf vor dem DL entschieden hatte). Letztlich gab ich dann aber erst am Abend des Wahlsonntags verabredungsgemäß meinem Supporter Silvio (und mir) grünes Licht: Athen, wir kommen!

Unumgänglich war es - zum wiederholten Mal - anläßlich der zu bewältigenden, kaum vor dem geistigen Auge visuailiserbaren Aufgabe zunächst, sich ein sehr einfaches Konzept zurecht zu legen, das einen über die Strecke tragen würde. Es musste so einfach sein, dass ich mich auch noch im quasi-Delirium jenseits der 200km oder 30Std daran orientieren würde können:
  • Auf keinen Fall durften jemals Gedanken an die Entfernung (wie weit ist es noch?) zugelassen werden.
  • Vielmehr wollte ich über die 74 VPs (ja, wirklich, es gibt 74 bemannte VPs, an denen man sich ggf. 74 drop bags hinterlegen kann, und die einen maximalen Abstand von 4,7km, im Mittel von 3,2km haben) nur einen Aspekt verfolgen: "Wieviel Puffer habe ich jetzt an diesem VP auf die cut off-Zeit (und ist es mehr oder weniger als am letzten VP)?"
  • Und als darauf aufsetzende Rechenaufgabe: "Ab wann habe ich so viel Puffer erarbeitet, dass ich mit 5km/h oder sogar 4 km/h auch marschierend das Ziel rechtzeitig nach 36 Stunden erreichen würde?" - Zugegeben, die Umsetzung dieser Rechnerei würde schon voraussetzen, dass gerade in einem späteren Stadium des Rennens noch nicht alle Proteine aus meinem Gehirn zum muskulären Ersatzdienst abgezogen sein würden. Aber ich hatte ja auch noch Silvio! -
  • Flankierend zu diesen eher technischen Aspekten wollte ich mich damit über Wasser halten, dass ich den Anlass des ursprünglichen, historischen Laufs 490 v.Chr. - schnellstmöglich eine Nachricht zu überbringen - innerlich nachempfinden wollte. Ich gab mir also die Aufgabe - nein: den Befehl! - nach 36 Stunden in Sparta zu sein, um der Welt die mangels angreifender Perser evtl. etwas einfältige Meldung machen zu können, dass ich in 36 Stunden von Athen nach Sparta gelaufen sei und noch lebe. Und erwartete danach auch keinen Eintrag im Geschichtsbuch, sondern maximal in den Annalen der DUV. Nichts anderes als Finishen würde je im Fokus stehen.
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Race Days -3
Der westeuropäische Billigflieger mit der mißglückten Piloten-Urlaubsplanung bringt mich pünktlich unpünktlich (und das liegt nicht nur an den gut 15min Rollzeit, um vom Abfertigungsgebäude von SXF zur Startbahn von BER zu gelangen) nach ATH, wo ich gleich auf Anhieb ungeplant wieder mit dem großen Vorhaben konfrontiert werde: Mindestens 1km sind vom Satelliten-Hub unterirdisch zu bewältigen, um zum Hauptgebäude zu gelangen. Gott sei Dank unterstützt von unendlichen Rollstegen, die ich zur Schonung der Energiespeicher ausnahmsweise benutze. Ich bin einen Tag früher angereist, als es das Rundum-Sorglos-Paket des Veranstalters (3 Übernachtungen mit Vollpension, dann der Lauf mit 74 VPs und drop bags, 1 Übernachtung in Sparta, Lunch in Sparta, Rückfahrt nach Athen, 2 Übernachtungen mit Vollpension, Gala-Empfang mit Ehrung am letzten Abend, Starter-Shirt, Finisher-Shirt, Medaille, Pokal, Olivenzweig -  das Ganze für letztlich nicht übertriebene 520 Euronen) vorsieht. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen wird, weniger wegen der beabsichtigten, aber aufgrund der moderaten Temperaturen nicht wirklich erforderlich werdenden Akklimatisierung als vielmehr, um die sukzessiv offenkundig werdenden Planungsdefizite in der Heimat noch vor Ort kompensieren zu können.

Das erste mittlere Abenteuer stellt bereits die Busfahrt im X96 vom Flughafen zum Hotel in Glyfada, südöstlich des Stadtzentrums unmittelbar am Meer gelegen, dar. Das "X" in der Linienbezeichnung steht wohl für Express, und das nimmt der Fahrer (Zigarette, Handy) wörtlich und donnert mit seinem klapprigen Gelenkbus mit 80 bis 90km/h durch die 50er Zonen, umkurvt geschickt die lahmen PKWs, und macht keinerlei Anstalten, jemals irgendwo zu halten. Wären wir nicht zuvor durch Ralf, den Spartathlon-Zentralkontaktmann und -Koordinator der DUV, mit ausführlichen, bebilderten Anfahrtbeschreibungen ausgestattet worden, wir hätten keine Ahnung gehabt, wo wir den Halteknopf hätten drücken sollen, man ist ja eher Analphabet hier in diesem Land. Wir - ja das sind 3 bis 5 Spartathleten, untrüglich erkennbar am ausgemergelten Gesicht und den unvermeidbaren Hokas an den Füßen - allein in diesem Bus. Beim Check-In im Hotel Palace, dem diesjährigen deutschen Mannschaftsquartier, das wir tatsächlich punktgenau treffen, werde ich, bevor ich ein Wort sagen kann, lächelnd mit den Worten begrüßt: "You must be Mr. Schulze!" - "???" - "I studied your Spartathlon profiles!" In mir entsteht eine Vorahnung, welchen Status der Lauf hier offenbar tatsächlich einnimmt und was da noch alles auf uns zukommen dürfte. Die gute Dame hat also ihre Reservierungslisten mit den Teilnehmerlisten abgeglichen und sich die Fotos eingeprägt. Bin ich schon jetzt berühmt? Irgendwie kommt es mir so vor. Ab jetzt trage ich meist das "Spartathlon Team Germany"-Shirt.

Ich teile das Zimmer mit Bernhard, der noch einen Tag früher angereist ist und schon zweimal teilgenommen hat. Schnell einigen wir uns auf Nichtbenutzen der Klimaanlage (viel zu gefährlich!), nicht zu Schnarchen und Stoßlüften während der Nacht. Denn obwohl das Zimmer zur Meerseite geht, ist es doch recht laut, einerseits durch die alle paar Minuten unten verkehrende Straßenbahn (nette Trasse: ein grünes Band aus dauerbewässertem Gras zieht sich durch die sonst braune Landschaft), andererseits durch die nonstop Musikberieselung unten am hoteleigenen Pool, in den man hier aus dem 5. Stock irgendwie gerne einmal springen würde. Bernhard ist etwas aufgelöst, denn sein Koffer weilt noch in Amsterdam, und er hat Sorge, dass seine Ausrüstung rechtzeitig zur Verfügung stehen wird. Vielleicht fliegt er nächstes Mal doch von Frankfurt aus direkt nach Athen? Soll ja möglich sein.

Beim Abendessen sind schon etliche der insgesamt ca. 30 deutschen Starterinnen und Starter versammelt und ich sehe immerhin 2 Gesichter vom Deutschlandlauf wieder. Ansonsten kenne ich aber sowohl von den Namen her als auch von Angesicht zu Angesicht nur wenige, was meiner Befürchtung Nahrung gibt, hier auf der gänzlich falschen Veranstaltung zu sein. Die scheinen alle in einer anderen Liga zu laufen und ich halte lieber die Schnauze bzgl. meiner Wochenkilometer, 100Meiler, 24h Läufe etc. Kaum einer wird da weniger zu berichten haben. Ich kümmere mich lieber ums wirklich gute Buffet, das auch für Vegetarier ausreichend Komponenten anbietet. Die sonnengereiften Tomaten sind der absolute Hit, wie überhaupt alles Obst und Gemüse, das wohl auschließlich direkt aus der Region kommen dürfte.

Race Days -2
Der heutige Hauptprogrammpunkt ist natürlich das Entgegennehmen der Startunterlagen, also das Check-In. Das passiert ca. 300m entfernt in einem anderen Hotel. Es gibt 2 Startnummern, einen Zeitnahme-Chip, Teilnehmerausweise, Ausweise und Schilder für den Supporter und sein Fahrzeug (es gibt sehr dedizierte Regeln für den Support, dazu später mehr), Starter-Shirt, und etliche Bögen mit Aufklebern für die Drop Bags, die man ggf. zu den VPs schicken lassen will. Die müssen morgen abgegeben werden. Es gibt allerdings keine Taschen oder Tüten dafür, die muss man selbst organisieren (die Profis packen die natürlich bereits zu Hause, sehe ich später). So verbringe ich den Nachmittag mit einem Gang ins Zentrum von Glyfada, um (möglichst auffällige) Abfallbeutel und einige Ergänzungen zu den mitgebrachten Gels und Rieglen zu kaufen. Die Hauptaufgabe besteht aber darin, sich zu entscheiden, an welche VPs man überhaupt Beutel schicken will und was da jeweils drin ist. Und natürlich irgendwo auch zu dokumentieren, an welchen der 74 VPs man seinen Beutel aufnehmen muss. Ich entscheide mich, dies auf der Rückseite der Startnummer zu dokumentieren.



Es sollte nicht die einizige Folge von Zahlen und Nummern bleiben. Obwohl ich ja Silvio als Supporter haben würde, war zu bedenken, dass er mir nicht beliebig zur Seite stehen würde, sondern ausschließlich an 17 fest definierten VPs. Hinzu kam, dass er erst am Vorabend des Rennens erscheinen würde, wo die drop bags bereits abgegeben sein mussten. Lebenswichtige Utensilien wie z.B. die Stirnlampe oder die Regenjacke (ja, auch dazu später mehr) musste ich daher selbst organisieren und verwalten. Und auch sonst würde eben nicht immer alles sofort greifbar sein. Zu Beginn des Rennens liegen die Supporter-CPs weit auseinander, bei km42 und km80. Und das ist immerhin schon ein ausgewachsener Ultra mit fast 10 Stunden Laufzeit.
Ich entscheide mich aus dem Bauch heraus für eine feste Strategie "alle 20km ein drop bag", was sich zwar ab und zu mit den Supporter VPs überlappte, insgesamt aber durch diese weiter ergänzt wurde. Alles in allem ging das sehr gut auf. Es ist nicht viel übrig geblieben und ich habe auch nie etwas vermisst. Einige Dosen Red Bull kamen noch extern über Silvio hinzu. Gut für den Kopf. Auf keinen Fall hätte ich diesen Lauf mit alleiniger Versorgung durch die VPs überlebt. Die war in der Regel doch etwas dürftig und nicht immer sachgerecht. Stationen mit Nudeln oder Kartoffeln bildeten die große Ausnahme. Melone gab es einmal (!), obwowhl das hier Pfennigware ist.


Race Days -1
Hauptprogrammpunkt: Nicht mehr so viel bewegen. Mittags drop bags wegbringen. Danach hinlegen und auf die Ankunft von Silvio warten. Er würde alles, was ich potentiell unterwegs brauchen könnte, z.B. Wechselsachen und -schuhe, übernehmen. Er wohnt die Nacht im Zentrum von Athen, und wir hatten ausgemacht, dass er nicht zum Start, sondern erst zum ersten offiziellen Supporter-VP nach 42km in Megara kommen würde. Bis dahin wollte ich ihn per SMS über meine jeweilige Position auf dem Laufenden halten.
Ich war mir schon etwas unsicher, ob der Support im Endeffekt nicht kontra-produktiv sein könnte (bei der BC hatte ich diesbzgl. Desaster in frühen Jahren ja mal erlebt; seitdem laufe ich da immer autark). Aber Silvio ist natürlich selbst sehr erfahrener Ultra-Läufer und absolut freiwillig dabei (ich hatte ihn ja nicht gebeten). Und der Gedanke, dass ich im schlimmsten Fall jederzeit von jedem Ort der Strecke abtransportiert werden könnte, ohne auf Besen-Busse warten zu müssen, war zugegebenermaßen sehr beruhigend. Ich gab mir keine sehr große Chance auf ein Finish, zumindest musste ich ein DNF egal aus welchem Grund immer einkalkulieren (das sieht man auch daran, dass kaum ein Mehrfachtäter beim Spartathlon immer gefinisht hat). Und die Wettervorhersage war auch recht speziell: Null Stunden Sonne am Samstag, dafür immer wieder Regen möglich. Das Ganze bei kaum 20° C (nachdem zuvor lange Hitze mit weit über 30° geherrscht hatte). Nicht unbedingt Idealbedingungen, um erschöpft auf einen Abtransport zu warten (allerdings ansonsten Lauf-Idealbedingungen, und die historisch höchste Finisher-Quote von gut zwei Drittel kam wohl nicht von ungefähr).

Es klappt alles wie geplant, Silvio erscheint mit seinem Miet-Micra, wir gehen alle Listen und Klamottenbeutel durch - und dann hieß es nur noch: Wecker auf 4 Uhr (irgendwie immer noch eine gewohnte Zeit nach dem DL), alles packen wegen Räumung der Zimmer während des Laufs (mein gesamtes Gepäck ging morgens nach Sparta, man konnte aber auch Gepäck im Hotel in Glyfada lassen und nur Teile nach Sparta forwarden), und dann um kurz vor 6 rennfertig sein für diesen Lauf, den man sich vorab besser überhaupt nicht ausmalt. Sonst erschlägt es einen.


Race Day 1 Freitag 29.09., Start 07.00
Es konnte nicht falsch sein, exakt in der Ausstattung loszulaufen, in der ich auch mindestens 15 Tage beim Deutschlandlauf komplikationslos unterwegs gewesen war. Das blaue NYC Marathon Ärmellose, die alte unzerstörbare Salomon Tight (ohne Unterbüx drunter), das noch ältere Pearl Izumi Stirnband (das früher mal weiß war), das Limmer-Triathlon Cap, das deutschlandfarbene Wristband. Nur an den Füßen (wohl nicht so entscheidend bei einem 246km Läufchen) erlaubte ich mir entgegen allen Regeln und wider jegliche Vernunft ein kleines Experiment: Die Hokas kamen dran (beim DL gar nicht erst dabei gehabt, weil immer irgendwie blöd gewesen bei den Trainingsläufen). Bisher maximal (mit vielen Blasen) 80km am Stück getragen. Dazu die doppellagigen Wright Socks vom DL, irgendwie auch zu dick. Aber es war eben eine Intuition, und der sollte man folgen. - Sicherheitshalber stecke ich mir doch noch ein Paar Falke RU4 in den Hosenbund, immerhin muss ich ja schon mindestens einen Marathon laufen, bis ich bei ersten Treffen mit Silvio an die Wechselsachen kommen kann.
Für alle Fälle habe ich auch die dünne ToniMara Windjacke dabei, wirklich Sommer soll es ja weder heute noch morgen werden. Im Bus zum Start rauscht die Klimaanlage, und Bernhard ist der einzige, der mit nackten Armen dasitzt. Es ist noch stockfinster draußen, als wir eine halbe Stunde vor dem Start unmittelbar unterhalb der Akropolis aussteigen, und uns in die Kolonne der zum Startbereich strebenden Läufer einreihen. 12 Stunden Tageslicht, 12 Stunden Dunkelheit, 12 Stunden Tageslicht - das wird der Rahmen während dieses Laufes sein. So lange es noch dunkel ist, werden alle Möglichkeiten eines letzten Toilettenganges genutzt - GsD gibt es ausreichend Grünbereiche. Wie das dann bei Tageslicht ausgesehen haben mag, male ich mir lieber nicht aus. Ein schnelles Foto der deutschen Teilnehmergruppe noch (auf dem aber einige fehlen), und schon ist es 06:58 und ich stehe ganz ganz am Ende des knapp 400 Leute großen Läuferfeldes.


Es geht los. Tatsächlich. Ich habe mir vorgenommen, auf den ersten Kilometern immer eine "6" als pace-Zahl auf der Uhr zu sehen. Man hat 4:45 Std. Zeit für den ersten Marathon, man hat 12:45 Std. für die ersten 100km. Es wird eine einzige große Energiesparübung werden (gut, dass ich nicht ahnen konnte, dass mir am Ende von meinen Uhren 20.800kcal für den Lauf in Rechnung gestellt werden würden, da hätte ich mich sofort weinend hingehockt). Also so gleichmässig wie möglich über die Straßen gleiten. Wir sind natürlich anfangs absolut mitten im Zentrum von Athen unterwegs, an einem Wochentag zur rush hour. Uns umgibt ein unglaubliches Verkehrsgetöse aus Autos, Lastern und vor allem Motorrädern. Und erheblicher Gestank. Mehr als in Deutschland in ähnlicher Situation. EU-Abgaswerte? Wohl nur Papier... Polizisten versuchen, die drängelnden und hupenden Autofahrer in Schach zu halten. Das gelingt auch auf den ersten Kilometern, so lange das Feld noch einigermaßen beisammen ist. Aber schon bald mogeln sich immer mehr Roller und Pkw in unsere Fahrspur, und man muss schon ziemlich achtsam sein, vor allem, wenn durch die Läuferkolonne mal eben nach rechts auf eine Tankstelle eingebogen wird. Nach wenigen Kilometern finden wir uns dann auf dem Standstreifen der Stadtautobahn Richtung Korinth wieder, der wir tapfer für die nächste Zeit durch unglaublich triste suburb-Bereiche folgen. Kein Mensch käme freiwillig auf die Idee, hier zu joggen. Einzig ein freilaufender Hund (allgegenwärtig in den Städten Griechenlands) sorgt für etwas Auflockerung. Die nicht gerade austrainierte Töhle begleitet wie selbstverständlich so lange die Puste reicht eine Läufergruppe, um dann mal kurz durchzuschnaufen und sich wieder an die nächste, von hinten folgende Gruppe zu hängen. Kilometerlang. Ob sie es auch nach Sparta geschafft hat?
Kategorisiert man einen Lauf zu einem frühen Stadium nach dem spontanen Gefühl, welches das Laufen anfangs vermittelt, so ahne ich schnell, dass das heute (und morgen!?) kein Bombentag für mich wird, aber wohl auch kein ganz schlechter. Ich komme voran, immer hübsch mit leicht angezogener Handbremse, bloß jetzt noch nicht atmen. Silvio informieren, an welchen VPs ich vorbei bin. Trinken, essen - klar, von Anfang an!

Nach 1:52h habe ich die ersten knapp 20km hinter mir, mit 17min Puffer auf den cut off. Viel darf hier wirklich nicht dazwischen kommen. Die ersten 80km muss man wirklich laufen. Erst danach wird es etwas entspannter. - Wir werden über einen Schulhof geleitet, wo Dutzende Kinder Spalier stehen und abgeklatscht werden wollen. Wir rennen an einer endlosen Raffinierie-Anlage vorbei, schöner geht es kaum. Es muss egal sein, ob man das schön findet oder nicht, ich habe hier eine Botschaft zu überbringen, und das wird bis morgen abend dauern. That's it.

Fr11:13
Fr11:18
Nach 4:15 Stunden rolle ich am VP11 in Megara ein, dem ersten offiziellen Supporter-VP, der überfüllt ist mit den ganzen Begleitfahrzeugen. Silvio erwartet mich, es gibt nicht viel zu besprechen, nach 2:20min Pause bin ich mit 30min Puffer schon wieder unterwegs. Mit Schrecken (so schnell vergisst man alles!) erfahre ich, dass wir uns erst wieder bei km80 treffen werden! - Puh, das ist ganz schön lange und weit. Unterwegs ist jeglicher Support verboten, maximal darf der Supporter mal an der Strecke stehen (bloß nicht mitlaufen!) und rufen: "Du siehst gut aus!" -

Fr12:28
Am VP17 (km61) liegt mein nächstes drop bag und bisher passen die Rationen optimal und es hat sich noch nichts angestaut. Im Gegenteil, ich futtere und trinke ganz ordentlich. Kann nie schaden, später wird das dann immer schwieriger werden. Die Strecke wird jetzt abschnittsweise richtig einladend,  auf einem schmalen, aber auch nicht wirklich verkehrsarmen Sträßchen in Kurven bergauf und bergab immer direkt an der Steilküste und am Meer entlang, bevor es wieder flacher und offener wird und die nächste, noch größere Raffinerie mit beißendem Ölgestank mehr oder weniger zu durchqueren ist.
Der ganz im Stile eines grauen deutschen Herbsttages bedeckte Himmel tut ein Übriges, dem setting etwas Endzeitliches zu geben. Aber bleiben wir bescheiden: Bessere Laufbedingungen kann es eigentlich gar nicht geben! 20° C, und "mit Rückenwind nach Korinth!" (so der diesmal verhinderte Spartathlon-Dauerrenner Maik D. an der Strecke). Am Ende bin ich mir ziemlich sicher: Unter Normalbedingungen, also ca. 10° höheren Temperaturen und mehr oder weniger anhaltendem Sonnenschein auf der eher schattenlosen Strecke wäre ich wahrscheinlich nicht durchgekommen (ich werde es mir allerdings ersparen, diese Hypothese zu veri- oder falsifizieren). - Ich laufe auf Roland vom DL auf und bleibe lange in seinem Windschatten. Er ist eine gute Orientierung für mich. Schneller muss ich nicht, kann ich aber zugegebenermaßen auch gar nicht. - Plötzlich ein komischer Schritt in eines der allgegenwärtigen Schlaglöcher am Straßenrand und - autsch! - da hat es wohl einen der diversen ohnehin nicht mehr wirklich fest verwachsenen Zehennägel umgeklappt. Meine Füße sind seit dem DL in einem bedauernswerten Zustand und sehen wirklich nicht mehr schön aus. Falls sie das jemals taten. Es gibt da unterschiedliche Meinungen. Egal - was mach ich jetzt? Anhalten und Nachschauen? Besser erstmal weiter, gucken, ob sich das beruhigt. Notfalls bei km80 Schuhe und/oder Socken wechseln. Achja, Socken, da hab ich ja sogar noch welche dabei! - OMG, das hab ich ja beim K..... vor dem Start an der Akropolis schlicht vergessen, und nun werden 2 schöne blaue Falke-Socken da irgendwo in den Büschen liegen. Das kommt von diesen unorthodoxen Sperenzchen. - Ach nee, da ist ja doch noch wenigstens eine unterhalb der Windjacke, die auch im Hosenbund steckt. Ok, ich habe noch eine rechte Ersatzsocke, es tut aber links weh. Vergiss es - einfach weiterlaufen, möglichst rund, das regelt sich wieder ein.

Bei km 78 geht es nach genau 8 Stunden auf einer kleinen Fußgängerbrücke über den Kanal von Korinth. Ich hatte ihn nicht so tief und schmal in Erinnerung (aber 1981 ist ja inzwischen auch eine Weile her) - beeindruckend. - Und eine wichtige Wegmarke: Jetzt sind wir endlich auf der Peleponnes, und dort im Süden liegt (morgen) das Ziel. Gleich danach erreiche ich am Ostrand von Korinth den 2. Supporter-VP bei km80, der mit gut 4min Stillstand zu Buche schlägt. Silvio erwartet mich natürlich. Er hat inzwischen Salzstangen besorgt, so was gibt es leider nicht an den VPs. Ansonsten ist alles im grünen Bereich. Weiter! Mit einem Puffer von 75min mache ich mich wieder auf die Strecke, die zunächst noch einen Halbmarathon lang küstennah westwärts im Tiefland durch Wein- und Olivenhaine führt, bevor sie sich jenseits der 100km-Marke endgültig nach Süden den Hügeln und Bergen der Peleponnes zuwendet.
Endlich sind wir weg von den Hauptstraßen, und der Verkehr beschränkt sich jetzt fast ausschließlich auf die Supporter-Fahrzeuge. Die Berge linkerhand geben eine Vorahnung, was noch alles auf uns zukommen dürfte auf den nächsten 100km. Sehr irritierend sind die großen Schneeflecken an den Bergflanken - nein, das sind offenbar doch nur mit hellen Plastikplanen abgedeckte Weinfelder. Etwas ungeduldig (und leicht zu schnell) strebe ich der 100km-Marke entgegen. Sie ist nach 10Std35min am VP 28 in Assos durchlaufen, geplant war eher eine Stunde mehr. Aber ich fühle mich ganz gut. Silvio verwechselt die VPs und düst schnell weiter zu Nr. 29 bei km102, wo er wieder tätig werden darf und ich meinen Laufrucksack mit dem Nacht-Equipment deponiert habe. Das dortige Dörfchen steht Kopf und ich gebe etliche Autogramme an Kinder, die mit Blöcken und Stiften bewaffnet auf die Läufer warten. So komme ich wenigstens ohne Puls am VP an. Ich mache es mir erstmals auf einem Stuhl gemütlich und konzentriere mich aufs Checken und Umpacken des Rucksacks. In einer Stunde wird es stockfinster sein. Das Ärmellose wird mir jetzt zu kalt und ich ziehe ein TShirt an. Die Zeit verrinnt wie verrückt, über 9min! -
VP29 - km102 - 17:55h

Mit inzwischen doch recht beruhigenden - weil immer noch zunehmenden - 110min Puffer mache ich mich auf die Weiterreise. Jetzt wird es langsam richtig ernst: 100km in den Beinen (länger bin ich bisher nur 3mal unterwegs gewesen, die irgendwie bedrohliche Nacht und vor allem auch das Höhenprofil vor Augen, das jetzt doch deutlich unruhiger werden wird.

Wirklich ärgerlich ist das offiziell vom Veranstalter zur Verfügung gestellte Profil (oben), weil es die wirklichen Verhältnisse (unten), insbesondere zwischen km100 und 150 sowie km170 und 230 schlicht falsch wiedergibt. "Jetzt erstmal immer bergab!" bekomme ich später von Silvio z.B. zu hören (aber ich habe wenigstens eine Ahnung, dass dies nicht so sein muss). Ich rolle in die Dämmerung und die Hügel hinein.

Plötzlich ist es ein komplett anderer Lauf. Ruhe. Frische kühle Luft. Das unermüdliche, allgegenwärtige Singen der Zikaden. Wie immer empfinde ich es als wesentlich angenehmer, in die Dunkelheit hinein zu laufen als direkt in ihr zu starten. Einzig ein paar Wolkenlücken fehlen, um die Sicht auf die Sterne freizugeben, die hier in dieser dünn besiedelten und damit wenig lichtverschmutzten Region bestimmt beeindruckend wäre. Ich finde meinen Schritt. Es geht kontinuierlich, aber nicht steil bergauf. Die Läufer sind plötzlich weit auseinander gezogen, zum ersten Mal laufe ich phasenweise auf dem kurvigen Sträßchen "allein".


Ich plane meinen weiteren Lauf: Ich muss an einem der nächsten VPs mehr anziehen, darf auf keinen Fall ins Frösteln kommen. Lange Strümpfe, Armlinge, Kopftuch. Das kostet zwar Zeit - auch die Schuhe müssen für die calfs runter - aber es hilft ja nichts. In Halkion am VP 32 bei km113 rüste ich mich um, das dauert wieder fast 9min. Die im Zehenbereich etwas blutigen Socken zupfe ich nur etwas zurecht, bloß nicht reinschauen. Puffer unverändert bei knapp 2 Stunden. Alles klar. Noch 11km weiter bergauf, bevor kurz hinter Ancient Nemea bei km125 auf einer kurzen Bergab-Passage etwas Erholung anstehen wird.
Ancient Nemea, VP35, km123, 20:55h
Am VP35 hält mir Silvio sein Handy mit etlichen Reaktionen aus der Heimat unter die Nase. Sogar Sprachnachrichten! - Wie toll! - Nein, ich darf die Bande daheim nicht enttäuschen! - Silke soll mich mal anrufen, wenn ich wieder unterwegs bin! - Wow, es sind jetzt schon 2 Stunden Dunkelheit verstrichen, und ich hab sie quasi gar nicht wahrgenommen (die Stunden)! Zu Hause bei einem Trainingslauf war das neulich noch ganz anders. Okay, das darf gerne so weiter gehen... Die Lupine brennt auf niedrigster Stufe mit 0,3W. Das genügt hier allemal und so würde der Akku mehrere Nächte durchhalten. Aber das muss er gar nichtI Außerdem hab ich noch einen zweiten dabei, klar.
Die Verdauung meldet sich, zum ersten Mal seit der Akropolis. Aber das ist ja nun auch schon 14 Stunden her und ich habe seitdem eigentlich kontinuierlich gefuttert (und getrunken). Kleine Mengen natürlich nur, aber kontinuierlich. Am Ende werden es ca. 20 Gels, 250gr Haferkekse, 1 L Kokoswasser, 1 L Powerade, 250gr Datteln, 3 oder 4 Dosen Red Bull und etliche Liter Wasser gewesen sein. Und was man sich sonst noch so an den Stationen greift wie eine Handvoll Nüsse oder ab und zu auch mal eine halbe Scheibe Brot. Da muss also auch mal wieder etwas raus und ich muss innerlich schmunzeln, dass das genau vor der Bergauf-Serpentine rüber nach Nemea passiert und ich da bestimmt gleich förmlich hochfliegen werde.- Ich stelle fest, dass ich hier heute mindestens 3 bis 4 Wettkampf-Distanzen innerhalb des einen Laufs absolvieren werde: den Marathon (geschenkt!), die 100km, die 100 Meilen, die 24 Stunden. Wahrscheinlich wird es sogar eine neue 24h-PB! Verrückt. Und 3mal die BC. Nein, nein, schnell weg mit diesen Gedanken!
Das erledigt sich dann auch quasi von alleine, denn von km130 an stehen - neben dem Übergang über den Sangas-Pass (mit 1060m höchster Punkt der Strecke nach genau 100 Meilen/161km ) - die einzigen 3 unbefestigten Kilometer der Strecke an. Wenn man 15 Stunden auf mehr oder weniger glattem Asphalt, auf jeden Fall aber ohne Steinchen unter den Füßen, unterwegs war, tut jeder einzelne Schritt auf einer Schotterstrecke ziemlich weh - Hokas hin oder her. Dazu kommen die Staubwolken von den Begleitautos. Es geht auch wieder leicht bergauf. Und es tröpfelt. Ätzend. Nein, nicht kämpfen, viel zu früh. Ich falle zum ersten Mal zurück in den Schritt. Macht aber nichts, diese Passage wird vorbeigehen. Tut sie natürlich auch, und bald schon nimmt mich wieder die kleine gewundene Straße auf, die mich jetzt unweigerlich näher und näher an die "Schlüsselstelle" der Strecke, den Abschnitt zwischen Lirkia und Nestani mit der Überschreitung des Passes bringen wird.
Malandreni, VP40, km140, 23:30h
Zuvor geht es steil hinunter zum nächsten Supporter-VP nach Malandreni. Mitten im downhill klingelt tatsächlich das Telefon und ich kann ein paar Sätze mit der Liebsten wechseln. Das bewahrt mich automatisch vor zu hohem Tempo bergab, potentiell genauso ein Killer wie sonstiges Überpacen. Wir stellen fest, dass wir die Restnacht recht unterschiedlich verbringen werden. Ja, jetzt hinlegen wäre eigentlich nicht schlecht. Geht nur nicht.-
Am VP in Malandreni ist der Bär los, ein echtes Dorffest ganz im Stil der Feiern in den Dörfern in der Nacht rund um Biel. Zum ersten Mal gibt es Nudeln, leider sind sie kalt und die Portionen ohnehin viel zu groß (für mich). Genau wie am VP35 brauche ich wieder gut 8min für die Reorganisation. Silvio und ich verkriechen uns aus dem Gewusel in eine stille Ecke am Rand. Wir machen aus, dass wir uns erst wieder am Mountain Base treffen werden, wo der single trail über den Paß beginnt. Es sind zwar nur 20km bis dort, aber die beinhalten gut 600 Höhenmeter und bedeuten damit am Ende auch tatsächlich fast 3,5 Stunden "Pause" für ihn am Stück. Die BC mit dem Entsafter lässt grüßen (allerdings hat man da genau 100km weniger in den Beinen).
Am tiefsten Punkt der Strecke jenseits der 100km-Marke, direkt hinter VP41 "Junction to Lirkia" auf 155m NN, fallen dann einige denkwürdige Ereignisse zusammen: 1. Mein Garmin 310XT piepst und signalisiert "Batterie schwach". 2. Es ist auf die Sekunde genau Mitternacht, er und ich sind also seit 17 Stunden unterwegs (womit sein Piepsen mehr als legitim ist). 3. Es sind noch 100km bis ins Ziel (na gut: 102,6). - Ich bin von mir selbst begeistert, dass ich die 2. GPS-Uhr (A-rival SQ100) schon 3km zuvor in Malandreni gebootet hatte und es jetzt nur noch 2 Klicks sind, die eine zu stoppen und die andere zu starten. Und ich werde wegen der genannten "glatten" Eckdaten keine Schwierigkeiten haben, die Angaben zum 2. Teil-Track auf's Ganze umzurechnen (die Gesamt-Pace ist ja wie gesagt komplett egal, was zählt ist der Puffer zum Cut off - oh, ich vergaß zu erwähnen, dass der genau in diesem Bereich der Strecke mit 2:20h seinen größten Wert insgesamt annahm).
Also hinein in die allmähliche Steigung, die sich zunächst eher unmerklich präsentiert und einem dieses quälende Gefühl von "wieso fällt das Laufen nur so schwer?" vermittelt. Aber schon bald wird der Blick frei auf einen imposanten Talschluß, an dem weit oben am Hang die Lichterkette der beleuchteten Autobahn verläuft und sich eine unübersehbare Lichterkette aus Stirnlampen in großen Zick-Zack-Schwüngen die Flanke emporwindet. Na Mahlzeit! Aber ich bin auch froh, endlich diesen spannenderen Streckenabschnitt, um den sich viele mehr oder wenige wilde Erzählungen ranken, erreicht zu haben. Hinter dem Pass geht es zum Ziel, das steht fest. Ich werde da hoch kommen und mir die erforderliche Zeit nehmen. Was sonst!? - Nachdem ich Lirkia und einen weiteren VP im letzten Bergdorf passiert habe, beginnt es unvermittelt recht bestimmt zu regnen. Recht feine, aber dichte Tropfen... Der Wind bläst dazu wie den ganzen Tag schon weiter recht frisch, und mit steigender Höhe und späterer Uhrzeit natürlich auch zunehmend kühl. Ich hole die Regenjacke aus dem Rucksack - wäre ja auch zu schön gewesen, sie mal umsonst mitzutragen - ziehe sie einfach mit über den Rucksack und verkrieche mich unter der Kapuze. Es ist gut zu wissen, dass man sich auf dieses Teil verlassen kann, die Zugspitz-Runden 2015 und 2016 lassen schön grüßen. Die Brille fängt an, im Dampf zu beschlagen, die Hände werden kalt, das Telefon summt im Rucksack aber ich komme nicht mehr ran. Die Rampe ist gerade etwas zu steil für mich, als dass ich sie ohne Gefahr vorzeitiger Erschöpfung noch laufen könnte, und das Wandern dauert wie immer ewig. Aber es gibt genügend Leidensgenossen um mich rum und nach etlichen langen Kehren unterqueren wir die Autobahn und sind gleich darauf am VP47 Mountain Base, wo aufgrund der Enge ein ziemliches Chaos aus ankommenden und abfahrenden Supporter-Fahrzeugen herrscht. Es ist kurz vor 3 Uhr morgens, es regnet und stürmt, und es hat vielleicht so 12° C, schwer zu schätzen in der Nässe. Irgendwie finde ich Silvio in dem Getümmel und wir versuchen uns unter das Dach eines Pavillions zu drücken. Es ist alles wenig erholsam und in Gedanken bin ich sowieso schon auf den letzten steilen 2km
den Pfad hinauf zum Paß. Trotzdem ist unsere Stimmung immer noch erstaunlich gut und entspannt. Wir werden uns auf der anderen Seite in Nestani wieder sehen. Ich werde genau 2 Stunden für die knapp 12km brauchen. Gut, dass ich das jetzt noch nicht weiß.
Impression vom Trail hinauf zum Sangas-Paß
Mit über 2 Stunden auf den cut off begebe ich mich also im inzwischen zum Sturm aufgefrischten Wind auf den Trail. Die Strecke ist ab jetzt beidseitig durchgehend mit Flatterband abgesteckt, wofür ich äußerst dankbar bin, denn sehen kann ich durch die nasse Brille kaum noch etwas. Zusätzlich gibt es rote Positionsleuchten, die manchmal nur wenige Meter voneinander entfernt sind und zusätzlich stehen Posten an der Strecke. Man könnte meinen, dass dieser Aufwand etwas übertrieben sei, aber ganz ungefährlich ist der Weg tatsächlich nicht, man könnte schon mal ein paar Meter abstürzen, aber vor allem muss man wohl auch den Zustand der Leute ins Kalkül ziehen, die hier mehrheitlich seit über 18 Stunden auf den Beinen sind. - Ich arbeite mich kontinuierlich hoch, genieße es irgendwie, dass mir als altem Brocken-Challenger so ein Wetterchen und Lüftchen doch nur ein feuchtes Stirnrunzeln entlocken kann und finde es fast witzig, als die Sicht kurz vor dem Paß, der ja fast genau so hoch ist wie der Brocken, im Nebel auf die dort üblichen 5 Meter abnimmt. Damit muss die Stirnlampe komplett runtergedimmt werden, und man sieht gar nichts mehr, aber mit Flutlicht sieht man im Nebel eben auch nichts. Ergo: Gaanz langsam auf der anderen Seite wieder runter, durch den knöcheltiefen, mit großen Blöcken durchsetzten Matsch einer Fahrstraße, deren Serpentinen ich manchmal erst erkenne, wenn ich vor ihrer Stirnwand stehe. Der VP oben am höchsten Punkt ist wohl der undankbarste und härteste der ganzen Strecke, keine Sekunde bleibe ich stehen. Dabei hat man da oben fast metergenau die 100 Meilen voll, was allemal ein Grund zum Feiern wäre. Ich hole einen Läufer ein, der offenbar keine Lampe hat und auch nichts auf dem Kopf (ich: Stirnband, Mütze, Kapuze), und ich frage mich, wie er das macht und überlebt und hoffe, dass er sich nicht hinlegt und ich ihn retten muss, denn dabei würde ich wohl erfrieren. Es geht alles gut und irgendwann haben wir wieder Boden unter den Füßen und erreichen im Dörfchen Sagas wieder die Zivilisation. Es hilft nichts: Es geht leicht bergab, es gibt keinen Grund, seit ziemlich langer Zeit nicht mal wieder anzutraben und wieder in einen Rhythmus zu finden. Noch liegt mehr als ein Rennsteig vor mir - oh nein! - verbotener Gedanke. Die Wassertropfen und die Spannung fallen zusehens von mir ab, das Ding liegt hinter mir, und jetzt folgen erstmal etliche eher ruhige Kilometer über eine Art Hochebene in 700 bis 800m, so meine vage Erinnerung.
Nestani VP52, 172km, 05:10h
In Nestani gibt es Silvio und Kartoffeln - wie gut! - und ich sehe erstaunt, dass ich immer noch 2:20h Puffer habe. Bei normalen Bedingungen wäre ich weitaus schneller gewesen und hätte ihn wohl weiter ausbauen können. Und ganz langsam darf ich jetzt auch mal zur Uhr schielen und zum Himmel (oh! da! ein paar Sterne!), ob sich schon irgend etwas Richtung Morgendämmerung tut.- Nein, das dauert noch, und passiert hier letztlich - wie wir heute?/gestern? Morgen an der Akropolis gesehen haben, innerhalb weniger Minuten. Trotzdem - die so gefürchtete lange Nacht liegt so gut wie hinter mir, und ich habe nicht ein einziges Mal ein Gefühl von Müdigkeit im Sinne von Schlafbedürfnis empfunden. Sehr merkwürdig! Aber die ständig wechselnde Strecke mit ihrem Kulminationspunkt genau zur "Toten Zeit" zwischen 3 und 5 Uhr hat dies wohl im Gegensatz zum langweiligen Kreiseln bei einem 24h-Lauf, das ich noch nie ohne Schlafpause überstanden habe, ganz einfach nicht zugelassen.



(ja, es fehlt noch was!)



Müll verführt

ohne Ohrstöpsel /stöcke

Erfindungsgeschichte

bloß nicht sakristeien

sieg der Vernunft (Rest wandern, Leute überholen lassen)

wieso war der Lauf mit diesem Nicht-Training möglich?

Hupen vor Sparta

Trainingsdaten
ab wann bergab 206,212,223?  - die letzten 40km (ab wann geht wandern?)

weg durch sparta
post finish optimierung durch silvio
Hokas weg (-2-3mm)

road trip back

Mara 4:11
100km 10:34
100mi 20:09
24h 182,4km






Alea-Tegea, VP60, km195, 09:03h


Papantonis, VP63, km206, 10:58h



































Dienstag, 20. Juni 2017

24 hours at a time - Burginsel-Lauf 2017



Nee, das ist nicht im Central Park und da hinten versteckt sich auch nicht das Empire State Building. Ich habe mich dort hingewagt, wo die lebensgefährlichen Krankenpfleger wüten und die Stadtwerke in großen Mietblocks einfach Strom, Gas und Wasser abstellen, wenn nicht gezahlt wird - also schlimmer als die Bronx! - und auch ab und zu Hotels in zentralen Lagen abgerissen werden (wodurch dann eine Brachfläche entsteht, die jetzt wohl Hotelwiese genannt wird und keiner, der die story nicht kennt, kann das im geringsten verstehen), und wo man als Wahrzeichen eben nichts anderes hat als diesen objektiv hässlichen Wasserturm (als Göttinger darf ich so etwas sagen, denn in Göttingen haben wir noch nicht mal einen hässlichen Wasserturm als Wahrzeichen). Ansonsten sind Göttingen und Delmenhorst sehr ähnlich: Hier wie dort sind die dazumal stadt-prägenden Kasernen inzwischen abgewickelt und hier wie dort wird gerade das Waschbeton-Pflaster der Fußgängerzone durch Naturstein ersetzt. Nur 24h-Läufe gibt es in Göttingen noch nicht.
Game: Delmenhorst!


Ich habe in Delmenhorst in den siebziger Jahren meine Jugend-Sportkarriere hingelegt - und um der Frage zuvor zu kommen: Ja, natürlich zwangsweise (also auf den Ort bezogen)! - und wie viele von Euch (zwangsweise bereits) wissen, kulminierte das ja in meinem einzigen Landesmeister-Titel (die Disziplin dürfen diejenigen, die es noch nicht wissen, gerne raten!) und einer Ehren-Urkunde der Stadt.

Irgendwie kam ich mir daher dieser ehemaligen Heimat gegenüber (u.a. auch: erste Liebe, Abi) seitdem immer etwas treulos vor - die 5 äußerst intensiven Leichtathletik-Jahre im Delmenhorster TV (was war ich damals immer eifersüchtig auf Vereine, die das "LG" im Namen hatten!) prägten mein Leben vielleicht mehr als man es für möglich hält, auf jeden Fall kommen sie mir rückblickend auch heute noch wesentlich gefüllter vor als die inzwischen verstrichenen 10 Laufjahre, die ja mittlerweile auch so manche Denkwürdigkeit und mehrere Urkunden-Ordner umspannen.

Dass es den 24-Stunden-Lauf von Delmenhorst gibt, hatte ich schon längere Zeit wahrgenommen, aber erst dieses Jahr passte der Termin und das Vorhaben ziemlich perfekt in meinen weiteren Lauf-Plan für das Jahr. Warum also nicht die Gelegenheit ergreifen, dieser gefühlten Treulosigkeit gegenüber der Ex-Heimat endlich etwas entgegenzusetzen? Zumal sich alle anderen Ultras an diesem Wochenende an der Zugspitze (lächerlich: nur 1 Runde!) stapeln! - Delmenhorst - ich komme!

Wie immer hantiert man mit völlig falschen Erinnerungen, wenn es um die Einschätzung von Distanzen an einem ehemals vertrauten Ort geht, an dem man lange nicht tatsächlich war (das kenne ich auch aus Kaiserslautern, dem "Vorgänger" von Delmenhorst, sozusagen). Und so schieße ich an einigen Kreuzungen, wo ich hätte abbiegen müssen, zunächst über das Ziel hinaus, aber so groß ist das Zentrum ja nicht und immerhin hatte meine Mutter zuletzt in Sichtweite des Start-Banners gewohnt und auch der (für mich) neue Kreisel vor ihrer Haustür bei der Feuerwache kann mich am Ende nicht mehr irritieren: Ich parke auf den Graftwiesen nahe unserer alten Vereinshalle vor dem Kiosk neben dem Stadtbad (das jetzt natürlich "Graft-Therme" heißt), der die letzten 40 Jahre ziemlich unverändert überstanden hat und habe damit wirklich 20m neben der Laufstrecke meine Versorgungsbasis für alle Fälle (im Astra, klar).

Die Runde ist offiziell mit 1.205m vermessen und gleicht von der Form her eher einer in der Mitte zusammengequetschten Banane als einem Kreis oder Ei. Sie verläuft durch einen Teil der Graft, eine Art Stadtpark mit ringförmigen Teichen um die Burginsel in der Mitte. Bis heute glaube ich nicht, dass da jemals wirklich eine Burg stand (die stehen doch immer auf Hügeln?). Aber immerhin kann dann später von dieser grünen Wiese, die sich Burginsel nennt und damit sogar Namensgeber der Veranstaltung ist, gegen 23 Uhr ein bombastisches Feuerwerk gezündet werden (arme Vögel!), das einen doch ab und zu aus dem Lauf- in den Gehschritt zwingt, damit man sich das alles auch in Ruhe anschauen kann. Denn so komplett glatt&eben, das man nicht stolpern könnte, ist das Geläuf (kein Asphalt, nur [staubige] Parkwege oder Verbundpflaster [ich hasse Verbundpflaster]) dann doch keineswegs überall.

Eins steht fest: Wenn das hier sportlich einigermaßen im erwarteten Rahmen abläuft, werde ich in diesen 24 Stunden von Samstag bis Sonntag Mittag dieses Stück am Wasser der Äußeren Graft entlang häufiger gelaufen sein als während der ganzen 8 Jahre Delmenhorst zuvor, denn vor den "Langstrecken" draußen zur Wintertrainingszeit habe ich mich nicht selten gedrückt. Überhaupt war damals alles über 1000m (1km) ein Ultra (der Weitsprung-Anlauf hatte halt nur 31m) und alle 10km-Läufer für mich Verrückte.

Delmenhorst, Du siehst: Für Dich nehme ich Einiges auf mich!

Kommen wir endlich zum Wesentlichen:
Was können neben den angerissenen persönlichen Themen die sportlichen Gründe sein, an einem 24h-Lauf teilzunehmen? Dazu fällt mir spontan Folgendes ein:
  • du hast keinen Ärger mit der Streckenmarkierung und Navigation, also Verlaufen scheidet schon mal aus
  • du kannst ausprobieren, wie lange dein (überflüssiges) GPS wirklich hält
  • du brauchst nichts, nicht mal Klopapier, bei dir zu tragen, brauchst dir über Ernährung und Klamotten keine Gedanken zu machen, du kannst dich jede Runde vollfuttern und/oder umziehen oder auf den Pott setzen
  • du kannst es dir einfach mal so richtig geben (wenn du möchtest)
  • du kannst üben, zu widerstehen (dem in Sichtweite der Strecke lockenden "Bett")
Jetzt, nachdem ich den 24h-Lauf von Delmenhorst im Speziellen hinter mir habe, möchte ich noch ergänzen:
  • "Es gibt nichts, was man nicht verbessern kann", sagt man. Falsch!
    Den VP dort kann man nicht verbessern (vor allem, wenn man ihm wie ich als Pflanzenesser begegnet)! - 15 Sorten frisches Obst in mundgerchten Häppchen, 15 verschiedene Säfte, natürlich auch ein Dutzend gekühlte(!) sonstige Getränke, Kuchen, Trockenfrüchte, Nüsse, Oliven, Salziges (in all diesen Kategorien natürlich auch jeweils etliche Ausführungen) sind auf einer 360-Grad-Theke um eine im Normalleben als Bierstand genutzte Bude aufgebaut und werden unermüdlich 24 Stunden lang gehegt und gepflegt.
    100 Punkte! Überraschende Erkenntnis hinterher: Ich habe die ganze Nummer letztlich mit Kiwis, Ananas, Wassermelone, Salzbrezeln, Erdinger, Malzbier und Cola durchgezogen.
wie gesagt, das Buffet geht einmal ganz rum ...
  • du kannst Runde für Runde beobachten, wie lange die Schnecke quer über die Strecke braucht und ob sie es am Ende heil schafft. Du kannst Wetten mit dir abschließen, ob sie schneller sein wird als die Pfütze gegenüber austrocknet. (Sie hat es leider nicht geschafft, also gar nicht).
  • du erlebst (wenn du mit dem Wetter so viel Glück hast wie wir hatten und dem letzten Punkt weiter oben nicht buchstäblich erlegen bist) das sehr langsame Weichen des Tages und das gar nicht soo viel später folgende zögerliche, aber bestimmte Aufsaugen der Dunkelheit durch den blassen Frühnebel. Dein leichtes Frösteln nimmst du gerne hin, denn eins steht fest: Es wird nicht lange andauern. Trotzdem brauchst du dich vor Hitze kaum zu fürchten, denn mindestens drei Viertel der Strecke sind voll beschattet.
  • du ergötzt dich an den bezopften jungen Damen einer nordhessischen Staffel in recht knappen knallroten Trikots, die dich pausenlos überholen (also an ihrem auffallend anmutigen, technisch sauberen Laufstil ergötzt du dich!). Auch ansonsten liefern die vielen Staffel-Teams, die (jedenfalls in den ersten 12 Stunden) in völlig anderem Tempo an dir vorbeiflitzen, eher willkommene Abwechslung als befürchtete Störung deiner Ruhe beim Kreiseln. Verleiten natürlich dennoch zum Überpacen. Aber nur anfangs. Das regelt sich bekanntermaßen alles von selbst. Irgendwann sind dann fast alle gleich schnell. Falls überhaupt noch jemand läuft.
  • es ist unglaublich kurzweilig, die Entwicklungen zu beobachten. Steht der ältere Herr, der da seit Stunden (!) jeden (!) beklatscht und anfeuert, in der nächsten Runde auch noch da? Irgendwann ist er tatsächlich weggebeamt. Und dann steht er plötzlich wieder da. Wie in einem Zeitrafferfilm. - Welcher furchtbare Schlager wird wohl bei der nächsten Runde aus den quäkenden Lautsprechern des Autos an der Hotelwiese schäppern, dessen Besitzer diese Mucke offenbar tatsächlich gut findet (so kamen wir doch noch in den Genuß von "Atemlos durch die Nacht", was in der playlist des Veranstalters wohl verboten war). Es ist 5 Uhr morgens. Vielleicht ist er ja auch nur etwas besoffen auf dem Heimweg. - Eine große Trommel-Gruppe erscheint, spielt ein paar Runden lang und verschwindet. - In der letzten Stunde stehen dann plötzlich (also frisch hingebeamt) 10 kids mit einer Krach-Röhre am Spielplatz und grölen laut mit. Bei ihner Musik-Auswahl (Marmor, Stein und Eisen bricht, et al.) besteht kein Zweifel, dass sie sich selbst nicht ernst nehmen, oder hab ich da mal wieder irgendwas nicht mitgekriegt? -
    Naja, und last, but not least: Jede Runde kannst Du auf den Monitor schielen und sehen, wohin deine sportliche Reise geht (Gesamtplatz, AK-Platz). Manchmal tut sich da auch 10 Runden mal nichts, da muss man dann halt durch.
  • die Fähnchen, mit denen du dich nach 100, 125, 150, 175km usw. eine Runde lang schmücken darfst, sind nette kleine Helferlein zur Aufrechterhaltung der Restmotivation. "Nur noch 10 Runden bis zur Fahne, noch 7, noch 5, noch 4 noch 3 noch 2 noch eine, endlich!!"
  • du kannst bis zu 24 Stunden darüber meditieren, was unter dem Strich die bessere Lösung sei, wenn du nicht mehr kannst: etliche Runden für ein paar lausig zähe zusätzliche Kilometer durchwandern und die damit verbundene spezielle Muskel-Belastung in Kauf nehmen, oder eben richtig schlafen gehen und dann taufrisch (hüstel!) zurückzukommen. Hm, noch keine Klarheit ...
  • du erkennst, dass nicht diejenigen Läufer für dich bedeutsam sind, die du regelmäßig überholst, sondern diejenigen, die du erst bei der Siegerehrung erstmals zu Gesicht bekommst und bis zum Ende recht knapp (das darf man bei 66m Abstand nach 167km doch sagen?) vor dir lagen. 
Gibt es auch Gründe, nicht an einem 24h-Lauf teilzunehmen? Klar (wenn auch nur wenige):
  • wenn du nicht willst, dass du dir nach dem Lauf die Füße waschen musst: Komm besser nicht nach Delmenhorst! Dreck ohne Ende!
  • nirgends ist es leichter, sich dem inneren Sauhund zu ergeben! Du kannst jede Runde aufhören, zwischenzeitlich oder komplett. Du kannst dich einfach auf eine der vielen bequemen Parkbänke fallen lassen, der nachts nett angestrahlten Wasserfontäne in der Außengraft beim Versuch zusehen, etwas Sauerstoff in die trübe Brühe zu fächeln, oder den Entenmüttern bei ihrer Arbeit, den Küken beizubringen, dass sie vor diesen Hunderten Läuferbeinen keine Angst zu haben brauchen und ruhig 50cm neben der Strecke weitergrasen dürfen.
  • wenn man nicht laufen müsste, könnte man einfach Zuschauer sein - ach, wie herrlich! - und wie gesagt: das wunderbare Feuerwerk ganz in Ruhe genießen und Pommes essen und Bier trinken und zur Musik der ziemlich guten Live-Kapellen ein bißchen tanzen. Wie verlockend!
  • du kommst nicht wirklich voran. Aber das ist schlicht eine Schein-Wahrnehmung. Hinterher bist du doch woanders, garantiert!

So, ziemlich viel Text wieder, zum Abschluß noch ein paar harte Zahlen & Fakten zwecks Wahrung der eigenen Erinnerung, denn beim nächsten 24h-Lauf (dies war ja nach Rüningen 2014 [zu viel Helene Fischer, zu wenig Feuerwerk] erst mein 2.!) will ich wenigstens nur neue Fehler machen:

Meine 24h-Burginsel-2017-Episoden:
  1. 12:00 - 18:03
    61.1km, p5:59, Pure Flow4/RU4,
    310XT
    VP alle 4 Runden, viele Runden sekundenscharf in 7:00min
    raus als 8. ges / 1. AK
  2. 18:03 - 18:36
    Dusche in der Turnhalle, komplett umziehen, Nudeln fassen
  3. 18:36 - 20:02
    rein als 14. ges / 4. AK

    13.2km, p6:29, Hoka ATR2/RU4 aus Episode 1,
    310XT
    Dusche war Schwachsinn, hat aber nicht geschadet.
    Das mit den Nudeln geht gar nicht, war zu viel und zu hektisch.
    VP alle 1 - 2 Runden, Rundenzeit interessiert nicht mehr
    raus als 10. ges / 2. AK
  4. 20:02 -21:15
    Wieder komplett umgezogen.
    Versuch, vorzuschlafen, um die Nacht durchlaufen zu können.
    Scheitert. Paar sms geschrieben, dann wieder weiter
  5. 21:15 - 00:03
    rein als 18. ges / 6. AK
    25.8km, p6:33, PureConnect4/RU5,
    310XT
    raus als 8. ges / 2. AK
    bis jetzt 100.2km in 10:20h ohne Episode 2 und 4
  6. 00:03 - 03:55
    mit 100km in den Gräten ungeduscht, aber nochmal umgezogen ins "Bett"
    fühlt sich jetzt ganz gut an.
    Kein Wecker (das Universum entscheiden lassen).
    Bin dann wohl vor Hunger aufgewacht.
  7. 03:55 - 12:00
    also erstmal ein paar von diesen leckeren cantuccini!
    rein als 28. ges / 6. AK
    67.4km, p6:58, PureFlow5/RU5 (beste Kombination), SQ 100
    07:00 Frühstück, 2mal halbes Brötchen mit Butter to go, i.O.
    VP jede Runde (fast)
    am Ende 6. ges / 3. AK
  8. Zusammenfassung
    18.20h auf der Strecke, 167.6km, davon >98% gelaufen, p6:33 incl. VP-Stop-overs

    5:40h Pause (ohne Fortbewegung auf der Strecke)
    Garmin 310XT nach 12h Aufzeichnung noch 30% Akku
    Arival SQ100 nach 8h Aufzeichnung noch 63% Akku
    Episode 2 oder 4 hätte ich mir sparen sollen.
    Dann wäre ich wahrscheinlich nicht 66m hinter dem 5. sondern 28m hinter dem 4. angekommen.
  9. Fazit
    a. allgemein:
    geniale Veranstaltung (nicht nur für diese nach wie vor irritierende Stadt, sondern absolut!)
    b. persönlich:
    geniale Veranstaltung (der Tractus, der im Mai noch rumgesponnen hat, ist wieder ruhig)

und hier noch der link zum namengebenden song für diesen post, kennt vielleicht nicht (mehr) jede/r. Es geht um Frauen und Fortbewegung (was sonst?)

Donnerstag, 30. März 2017

Welcome to the machine - Balaton Szupermarathon 2017

It's just one loop! - Dieser Satz ist so ungefähr der einzige, den ich aus der vielminütigen, engagierten Ansage des Event-Sprechers unmittelbar vor dem Start zur 1. Etappe des Balaton Szupermaraton, die natürlich zu 95% auf Ungarisch gehalten wird, herausfiltern kann. Da hat er wohl recht: It's just one loop! Wenn auch eine recht lange Runde. 193km um den Plattensee, allerdings verträglich verteilt auf 4 Tagesetappen von 43 bis 53km Länge. Damit steht die Veranstaltung im krassen Gegensatz zu der ansonsten ähnlich gelagerten Unternehmung exakt vor einem Jahr im Ostfriesischen. Nur die Höhenmeter bewegen sich in ähnlichem Rahmen, denn sie fehlen hier wie da fast vollständig.


It's just one loop!
Das erinnert mich spontan an diesen bekannten Ausruf von Neil Young bei einem seiner Konzerte: It's all one song. It all sounds the same! Und tatsächlich wird es für mich ein Lauf wie aus einem Guß werden - the water always to your right! - die Kilometer werden sich voneinander kaum unterscheiden, jede Etappe kaum von der vorherigen. Aber das alles kann ich in diesem Moment natürlich noch nicht wissen.

Vielmehr registriere ich erst einmal meine spontane Zuneigung zur Melodie dieser doch recht exotischen Sprache, die einen als West-Europäer ähnlich hilflos dastehen lässt wie das Türkische. Rechts, links, Mann, Frau - wenn es keine Piktogramme gibt, sondern nur Text, ist man komplett verloren. Nein, nicht ganz. Immerhin sind vier wichtige Wörter sofort erlern- und sogar nachsprechbar: Ja. Nein. Wein. Bier. Jó. Nem. Bor. Sör. Bei Danke fängt es aber - genau wie im Türkischen - bereits an, recht kompliziert zu werden - und ich arrangiere mich für die Tage mit der etwas legeren Kurzform köszi.

Eine ehrliche Reise liegt hinter mir. Nicht 2 Stunden Flug, die jede Entfernung eindampfen lassen und jeden sich unterwegs allmählich vollziehenden Wandel kaschieren. Per rumpeligem Nachtzug in die Puszta (oder jedenfalls an ihren Rand). Das summierte sich (mit großzügigen und auch tatsächlich erforderlich werdenden Umstiegs-Pausen in den Metropolen Wien und Budapest) auf letztlich genau 16 Stunden Wegzeit, allerdings wirklich von Haus zu Haus gemessen. Die Hälfte davon war Leidenszeit auf der mit 1,80m deutlich zu kurzen Pritsche im immerhin gut klimatisierten 6er-Abteil. Und es gibt sie noch, die verschrobenen Schlafwagenschaffner, die abends dein Ticket einsammeln, zum Abschließen der Abteiltür raten und dir morgens ungekämmt 2 absolut indiskutable Pappbrötchen mit einem immerhin heißen Instant-Kaffee servieren. Die Geste zählt. Du hattest also ein Frühstück. Die Sonne geht auf und wir fahren hinein. Ungarn - hier bin ich (zum ersten Mal) !

In Kelenföld, einem der zentralen Umsteige-Bahnhöfe von Budapest, gerät man in eine Zeitmaschine: Die Epochen vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (auch wenn wir jetzt eigentlich bereits wieder vor der Phase eines neuen Zaunes stehen) existieren - nicht nur hier - zeitlich parallel und sind oft von einem Punkt aus zu betrachten. Schaue ich von meinem Bahnsteig nach Westen, sehe ich einen hypermodernen Retorten-Bahnhof im Stile von Kassel-Wilhelmshöhe. Drehe ich mich auf der Stelle um 180° nach Osten, wandert mein Blick über die ruinenhafte Fassade des alten Bahnhofsgebäudes, von der quadratmeterweise der Putz abgeblättert ist und die hölzernen Verzierungen weggammeln. Oder ist das hier ein Freilichtmuseum? - Nein, das Klo-Häuschen ist in Betrieb und eben 'das' Klo von Kelenföld. Das Männerklo ist geschlossen. Aber das Frauenklo, wenn auch nicht in einem besonders guten, aber immerhin benutzbaren Zustand. Das in dem Schuppen hausende Männchen hat einen Zahn, hört Klassik und kassiert 150 Forinth. Ja, wir sind jetzt im Monopoly-Land und könnten ziemlich ungehemmt mit Tausendern um uns werfen.

Budapest-Kelenföld, alt & neu
besser als nichts


Nur noch eine gute Stunde und gute 100km in einem Sechziger-Jahre-Style-D-Zug trennen mich vom Start- und Endpunkt der läuferischen Expedition rund um den Balaton am nordöstlichen Seeufer in Siófok (s wird immer wie sch ausgesprochen, außer sz = s, daher auch Szupermaraton). Dafür sind gerade mal 7.60 Euro zu berappen (oder eben 2340 Forinth). Im Taxi vom Bahnhof zum Hotel gelten dann deutsche Preise (3km = 3000ft). Dafür erhält man aber vom freundlichen, fast fließend Deutsch sprechenden Fahrer eine Stadtrundfahrt mit allerlei Erläuterungen. Erster Eindruck: Diese Stadt ist geschlossen, zumindest in diesem ufernahen Bereich. Eine reine Sommerferien-Oase im ausgehenden Winterschlaf. Kein Restaurant, kein Hotel, keine Bude - und von all diesen gibt es reichlich! - hat geöffnet. Außer eben das Hotel Magistern, gleichzeitig Veranstaltungszentrum, wie der Bahnhof Kelenföld ein (teilweise) aus der alten in die neue Zeit hinübergeretteter (Platten-)Dinosaurier mit 10 Stockwerken, aber zweifellos in traumhafter Lage 50m neben dem Seeufer. Ich bekomme ein Zimmer im 6. Stock - mit Balkon. Wow - dieser See ist definitiv riesig, was soll das geben? Der Teppichboden im Zimmer - bzw. die Stellen, an denen er noch existiert - stammt definitiv aus der alten und das schicke Badezimmer definitiv aus der neuen Epoche (Uli erzählt mir später, dass das letztes Jahr noch anders war und bedauert die jetzt fehlende Badewanne).

Wir werden die ganze Veranstaltung über immer an diesen Typus Hotel gefesselt sein - große, objektiv häßliche, merkwürdigerweise völlig überheizte Betonburgen, nachträglich versuchsweise etwas aufgehübscht mit Spa- und Wellness-Gedöns, gleichwohl die einzigen Möglichkeiten, zu dieser Jahreszeit die Hunderte Teilnehmer und Begleiter aufzunehmen. Aber hier ist ja auch kein Urlaub i.e.S. zu verbringen, sondern es sind eher lebenserhaltene Maßnahmen wie Ernährung und Schlaf gefragt. Und diese Anforderungen erfüllen sie uneingeschränkt.

Nach einem erfreulich auswahl- und umfangreichen und nicht in allen Komponenten durch tierische Komponenten verunreinigten Abend-Buffet und dem Zusammentreffen mit den ersten deutschen Teilnehmern (mit denen man auch in der Heimat schon manch Runde geschlurft ist) geht es trotz des späten Starts zur 1. Etappe (10.45h) recht früh auf's Zimmer. Poldi gibt seinen Abschied, auf einem echten Röhren-TV. Sein Jahrhundert-Tor hab ich aber bis heute nicht gesehen...

Blick abends vom Hotel-Balkon in Siófok auf die markante Halbinsel im See


Nach den Vorhersagen stehen uns mindestens 3 trockene, frühlingshafte Tage bevor, wobei gleich der erste der wärmste werden soll. Insofern bin ich für die morgige Hauptwindrichtung SW recht dankbar, denn das bedeutet Gegenwind, also Kühlung. Ansonsten zeichnet sich die erste Etappe neben ihren gut 48km durch eine unglaublich geringe Komplexität aus: Es geht fast wirklich schnurgerade und topfeben am Seeufer entlang bis nach Fonyód. Das bedeutet (zunächst) Gefahr einer äußerst uneinheitlichen, einseitigen Bräunung. Etappenorte unterwegs sind Balatonföldvár, Balatonszárszó, Balatonszemes, Balatonöszöd, Balatonlelle, Balatonboglár. Alles klar? In diesem Stil geht es um den ganzen See. Aber wird das als Ablenkung ausreichen? Und jeder, der schon mal einen wirklich flachen Ultra gelaufen ist, weiß, dass sich das mit der Dauer anstrengender darstellen kann als ein leicht welliges Profil, bei dem man abschnittsweise mal etwas mehr tun muss, sich dann aber auch zum Ausgleich kurz eher passiv rollen lassen kann. Auf einer flachen Strecke muss aber jeder Meter aktiv erlaufen werden.

Was kennzeichnet die Strecke grundsätzlich sonst noch? - Nun, sie geht zu 80% durch besiedeltes (aber wie gesagt aktuell nicht unbedingt bewohntes) Gebiet (Ferienhäuser jedweden Baustils und -zustands). Das bedeutet, dass spontane Klogänge relativ schnell zu einem Problem werden können und der Abwicklung dieses Themenbereichs vorab im Hotel besonders große Bedeutung zukommt. Allerdings gibt es bei einigen VPs auch Dixies. Aber erfahrungsgemäß muss/kann man an diesen Stellen dann ja nicht. - Der Balaton wird insgesamt so ufernah wie möglich von einer Bahnstrecke umrundet. Logisch, dass wir uns immer in unmittelbarer Nachbarschaft dieser Gleise befinden werden. Sie definieren einerseits die größtmögliche Flachheit der Strecke und andererseits irrsinnig lange Geraden (die ich ja inzwischen innig liebe, vor allem, weil die Konkurrenz dort meist mit dem Fluchen anfängt, was sie primär schwächt). Und machen natürlich mehrere Bahnübergänge pro Tag erforderlich. Es gibt eine offizielle Regelung, dass man sich ggf. bei Wartezeiten "ausstempeln" kann. Wir haben recht ungewohnte Zeiterfassungs-Chips (allerdings von der vom TU oder Mauerweg bekannten, sehr zuverlässigen Fa. SportIdent), die man am Start und Ziel in kleine Pseudo-Steckdosen halten muss, also keine Funkerfassung im Vorbeilaufen. Solche Kästchen soll es auch an den Bahnübergängen geben. Ich sehe keine, habe aber auch GsD nicht ein einziges Mal eine Wartezeit und sehe das sowieso ganz entspannt. Dass es am Ende nach 193km tatsächlich um Sekunden gehen könnte, hätte mir vorher keiner erzählen dürfen. Aber: Hinterher ist man immer schlauer und hätte ich mir meinen einzigen Pinkelstopp in den 4 Tagen verkniffen, wäre der AK-Sieg meiner gewesen. Wirklich verrückt!

Tag 1
Wir traben also los. Unmittelbar auf der sonnigen Ufer-Promenade. Das grünblaue, klare Wasser kühlend neben uns geht der Blick hinüber zum von Hügeln gerahmten Nordwest-Ufer, wo wir übermorgen unterwegs sein werden. Kaum vorstellbar, dass dieser See, der etwas größer als der Bodensee ist, nirgends über 3m und im Mittel weniger als einen Meter tief ist. Insgesamt gehört dann das Laufen direkt am Wasser leider eher zur Ausnahme, meist geht es auf ruhigen Sträßchen durch die Ferienhaus-Siedlungen oder auf Radwegen durch die Uferwälder oder Schilfgürtel. Die Karawane der Begleitfahrzeuge - etliche Fahrräder, aber noch mehr Autos - folgen uns, insgesamt aber weniger störend als eine willkommene Abwechslung bietend. Täglich sind einige Hundert Läufer auf den Beinen, neben dem eigentlichen 4-Tage-Solo-Etappenlauf gibt es auch noch Wertungen von Lauf-Paaren, 3er-Staffeln, Einzeletappenläufern, und einem getrennten Halbmarathon am 2. und einem getrennten Marathon am 3. Tag. Zum größten Teil handelt es sich bei den Teilnehmern um Einheimische. Von den lt. Startliste 312 in meiner Wertung Gemeldeten sind nur 44 Ausländer, und von diesen 17 Deutsche, und von diesen fast alle  in meiner AK (hier gibt es nur 10-Jahres-Klassenwertungen, also für mich 50-59). Wie immer.


Nach wenigen Kilometern beginne ich mir leichte Sorgen zu machen: Die Uhr zeigt eine kumulative pace von 5:15min/km an. Beim Baltic Run letztes Jahr (5 * 65km) war ich in 5:45 bis 6:00 unterwegs, bei der Ostfriesen-Serie (4mal Marathon) in 5:20 bis 5:30. Das soll hier ja kein Geballer werden, sondern ein "ruhiger Aufbau-Wettkampf". Schwupps, während ich so grübele, zeigt die Uhr schon 5:12. Und so geht es weiter. Ich atme kaum, bleibe bei den VPs (alle 5-8km) sogar kurz stehen, und trotzdem fällt die pace weiter bis auf 5:09. Kann das gutgehen? Für heute wohl schon, aber was ist mit den Folgetagen? -  Nicht mal die Rauchschwaden von den zahlreichen Gartenfeuern, die über die Strecke wehen, können mich ausbremsen. Ich halte einfach die Luft an, wirklich!

jetzt muss der Öppel noch in die Dose!
Im Ziel in Fonyód nach 48.3km in 4:10:00h fühle ich mich ziemlich surreal - völlig entspannt und unangestrengt. Es gibt beruhigenderweise, wie bei SportIdent gewohnt, sofort einen Quittungs-Bon über die Zeiterfassung in die Hand und (wie an den Folgetagen auch) eine dicke Versorgungstüte mit Süßem (Original Balaton-Riegel!), Salzstangen, Frischem (Apfel, Banane) und sogar einem echten Bier. Das ist mal 'ne Ansage!


Ich setze mich in die Sonne auf eine Parkbank und finde einfach nichts, was in diesem Moment besser sein könnte. Wenn jetzt noch der Rücktransfer nach Siófok (wir übernachten nochmal im selben Hotel, also auch kein Stress mit dem Einchecken etc.) einigermaßen zügig klappt, bliebe nichts zu wünschen übrig. Zwei äußerst nette Dispatcher (Namen leider nicht erfragt) kümmern sich heute und an den Folgetagen professionell und individuell um die Verteilung der Finisher auf die Busse, trotzdem dauert es doch fast eine Stunde, bis der erste 50-Sitzer seine Fahrt aufnehmen kann. War ich so weit vorne im Feld oder haben die Schnellen keinen Bus gebucht? So sind wir erst um 17:30h wieder in Siófok, also alles in allem doch ein recht langer Tag für die vergleichsweise kurze Laufzeit.

Beim Abendessen, das sich GsD nahtlos an die Dusche bereits ab 18h anschließt, findet sich dann der "deutsche Tisch" um Uwe, Uli, Beate, Sandor & seine Radbegleiter (aus dem kältesten Dorf Deutschlands) und mich allgemein gut gelaunt zusammen. Das Bier ist zu preiswert, um es auszuschlagen, das Buffet lässt wie gesagt auch für Ernährungsspezialisten wie mich keine Wünsche offen. Die aushängenden Ergebnislisten werden studiert: Platz 5 für mich in der AK, wobei der Erste genau 10min Vorsprung herausgeholt hat und die anderen wesentlich enger vor mir liegen. Aber hinter mir klaffen auch nicht gerade große zeitliche Lücken und so wird es morgen Abend mit einiger Wahrscheinlichkeit ein neues Tabellenbild geben. So gemütlich es auch ist - dies hier ist ein Wettkampf und kein Trainingslager, also ab in die Koje - oder zumindest in die Horizontale darauf.

Tag 2
Es ist immer wieder spannend, welchen Fehler man sich als nächsten bei einem Ultra, und sei er noch so kurz, leistet. Ich habe heute bei den Wetterdaten geschlampt, irgendwie vorausgesetzt, dass alles so wie gestern sein würde, also schulterfrei / Spaß dabei. Im Prinzip stimmt das auch, und wir starten ja auch erst wieder um 10:30h, nur der Wind, der Wind, das himmlische Kind, der hat gedreht und weht heute sehr frisch aus Norden, also direkt über das Wasser, und noch vor wenigen Wochen war der Balaton komplett zugefroren... Man hat zwar neben dem Hauptgepäck, das heute nunmehr mit uns nach vorne wandert (allerdings auch nicht direkt in den Zielort Szigliget, sondern nach Keszthely am äußersten Westende des Sees, dass wir nach 33km passieren werden - wir müssen am Ende also wieder Bus fahren...), noch einen gesonderten Start-/Ziel-Beutel. Aber in dem steckt heute bei mir keine Windjacke und so schlottere ich die gute Stunde von der Busankunft am Start (Zielort von gestern) bis zum Startschuß ganz gehörig. Mehr oder weniger in letzter Minute entscheide ich mich, trotz Sonne doch nicht wieder das Singlet zu wagen. Als Alternative hab ich dummerweise nur ein schwarzes Langärmelteil dabei (und keine Armlinge), das könnte natürlich zu warm werden, aber im Zweifelsfall besser schwitzen als frieren.
Im Gegensatz zu gestern, als es noch einen initialen Massenstart ohne Chip-Aktivierung gab (also gleiche Startzeit für alle), wird ab jetzt grob in der Reihenfolge der bisherigen Wertung gestartet und dabei in mehreren Startgassen der Chip im Vorübergehen aktiviert, so dass das Feld schön entzerrt auf den Weg kommt. Von der Distanz her steht heute die Königsetappe an, mit knapp 53km immerhin wirklich ein kleiner Ultra, noch zudem mit einer ausgewachsenen Bergankunft unterhalb der riesigen Festung von Szigliget.

Ich bin froh, als es endlich losgeht und Aussicht auf's Warmwerden besteht. An der Charakteristik des Laufens ändert sich zunächst nicht viel: flach, lange Geraden, Bahnübergänge. Das verleitet zur Unachtsamkeit oder gar zum Einschlafen. Dabei ist der Asphalt des teilweise recht maroden Balaton-Rundradwegs, dem wir wann immer möglich folgen, häufig durch unterquerende Baumwurzeln aufgewölbt. Perfekte Stolperfallen! Einen Schweden erwischt es leider heftig und er darf Tag 3 und 4 mit eingegipstem Handgelenk vom Streckenrand aus verfolgen. - Aber ich halte die Konzentration bewusst hoch, auch was die Ernährung unterwegs angeht. Ich habe einen groben Plan, an welchen VPs (die grundsätzlich Abstände zwischen 5 und 8km einhalten und alles Erforderliche anbieten) ich meine 3 mitgenommenen Gels einwerfe. Ansonsten fülle ich dies giftig-blaue Powerade (was mir offenbar gut bekommt!) in meine kleine Handflasche (und verzichte fast vollständig auf Cola), und nehme an jeder Station ein paar Salzstangen, that's it. Hat gestern funktioniert, und funktioniert heute wieder.

Ziemlich genau nach der Hälfte der Distanz nimmt der Streckenverlauf am südwestlichen 'Ende' des Sees eine scharfe Wendung aus der westlichen auf eine nördliche Richtung. Und wir stehen damit plötzlich direkt im Wind und mit dem bisherigen geruhsamen Dahintraben ist es schlagartig vorbei, zumal das Gelände nun auch erstmalig leicht wellig wird. Blick zur Uhr: Kann ich die bisherige Durchschnittspace halten? - Stimmt, das habe ich ja noch gar nicht erwähnt, da steht seit km10 heute eine doch recht erstaunliche 5:06 auf dem Display! - Seit vielen Kilometern ist ein Läufer in Sichtweite um mich rum, mal bin ich 20m vorn, mal er. Nach der Gesichtsfurchentiefe durchaus ein Kandidat für meine AK. Läuft wie ein Uhrwerk. Typ HB-Männchen: Klein, leicht, kein Gramm Fett, eigentlich auch keine sichtbaren Muskeln. In diesem Moment weiß ich noch nicht, dass es Zoltán, einer meiner 2 Konkurrenten für das AK-Podium ist, aber ab dem nächsten Morgen kennen wir uns dann... Jedenfalls ist er heute und auch noch mal am letzten Tag der Garant dafür, dass ich nicht ins Bummeln komme. Trotz Gegenwind und Wellen bleibt die pace bis ins Ziel also bei 5:08.
Meine heutigen 5km-Splits:
25:44 - 25:22 - 25:27 - 25:15 - 25:30 - 25:48 - 25:50 - 25:33 - 25:32 - 26:05
Welcome to the Machine.

Zoltán zufällig gerade mal hinter mir, oft war es auch umgekehrt

Im Ziel unterhalb der Burgruine hat sich die Sonne leider hinter einer dünnen Wolkendecke verkrochen und der nach wie vor recht frisch wehende Wind sorgt dafür, dass man schnell zu frösteln beginnt. Ich orientiere mich also zügig Richtung Transfer-Bus. Das erwähnte Team mit den Bus-Listen erwartet mich schon und man gibt mir zu verstehen, dass man bemüht sein wird, einen 9-Sitzer-Van so schnell wie möglich zu füllen und vor den großen Reisebussen auf den Weg zu schicken. Das ist natürlich doppelt genial, denn 1. dauert es nicht so lang und 2. geht das Check-In im Hotel auf diese Weise natürlich ebenfalls deutlich schneller über die Bühne. Diesmal lande ich zwar nur im 1. Stock, genieße aber dennoch wieder einen ziemlich großartigen, ungestörten Blick auf den See. Und hier hat man sich löblicherweise bei der Grundsanierung des Etablissements dazu entschieden, auch die Badewanne zu erhalten, so dass es ein sehr wohltuender Vor-Feierabend wird.
Von deutschen Kollegen daheim an den Geräten erfahre ich dann bald, dass ich nunmehr um 40sec vor dem 3. in der AK (Zoltán) liege, aber inzwischen um 14min hinter dem nach wie vor führenden László. Positive Interpretation: Ich war heute nur noch 4min langsamer als er und nicht mehr 10 wie gestern. Ist mir aber auch ehrlich gesagt ziemlich egal, so lange es weiter so läuft wie bisher, nämlich super. Keinerlei muskuläre oder orthopädische Handicaps, maximal 2 Zehennägel sehen nicht wirklich gut aus, aber das taten sie auch bereits zu Beginn der Unternehmung nicht.


Tag 3
Ohnehin als kürzeste Etappe mit 45,2km angesetzt, muss die Distanz am 3. Tag um weitere 3km reduziert werden. Grund dafür sind umfassende Bauarbeiten im Zielort Balatonfüred. Also genau "nur" ein Marathon. Aber Vorsicht: Falle! -
Der Startpunkt liegt heute nicht am Ziel von gestern, sondern einige Kilometer weiter Richtung Osten in Badacsony. Auf der Fahrt dorthin erkenne ich auch den Grund dafür: Hier zieht sich eine sumpfige, schilfüberwucherte Bucht des Sees weit landeinwärts, und die ufernächste Trasse ist die der Hauptstrasse, die hier noch nicht einmal von einem Radweg flankiert wird. Eine gute Entscheidung der Veranstalter, uns diesen kurzen Abschnitt zu ersparen, auch wenn dadurch die lückenlose Umrundung des Sees verhindert wird. - Am Startpunkt neben einer Tankstelle ist die Hölle los, denn heute ist Samstag und es findet ein gut besuchter, begleitender Solo-Marathon statt (der sich logischerweise nun die komplette Strecke mit uns See-Umrundern teilt). Die unverbrauchten Recken gehen aber eine halbe Stunde vor uns auf die Piste, so dass es zu keinen besonderen Stockungen unterwegs kommen dürfte. Nach der Verabschiedung der täglichen Frühstarter (Teilnehmer, die am Vortag erst innerhalb von 15min vor dem cut off ankamen) begebe ich mich auf einige lockere Einrenk-Runden auf dem Parkplatz und treffe dabei auf Zoltán, der sehr offen und sympathisch ist und gut englisch spricht. Intuitiv schätze ich ihn als den Stärkeren von uns beiden ein, auch wenn er 3 Jahre älter ist (und damit eigentlich in die M60 gehört, aber wir haben hier internationale, also am Geburtstag orientierte AKs). Mann wird sehen. Den AK-führenden László kenne ich bis dato noch nicht (nur seine Start-Nr. 305, evtl. taucht die heute ja irgendwann mal auf ...).
Erneut bin ich ehrlich ziemlich überrascht, als ich nach 2, 3km eine pace von unter 5 auf der Uhr sehe, die dann auch auf den folgenden Kilometern Bestand hat. Ich ergebe mich wie an den Vortagen ansatzweise mutig meinem Schicksal und bremse mich nicht künstlich aus. Ich bin vor Zoltán gestartet und sehe ihn nicht, laufe also einfach mein Ding runter. Ich nehme die hübschen, angenehm - weil klein und bescheiden - daherkommenden Kirchlein in den Dörfern wahr, schaue nach links hinauf in die bewaldeten Hügel, auf denen es mehrere verlockende Aussichtstürme in offener Holzbauweise gibt, die bestimmt eine überragende Aussicht bieten, und passe auf, dass ich nicht in eine spontan aufgerissene Beifahrertür eines der heute wegen des Marathons noch zahlreicheren Begleitfahrzeuge donnere.

"Hast Du die Raketen und Panzer heute gesehen?", werde ich abends gefragt.
"Nein!", antworte ich wahrheitsgemäß.

Es dauert nicht lang, bis man auf die Langsamsten des Solo-Marathons aufläuft. Bekanntermaßen macht einen so etwas auch nicht langsamer. Und dann sehe ich vorne plötzlich diesen Läufer, der ein aussichtsreicher Kandidat für die Nr. 305 ist. Er trägt seine Startnummer ordnungsgemäß vorne und so bleibt mir, um letzte Gewissheit zu erhalten, nichts übrig als ihn zu überholen, was bestimmt 3km in Anspruch nimmt. Tatsächlich - er ist es! - Ich ziehe bei km27 vorbei und stelle triumphierend fest, dass ich jetzt 1. AK in der Tageswertung bin. Denn Zoltán (#236) muss hinter mir sein. Dies ist so eine Art 'point of no return' für mich: Wenn Du vorbei gegangen bist, solltest du auch vorne bleiben, wenn du dir nicht eine arge Blöße geben willst. - Und vielleicht liegt in der Konzentration auf diese Gedanken um Positionen und mögliche Rennausgänge auch der Grund, dass ich eigentlich wichtigere Aspekte, wie z.B. die Ernährung, heute etwas vernachlässige. Insbesondere fehlt mir wohl das Salz (kaum Salzstangen gefuttert). Jedenfalls fühle ich ab km35 doch merklich den Mann mit dem Hammer sein Werkzeug über mir schwingen, muss also erstmals kämpfen, die pace annährernd zu halten. Und dann rauscht ohne jede Vorankündigung Zoltán bei km38 an mir vorbei. Ich bin völlig überrascht und habe keine Chance, ihm zu folgen. Ultra-Fehler Nr. II: Ich war davon ausgegangen, dass ich ihn heute nicht (mehr) sehen würde, und hatte nur 'Angst' gehabt, dass die 305 mich noch einmal einholt. Ich hatte mich an einem Szenario ausgerichtet, dessen Eintreten in keinster Weise gesichert war. Eigentlich peinlicher Anfängerfehler, schadet aber nicht, wenn er ab und zu mal wieder passiert.

Im sonnigen Ziel wird immerhin noch eine glatte 3:31h für mich verbucht, eine Marathon-Zeit, die ich in letzter Zeit auch nicht jeden Tag gelaufen bin, und erst recht nicht mit 100km aus den Vortagen in den Beinen. Die Marathon-Durchgangszeiten am 1. und 2. Tag waren 3:38h und 3:35h, und so platt, wie ich jetzt hier auf der Wiese liege, ist eines klar: Die wird morgen, wenn es noch einmal über 50km gehen wird, nicht noch einmal gesteigert werden können.

Diesmal liegt das Hotel 15km voraus in Balatonmádi. Ich sitze wieder im 1. Shuttle und darf mich dann fast im Himmel wähnen - 10. Stock! - geniale Aussicht. Wieder völlig überheizte Bude, allerdings auch direkte Südseite. Ich tanze splitternackt vor dem Fenster rum, blicke auf den modellbahnmässig unter mir liegenden Bahnhof und freue mich auf ein wirklich entspanntes Bad in einer dieser seltenen Wannen, in denen auch ich meine Gräten mal komplett ausstrecken kann, als es klopft. "What's your name, Sir?" - "aschu." - "Ok, here is your passport!" Augenscheinlich leicht unterzuckert hatte ich den wohl auf dem Weg vom Check-in zum Zimmer verloren...

die 3 Lauftage haben bereits Spuren hinterlassen
Per SMS trudeln ungefragt die neugierig erwarteten Infos ein: Zoltán liegt wieder 3:39min vor mir und hat mir heute somit auf den wenigen Kilometern noch über 4min abgenommen! Auf László konnte ich nur gut 2min gutmachen und er liegt immer noch 11:39min vor mir. Später entnehme ich der ausgehängten Liste, dass mein Vorsprung auf den AK-Vierten 25min beträgt. Das legt für mich nahe, mich morgen nicht mehr allzusehr zu schinden und den 3. Platz entspannt zu verteidigen. Auch dafür soll es bereits einen Freistart für den nächsten Balaton-Lauf geben! Ich könnte mir locker pace 5:25 erlauben, falls der 4. im selben Tempo wie bisher weiterläuft! - Als ich diese Gedanken mit H. aus Bad K. in Deutschland kommuniziere, bekomme ich böse eins auf's Dach und die Devise "ANGRIFF!!" ausgegeben. Der hat gut reden! Immerhin ist der Start morgen bereits um 8 Uhr (und nicht wie bisher immer erst nach 10) und heute Nacht auch noch Zeitumstellung (in die 'falsche' Richtung)! Wecker auf 5 Uhr (also gefühlt 4), Bus geht um 6:40h!


Tag 4
Die spannendste Frage für mich am frühen Morgen: Wie wird mein Verdauungstrakt mit dem geänderten Zeitregime heute umgehen? Ich möchte angesichts der Tabellensituation nicht unbedingt ein oder zwei Minuten unterwegs in den Büschen verbringen müssen. Hoffentlich gibt es im Startbereich etwas Grünland und Auslauf... Ja, Glück gehabt, den gibt es. Wir starten vom östlichen Ortsrand von Balatonfüred, wo gestern eigentlich auch das Ziel hätte sein sollen. Novum in der pre-race-Prozedur heute ist, dass die bisherigen drei Schnellsten der AKs vom Ansager aufgerufen werden (das kriege ich natürlich nur darüber mit, dass irgendwann auch mein Name fällt). Mein durchaus ernstgemeinter Plan, hier heute die Position nur noch zu verwalten, wird damit arg torpediert, denn nun stehen die "schnellen" Hunde (und Hündinnen!) alle ganz vorne vor dem Feld und als die Startfanfare ertönt, bleibt mir nichts übrig, als mich mit ihnen in Bewegung zu setzen. Es weht ein eiskalter Wind (wir haben ca. 5°) aus Nordost. Das bedeutet Gegenwind auf den ersten 20km, Seitenwind entlang der nordöstlichen Schmalseite des Sees zwischen Balatonfüzfö und Balatonakarattya (hübsche Namen, oder?) und Rückenwind im Endspurt auf den letzten 15km heim nach Siófok, wo exakt am Startpunkt des ersten Tages der Zielbogen stehen wird. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und Ärmlinge und die TGC-Weste dabei. Ich lasse alle vor: Zoltán, László, und die führenden zwei Damen, wobei ich mich frage, wie die zweite, Éva, in ihrem Spaghettiträger-Singlet und den nicht nur tighten, sondern grenzwertig kurzen pinken Shorts (kann sie aber durchaus tragen!) in dieser Kälte überleben will.

Ich laufe 'auf Sicht', also die 236 und die 305 immer in Reichweite. Solange das so bleibt, ist der 3. Platz nicht in Gefahr. Ich mache mich dabei nicht tot, aber es läuft auch nicht gerade von alleine und schon wieder muss ich diese erschreckende pace auf meiner Uhr sehen: 5:05 (hat das was mit meiner Startnummer zu tun? 4:65 ist ja immerhin auch 5:05!) - "Aschu, komm, lass sein, was soll der Unfug?" - "Aber H. hat doch gesagt ..." - "Ach, lass den doch, der hat gut reden und schlürft gerade seinen 2. Kaffee." - So geht das ein paar Kilometer lang, was nichts daran ändert, dass die 236 und die 305 immer noch 50m vor mir hergurken. Nur das rosa Höschen ist längst nach vorne enteilt (hatte ich die ganzen Tage zuvor ja auch nie gesehen). Rennleiter (versenyigazgató) Árpád kommt wie jeden Tag mehrmals auf seinem Motorroller vorbeigetuckert und schaut nach dem Rechten.

Bei km8 ist die 236 plötzlich ziemlich weit vor der 305, und ob ich will oder nicht, auch ich komme László kontinuierlich näher und überhole ihn schließlich. Seine Gesamterscheinung transportiert nur eines: Das dürfte heute hart für ihn werden, sehr hart. - Und ich sollte mir daher überlegen, ob ich anfangen möchte, an seinen 11:39min-Vorsprung ernsthaft zu knabbern. Was ist mit Zoltán, der 236? Hat er gestern bei seinem fulminanten Finish überzogen? Nicht unbedingt auszuschließen, denn ich bin ziemlich konstant durchgekommen, und vorher ist er auch die ganze 2. Etappe sehr gleichmäßig mit mir gelaufen. Kann er das auffangen? Aber auch er muss erstmal noch ca. 8min auf László gutmachen...  Zoltán hat Support durch seine Frau, die mit dem Auto unterwegs ist. Dieser Support beschränkt sich aber absolut auf das Reichen von Getränken und Gels an den VPs. Zoltán bleibt keine Sekunde stehen, und wenn ich über zähe Kilometer 50m auf ihn gut gemacht habe, sind die an den VPs wieder futsch, weil ich bei meiner Ernährungsstrategie bleibe, die u.a. das Auffüllen der Handflasche umfasst. Vom km13 bis 20 stehen wir voll im Wind, zudem geht es oft leicht bergauf. Er bleibt hinter mir, sehr nahe, will er meinen Windschatten saugen? Soll ich anfangen, mich darüber zu ärgern? Nein, nein, ich verbiete es mir. Das Ding hier wird bestimmt anders entschieden.

Ab km 22, als wir die äußerste nördliche Bucht des Sees hinter uns haben, ist endlich etwas Erholung angesagt. Seitenwind. Erstmals Sonne heute, eine Wohltat. Weste aus. Handschuhe aus. Es rollt leicht bergab. Sammeln. Essen. Trinken. Dann bald ein erster vergleichsweise scharfer Stich bei Balatonkenese hinauf auf die Uferterrasse, gefolgt von einem kaum laufbaren Steilstück bergab zurück zum See. Zoltán ist wieder hinter mir, nachdem er bei km25 schon endgültig nach vorn entschwunden zu sein schien. Dann der längste, steilste Hügel des ganzen Rennens hinauf zum VP bei km35 in Balatonakarattya (wir reden von albernen 50 Höhenmetern auf 500m Distanz, also immerhin 10% Steigung, die nach 170km mit durchschnittlich unter 1% wie eine Wand wirken). Ich laufe durch, aber im Schongang, sodass sich der Puls so wenig wie möglich erhöht. Ich höre nichts mehr von hinten. Ich dreh mich nicht um. Ich verpflege mich 'in Ruhe', nun doch ein flüchtiger Blick über die Schulter: keine Spur von Zoltán! Keine Euphorie jetzt hier bitte! Es sind noch 15km, auf denen kannst du 15mal sterben!

Was ist das da vorne? Ein rosa Höschen. Wird größer. Kommt näher. Bei km39 hole ich Éva ein und sie fragt mich freundlich auf Englisch, ob ich was dagegen hätte, wenn wir zusammen weiterlaufen würden. Nee, natürlich nicht, auf keinen Fall! Bloß: Warum hab ich sie eingeholt? Genau, weil ich (heute) schneller bin als sie. Und so bleibt das auch. Und nach einem gemeinsamen Kilometer, während dem ich ihr wohl gehörig Energie abgesaugt haben dürfte (so ist das meinem Gefühl nach wirklich oft, wenn zwei nebeneinander herlaufen: Einer gewinnt Energie auf Kosten des Anderen!), fällt sie endgültig zurück. Mein Marathon-Durchgang heute: 3:35h.


Ich renne jetzt wieder fast konstant unter 5er pace, teilweise sogar 4:45, ich segle mit Rückenwind! Es ist nicht mehr weit! Es ist eine spektaktuläre Szenerie: Ein weiter, gleichmässig geschwungener Uferbogen, wohl der schönste Abschnitt des ganzen Rennens. Wir laufen ca. 30 Höhenmeter oberhalb des Wassers, und ja, ich kann es schon sehen, das Ziel, das durch den wuchtigen Klotz des Hotels markiert wird. Der Rest ist jetzt überschaubar. Ich kann es jetzt laufen lassen. Gebe 90%. Den Rest brauche ich noch für die Rückreise (diesmal kein Liegewagen)!

Welcome to the machine - reloaded!


Ich komme unglaublicherweise in einer ähnlich guten Verfassung an wie nach der ersten Etappe. Ich bleibe diesmal einfach im Zielbereich stehen und schaue auf die digitale Rennuhr. Mindestens, allermindestens 3:30min müssen jetzt verstreichen, bevor die 236 in die Zielgasse einbiegen darf. Dann wäre ich mindestens Zweiter. Was mit László ist, steht in den Sternen. Ich kann jetzt Erster sein, Zweiter oder Dritter. Ich freu mir einen Ast über diese Spannung und Ungewissheit. Los, blöde Uhr, tick schneller!! - Da kommt Zoltán. Nach 3:30min. Ich fasse es nicht! Wir umarmen uns. Keiner weiß, wer jetzt hier um wieviele Sekunden vorne liegt. - Die Info kommt wieder prompt aus Bad K.: "Gratuliere, Platz 2! 28sek fehlen!" Mein erster Gedanke: Ich werde lieber auf diese Weise Zweiter als andersrum Erster. 28 Sekunden Differenz auf die Distanz von 193.3km in meiner Geschwindigkeit: Das entspricht nach meinen Berechnungen 91 Metern. - Und wenn wir schon aus diesem Anlass notgedrungen auf die Gesamtzeit schauen: Da stehen 16h27min - 18 Stunden hatte ich mir vor dem Lauf als Optimum ausgemalt (und Uli wiederholte während der Tage seine Forderung, dass ich 'baden gehen' müsse, sollte ich diese Marke unterbieten [dieser Plan {und somit nicht ich} ging am Ende dann doch 'leider' unter...]). Zufriedener kann man also kaum sein. In der Gesamtwertung bedeutet das den 16. Platz (von 202 Finishern) bei den Männern und (wie gewohnt) die '3. Frau'. - Nur ein klitzekleiner Zweifel bleibt: Musste diese 29sek-Pinkelpause am ersten Tag wirklich sein?

Eine ganze Etage im Hotel ist für die Läufer für's Umziehen und Duschen freigegeben, und ich zelebriere das ausgiebig. Wow, der ganze Aufriss, der letztlich auch finanziell nicht ganz unerheblich war, hat sich also gelohnt! Die Wartezeit bis zur Siegerehrung verbringe ich neben der Verabschiedung von Uli, Sandor und den radelnden Sachsen, die sich bereits auf die Rückreise machen, nicht zuletzt mit wirklich herzlichen Erörterungen zum Rennverlauf mit László und Zoltán. Einfach nette Typen! Bei der Zeremonie wird vernünftigerweise mit den Einzel-Komplettrunden-Läufern angefangen. Der Saal ist voll und es gibt viel Applaus. Neben einem hübschen, handlichen Pokal (der noch irgendwie in den Koffer passt) gibt es für mich tatsächlich Freikarten für den nächsten Balaton UND den Budapest-Marathon im Oktober (schon gebucht!).

das M/W50-59-Podest. Doch noch auf gleicher Höhe mit Zoltán

Ich gönne mir wieder ein Taxi zum Bahnhof. Und noch ein wohlverdientes Bier beim Warten auf den Express nach Kelenföld - in der freundlichen ungarischen Frühlingssonne. Gut, dass ich letztes Jahr nach dem vergleichbar erfolgreich verlaufenen Mauerweglauf nicht wirklich aufgehört habe - ich hätte was verpasst!